Fr., 13.07.2018

Rainer Eppelmann spricht im GaM über die friedliche Revolution 1989 »Am 9. Oktober hat die Angst die Seiten gewechselt«

Spannend, gestenreich und mit Berliner Schnauze erzählte Rainer Eppelmann den Geschichtskurs-Teilnehmern der neunten bis elften Klassen vom Leben in der DDR. Der ehemalige Pastor und Minister gestaltete die zwei Stunden gekonnt kurzweilig.

Spannend, gestenreich und mit Berliner Schnauze erzählte Rainer Eppelmann den Geschichtskurs-Teilnehmern der neunten bis elften Klassen vom Leben in der DDR. Der ehemalige Pastor und Minister gestaltete die zwei Stunden gekonnt kurzweilig. Foto: Thomas Klüter

Von Thomas Klüter

Bünde  (WB). Mucksmäuschenstill lauschten die rund hundert Neun- bis Elftklässler des Gymnasiums am Markt (GaM) den Worten vom »Staatsfeind Nr. 1« der DDR. Rainer Eppelmann (75), Pfarrer, Bürgerrechtler und Ex-DDR-Abrüstungsminister, berichtete aus erster Hand vom friedlichen Widerstand gegen das SED-Regime.

»Für unsere Schüler ist die friedliche Revolution in der DDR genauso weit weg wie Karl der Große«, sagte Thomas Holste-Malavasi, Geschichtslehrer und stellvertretender Schulleiter am GaM. Im Unterricht werde die Zeit natürlich durchgenommen, »aber richtig erreichen kann man die Jugendlichen am Besten mit einem Zeitzeugen«, so Holste-Malavasi.

Ein führender Kopf des Widerstandes

Mit Rainer Eppelmann hatten Schulleiterin Karin Stallmann und ihr Stellvertreter nicht nur irgendeinen Zeitzeugen gefunden. Eppelmann war einer der führenden Köpfe des damals wachsenden Widerstands.

»In der westlichen Presse wurde unser Gast als Staatsfeind Nr. 1 der DDR bezeichnet«, sagte Stallmann in ihrer Begrüßung. Was sich heute wie eine Ehrung anhöre, sei damals aber gefährlich gewesen. »Das Ministerium für Staatssicherheit plante damals die Ermordung von Rainer Eppelmann«, sagte Stallmann.

Vorbild Sowjetunion

Um den Schülern ein Gefühl für die Situation der Menschen in der DDR zu geben, startete Eppelmann mit den Gesprächen zwischen Ulbricht und Stalin nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Alles habe genauso werden sollen, wie in der Sowjetunion, es müsse nur nach Demokratie aussehen, sei damals beschlossen worden. »Mir war das als Kind damals egal«, sagte Eppelmann.

1953 aber, da war er zehn Jahre, seien etwa zwei Millionen DDR-Bürger auf die Straße gegangen, um gegen zehn Prozent mehr Arbeit bei gleichem Lohn zu demonstrieren. »Die Regierung rief damals die Sowjets zur Hilfe – und die schickten Panzer«, so der Bürgerrechtler. Mehr als hundert Menschen seien dabei erschossen worden und viele Tausend wurden verhaftet. Obwohl das DDR-Gesetz ein Recht auf Demonstration vorsah, seien die Letzten erst 20 Jahre später frei gekommen. »Und was macht man, wenn man Angst um sich oder das Glück seiner Kinder hat«, fragte Eppelmann, um dann gleich die Antwort zu geben: »Man hält die Schnauze und versucht, nicht aufzufallen.«

Vom Verbot, die DDR zu verlassen, berichtete der Bürgerrechtler, vom Bau des »antifaschistischen Schutzwalls«, vom Verbot imperialistischer Kleidung und vom Gesetz, das für Tanzveranstaltungen 70 Prozent sozialistischer Musik vorschrieb. »Muss das Spaß gemacht haben, zu Musik zu tanzen, die beschissen war«, sagte der Pfarrer und erreichte damit perfekt seine Zuhörer.

»Demokratie ist etwas Kostbares«

Die Welt im verbotenen Westfernsehen habe bei vielen die Frage aufgeworfen, warum die Menschen in der BRD mehr verdienen, in den Urlaub fahren können, frei sind, so Eppelmann. »Reden konnten wir über solche Gedanken aber nirgendwo, alle gesellschaftlichen Treffpunkte war ja von der SED organisiert.« Also blieben nur die beiden Kirchen, in denen sich immer mehr Menschen zusammen fanden, um sich über Verhaftungen, Fluchten oder Entwicklungen auszutauschen. »Zur Montagsandacht am 9. Oktober 1989 kamen 70.000 Menschen, da hat die Angst die Seiten gewechselt«, sagt Eppelmann und immer noch lauschten die Schüler mucksmäuschenstill. »Wir nehmen die Demokratie als selbstverständlich hin«, sagte der Bürgerrechtler. »Aber sie ist etwas ganz Besonderes, ich würde sogar sagen, etwas Kostbares.«

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