Mo., 08.10.2018

Team des Bünder Modehauses trotz Gewerkschaftsklage am Sonntag für die Kunden da »Uns hat Verdi nicht gefragt«

Sauer auf Verdi: Tanja Nentwig (von links), Martina Stecknitz, Tanja Woll, Rosemarie Knickmeier, Stefanie Hus, Kerstin Finke und Rita Grovemeyer, Mitarbeiterinnen des Bünder Modehauses.

Sauer auf Verdi: Tanja Nentwig (von links), Martina Stecknitz, Tanja Woll, Rosemarie Knickmeier, Stefanie Hus, Kerstin Finke und Rita Grovemeyer, Mitarbeiterinnen des Bünder Modehauses. Foto: Thomas Klüter

Von Thomas Klüter

Bünde (WB). »Wir hätten Sie heute gern beraten, aber wir dürfen leider nicht«, entschuldigt sich Stefanie Hus bei einem Kundenpaar, das extra aus Bielefeld zum verkaufsoffenen Sonntag nach Bünde gekommen ist.

In einer Protest-Aktion gegen die Gewerkschaft Verdi haben sich die Mitarbeiterinnen des Bünder Modehauses am Sonntag vor dem Eingang ihres Arbeitgebers postiert und die Kunden empfangen, die von Verdis Klage und dem dadurch gestrichenen Einkaufs-Sonntag noch nichts gehört hatten – mit einer Piccoloflasche Sekt und einer persönlichen Entschuldigung.

»Wir sind sauer, uns hat Verdi nicht gefragt, ob wir arbeiten wollen, oder nicht«, sagte Betriebsratsmitglied Tanja Nentwig. Nur zwei der 93 Festangestellten des Bünder Modehauses seien Mitglied bei Verdi, alle anderen seien bereits wegen genau solcher Aktionen aus der Gewerkschaft ausgetreten.

»Vergütet uns Verdi die Stunden?«

Verdi tut aber immer noch so, als kämpfe man für die Rechte der Angestellten. Das Team vom Bünder Modehaus fühlt sich überhaupt nicht gut vertreten: »Wir reden hier nicht von jedem Wochenende, sondern von vier Sonntagen im Jahr«, sagt Betriebsratsmitglied Tanja Woll. Dem Familienleben habe das in all den Jahren nie geschadet, es sei an Wochenenden sogar viel einfacher, die Kinderbetreuung sicherzustellen, sagte Rita Grovemeyer.

Auf einem Infozettel hatte das Team eine Rechnung aufgestellt, um den Kunden das Dilemma klar zu machen: Demnach müssten durch den Wegfall der verkaufsoffenen Sonntage insgesamt 2000 Mitarbeiterstunden gestrichen werden.

Da die Angestellten des Bünder Modehauses für die jeweils fünf Stunden Sonntagsarbeit elf Stunden vergütet bekommen, fallen pro Mitarbeiterin im Jahr 44 Stunden weg, die in der normalen Wochenarbeitszeit auch kaum aufgeholt werden können.

Das bedeute natürlich ein Minus auf der Gehaltsabrechnung, sagte Nentwig: »Vergütet uns Verdi etwa diese Stunden?«

Kommentare

Fehlender sozialer Zusammenhalt

Diese Aktion zeigt mir einmal mehr, dass es mit sozialem Zusammenhalt immer weniger wird. Da stehen die Damen und lamentieren, dass sie nicht gefragt wurden und ja so gerne arbeiten gehen würden. Nur leider stehen dort auch überwiegend Damen aus der Geschäftsleitung.
Das Plakat, dass eine attraktive Innenstadt einen gesunden Einzelhandel benötigt finde ich äußerst merkwürdig. An sechs Tagen die Woche hat das Bünder Modehaus Zeit, diesen Einzelhandel zu fördern. Nicht mit Rabatten oder solchen Aktionen wird der Einzelhandel gefördert, sondern durch Qualität, Beratung und Freundlichkeit. Da werden 4 Sonntage im Jahr auch keinen Unterschied machen, außer, dass man noch mehr Gewinne einstreichen möchte.
Diese Damen möchten für ihre Angestellten die Arbeit an 4 Sonntagen durchsetzen und argumentieren mit einer attraktiven Innenstadt. Dabei denken sie zu keiner Sekunde an die vielen Arbeitnehmer, die das nicht möchten und die am Sonntag endlich mal Zeit für ihre Familie haben.
Das nächste Argument wird bestimmt sein, dass das Internet auch nicht am Sonntag abgeschaltet wird. Das stimmt. Aber die Schaufenster werden Sonntags auch nicht zugehängt. Die Bestellungen aus dem Internet werden Sonntags nicht bearbeitet, sondern am nächsten Werktag. Wenn man so auf Beratung und Verkauf aus ist, was hindert das Bünder Modehaus daran, auch eine Webseite aufzumachen und darüber zu verkaufen?
Und das Argument, dass die Kunden es ja wollten, kann man so auch nicht gelten lassen. Die Kunden die an einem Sonntag einkaufen gehen, sind in der absoluten Minderheit. Es geht den Damen ausschließlich darum, den eigenen Vorteil durch Überstundenzuschläge und Freizeitausgleich zu sichern, aber ganz sicher nicht, um für eine attraktive Innenstadt zu sorgen.
Mein Vorschlag an die Damen des Bünder Modehauses ist, dass sie mal nicht nur an sich und ihre Überstundenzuschläge denken, sondern an alle die Arbeitnehmer, die in irgendwelchen Ketten arbeiten, wo die Bezahlung schlecht ist und die an einem Sonntag nicht auch noch arbeiten gehen möchten. Sechs Tage die Woche haben die Damen Zeit, für Umsatz, gesunden Einzelhandel und eine attraktive Innenstadt einzutreten. Aber da ist es wahrscheinlich nicht wichtig genug.
Diese Aktion ist in meinen Augen von Heuchelei nicht zu überbieten. Schade, dass sich das Bünder Modehaus durch solch eine Aktion selber disqualifiziert.

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