Fachjournalistin Elli Radinger liest in Rödinghausen
»Wölfe sind die besseren Menschen«

Rödinghausen (WB). Einen Großteil des Jahres hält sich Naturforscherin ElliRadingerim Yellowstone-Nationalpark in Wyoming auf, um Wölfe zu beobachten. Am Sonntag, 11. Dezember, kommt die Journalistin nach Rödinghausen, um in Brüngers Landwirtschaft ab 20 Uhr aus ihren Weihnachtsbüchern zu lesen und von ihrem Leben in der Wildnis zu erzählen. KathrinHeerenhat vorab mit der Wolfsexpertin gesprochen.

Freitag, 02.12.2016, 22:00 Uhr aktualisiert: 07.12.2016, 12:29 Uhr
Wölfe sind Elli Radingers Leidenschaft. Ihren Beruf als Anwältin gab sie auf, um sich ganz den Tieren zu widmen. Über ihre Erfahrungen spricht sie am 11. Dezember in Rödinghausen. Foto: Askani
Wölfe sind Elli Radingers Leidenschaft. Ihren Beruf als Anwältin gab sie auf, um sich ganz den Tieren zu widmen. Über ihre Erfahrungen spricht sie am 11. Dezember in Rödinghausen. Foto: Askani

Frau Radinger, wie kommt es dazu, dass Sie so eine große Wolfsfreundin sind? Wann hat alles begonnen?

Elli Radinger: Wie die meisten von uns Wolfsleuten bin ich über den Hund auf den Wolf gekommen. Ich wuchs mit einem Schäferhund auf und hatte immer Hunde.

Sie haben sogar Ihren Beruf als Rechtsanwältin aufgegeben, um als Fachjournalistin über Wölfe und Naturthemen zu schreiben. Was hat Sie zu diesem Schritt bewegt? Hatten Sie keine Angst, den sicheren Job hinter sich zu lassen?

Radinger: Mein Leben als Rechtsanwältin war für mich so frustrierend, dass ich diesen Job nicht für den Rest meines Lebens machen wollte. Darum begann ich ein Praktikum mit Gehegewölfen in einem amerikanischen Forschungsgehege. Danach lernte ich in Minnesota alles über die Forschung mit wilden Wölfen, bevor ich mit meiner Arbeit in Yellowstone begann.

Sie haben viel Zeit im Yellowstone-Nationalpark verbracht und dort wilde Wölfe beobachtet. Was genau haben Sie dort zu sehen bekommen?

Radinger: Ich habe dort vor allem gelernt, dass wilde Wölfe ganz anders sind als Gehegewölfe, die sich eher »nicht wölfisch« verhalten. Ich habe Wolfsfamilien erlebt, in denen die Leitwölfe (Eltern) das Vertrauen der Gruppe genießen. Den dominierenden Alphawolf gibt es nicht, vielmehr führen die Leitwölfe durch ihr Vorbild die Familie. Faszinieren für mich war auch zu sehen, wie liebevoll sich das ganze Rudel um verletzte und alte Wölfe kümmert. Es gibt weder häusliche Gewalt noch wölfische Altenheime. Sehr faszinierend sind für mich auch jedes Mal die Paarungszeiten oder Jagden. Ich sah eine Jagd mit fast 30 Wölfen. Wo bekommen Sie das in Europa schon zu sehen? Ich kann inzwischen auf insgesamt mehr als 8000 Beobachtungen wilder Wölfe zurückblicken. Nach meiner Erfahrung kann niemand das Verhalten von Wölfen beurteilen, der sie nicht über einen längeren Zeitraum im Freiland beobachtet hat.

Was war Ihr bisher bewegendstes Erlebnis mit den Wölfen?

Radinger: Es gibt nicht ein einziges bewegendes Erlebnis sondern zahlreiche, und zwar immer wieder der liebevolle Umgang der Wölfe miteinander oder das Trauern um ein verstorbenes Rudelmitglied. Am meisten haben mich jedoch meine zahlreichen Nahbegegnungen berührt, wo die Wölfe nur wenige Meter von mir entfernt waren und keine Angst vor mir hatten.

