Mi., 28.06.2017

Krankenkasse und Ärzte vereinbaren flächendeckende Einführung Bünder Televisite Vorbild für ganz Westfalen

Televisite in einem Altenheim in Kirchlengern bei Bünde: Eine Pflegerin legt einer Bewohnerin ein EKG-Gerät an, das die Daten auf den Tablet-Computer und von dort aus zum Arzt überträgt. Das 2016 begonnene Pilotprojekt wird auf Westfalen ausgedehnt.

Televisite in einem Altenheim in Kirchlengern bei Bünde: Eine Pflegerin legt einer Bewohnerin ein EKG-Gerät an, das die Daten auf den Tablet-Computer und von dort aus zum Arzt überträgt. Das 2016 begonnene Pilotprojekt wird auf Westfalen ausgedehnt. Foto: dpa

Von Bernd Bexte

Bünde (WB). In Bünde weiß man die Televisite in Pflegeheimen bereits zu schätzen. Das dort erprobte Modell soll nun auf ganz Westfalen-Lippe ausgedehnt werden – in dieser Form einmalig in Deutschland.

Einen entsprechenden Vertrag haben am Dienstag die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) und die AOK Nordwest in Dortmund unterzeichnet. Die nächsten anvisierten Regionen, in denen die elektronische Arztvisite Alltag werden soll, sind Detmold, Unna, Münster und Marl. Dort soll umgesetzt werden, was in Bünde und Umgebung seit gut einem Jahr in einem Modellprojekt erprobt wurde: Der Arzt sieht den Patienten über eine Webcam auf dem Computerbildschirm. Der Kontakt kommt über eine Anfrage des Pflegers im Heim zustande, der auch Kamera und Tablet bedient.

Elektronische Arztvisite spart Zeit und Geld

So können Medikationsanfragen geklärt, chronische Wunden oder Auffälligkeiten der Haut beurteilt, Therapievorschläge besprochen werden – ohne dass der Patient in die Arztpraxis kommen muss. Das spart beiden Seiten Zeit – und der Krankenkasse Kosten.

Nach Angaben der KVWL haben sich im Raum Bünde 13 Pflegeheime und 15 Ärzte an dem Modellprojekt zur elektronischen Visite, kurz elVi, beteiligt. »Es gab mehr als 600 Televisiten«, sagt KVWL-Vorstandsmitglied Thomas Müller. Die Televisite könne in Zeiten des Medizinermangels Ärzte entlasten. Deshalb habe man jetzt den Vertrag mit der AOK geschlossen, die die elVi zur Regelleistung macht. »Wir hoffen natürlich, dass sich andere Kassen anschließen.« In den nächsten Monaten sollen weitere Arztnetze und Pflegeheime angesprochen werden, mittelfristig sollen sich auch ambulante Pflegedienste beteiligen, stellt AOK-Vorstandschef Tom Ackermann in Aussicht. Für den Raum Bünde ist laut KVWL eine Erprobung bereits vereinbart.

Das dortige Ärztenetzwerk »Medizin und Mehr« hatte westfalenweit als erstes die Televisite in dem von der KVWL finanzierten Modellprojekt erprobt. Federführend war der Bünder Arzt Hans-Jürgen Beckmann: »Eine 93 Jahre alte Patientin hat mir gesagt: Wenn ich mich auf diese Weise mit meinem Arzt austauschen kann, ist mir das doch viel lieber, als wenn ich eine ganze Woche auf einen kurzen Besuch warten muss.« Ein funktionierendes Ärztenetzwerk vor Ort sei dafür aber Grundbedingung.

»Der Datenschutz werde selbstverständlich gewahrt«

Dabei ist elVi mehr als eine herkömmliche Live-Schaltung: Bei der Videovisite können Werte zu Herzrhythmus, Blutzucker oder Köpertemperatur übertragen werden. »Die Ärzte sehen schnell, wie es dem Patienten geht«, sagt Thomas Müller. Der Datenschutz werde selbstverständlich gewahrt. Die elVi-Software hat Beckmann mit zwei Informatikern entwickelt.

Allerdings könne die Televisite nicht jeden Arztbesuch ersetzen. AOK-Chef Ackermann sieht darin jedoch eine Möglichkeit, auch die Zahl der Krankenhauseinweisungen in der Nacht und am Wochenende zu reduzieren.

Aufgrund des Fernbehandlungsverbotes muss am Beginn des Arzt-Patienten-Kontaktes ein persönliches Gespräch stehen. Erst im weiteren Verlauf darf per Televisite beraten werden. »Ich hoffe, dass sich da bald etwas tut«, sagt Ackermann. Die Landesärztekammer Baden-Württemberg hatte im vergangenen Jahr das Fernbehandlungsverbot gelockert – bundesweit eine Premiere.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/4963647?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198393%2F2514621%2F