Wie muss man sich Ihr Leben während dieser Zeit in der Wildnis vorstellen? Schlafen Sie im Zelt, haben Sie noch Kontakte zur Außenwelt?

Radinger: Ich arbeite im Yellowstone-Wolfsprojekt mit, das heißt, dass ich bei jedem Wetter von früh morgens bis abends draußen im Park stehe und die Wölfe beobachte. Dazu fahre ich mit dem Wagen zu den bevorzugten Orten »meiner« Wölfe, die ich ja kenne, und warte dort auf sie. Wenn ich sie sehe, melde ich das per Funk dem Biologen und notiere, was sie tun. Beispiel: »4 Stunden schlafende Wölfe; Schnee, -35°«. Ich wohne in einer Blockhütte. Und ja, wir sind eine kleine, eingeschworene Gemeinschaft von Freiwilligen, die im Wolfsprojekt aushelfen, haben also immer Kontakt untereinander und tauschen uns aus.

Können Sie Ihre Leben durch Bücher und Fachartikel finanzieren? Oder sehnen Sie sich manchmal nach Ihrem früheren Beruf zurück?

Radinger: Ich finanziere mein Leben durch meine Bücher, aber auch durch Lesungen und Fachvorträge. Und zurück zum früheren Beruf? Niemals!

Reisen Sie derzeit immer noch in die USA, um Wölfe zu beobachten?

Radinger: Nach der Präsidentenwahl in den USA habe ich meine Wolfsreisen bis auf Weiteres eingestellt. In den meisten Gebieten, in denen die Republikaner an der Macht sind, ist inzwischen die Wolfsjagd erlaubt, mit Ausnahme vom Yellowstone-Nationalpark. Ich unterstütze das nicht. Dafür habe ich schon das eine oder andere Mal Urlaub in den deutschen Wolfsgebieten gemacht - bisher jedoch leider noch ohne Sichtung.

Während die meisten Menschen Hunde lieben, stehen sie dem Wolf eher mit Skepsis gegenüber. Woran liegt das?

Radinger: Diese Erfahrung kann ich nicht bestätigen. Menschen, die Hunde lieben, stehen auch dem Wolf meist offen gegenüber.

Ihr Buch »Der Wolf kehrt zurück« soll auch als Anleitung eines friedlichen Miteinanders von Mensch und Wolf in Deutschland sein. Ist eine friedliche Koexistenz aus Ihrer Sicht überhaupt möglich?

Radinger: Natürlich. Alles, was wir tun müssen, ist den Wolf in Ruhe zu lassen. Wölfe brauchen keine Wildnis. Sie sind Kulturfolger und können gut mit uns leben. Sie wollen das, was wir auch wollen: Einen Ort, um in Ruhe ihre Familien großzuziehen. Sie stehen unter strengem Artenschutz und für die Nutztierhalter gibt es (geförderte) Möglichkeiten, ihre Tiere durch Elektrozäune und Herdenschutzhunde zu schützen.

Wie sollte man sich verhalten, wenn man einem Wolf begegnet?

Radinger: Stehenbleiben und ihn selbstbewusst ansprechen: »Hau ab!« Nicht weglaufen und NIE füttern.

Wie wird sich die Population der Wölfe in Deutschland in den kommenden Jahren oder Jahrzehnten verändern?

Radinger: Ich habe in 20 Jahren Wolfsforschung erlebt, dass sich die Wolfspopulation selbst reguliert. Entgegen vieler Befürchtungen wird sie nicht explodieren, sondern sich auf ein gesundes Maß einpendeln.

Was können wir Menschen von den Wölfen lernen?

Radinger: Vor allem können wir lernen, dass die Wölfe uns in vielem sehr viel ähnlicher sind als wir denken. Und betrachtet man, wie wilde Wölfe miteinander umgehen, dann würde ich mit einem Augenzwinkern sagen, dass Wölfe »die besseren Menschen« sind.

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