Fleischerei Hellmann beendet Insolvenz – nach Brand in finanzielle Schieflage geraten
Volle Auftragsbücher, mehr Mitarbeiter

Bünde (WB). Erst der Brand im Technikraum der Räucherkammer mit Millionenschaden, dann ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung: Hinter der Fleischerei Hellmann aus Holsen liegen zwei turbulente Jahre. Jetzt gibt’s gute Nachrichten: Die Insolvenz ist beendet, die Auftragsbücher voll und die Mitarbeiterzahl sogar leicht gestiegen.

Samstag, 16.02.2019, 08:05 Uhr aktualisiert: 16.02.2019, 08:10 Uhr
Geschäftsführer Jan-Frederik Hellmann und Mitarbeiterin Laura Miersch sind erleichtert, dass die Insolvenz beendet ist. Rohwurst in besonderen Formen – wie zum Valentinstag als Herz oder zu Ostern als Hase – ist eine von Hellmanns Spezialitäten. Foto: Kathrin Weege
Geschäftsführer Jan-Frederik Hellmann und Mitarbeiterin Laura Miersch sind erleichtert, dass die Insolvenz beendet ist. Rohwurst in besonderen Formen – wie zum Valentinstag als Herz oder zu Ostern als Hase – ist eine von Hellmanns Spezialitäten. Foto: Kathrin Weege

Geschäftsführer Jan-Frederik Hellmann kann sich noch gut an die Nacht vom 13. auf den 14. Februar 2017 erinnern: »Nach Mitternacht bekam ich eine seltsame Meldung von der Alarmanlage. Ich fuhr sofort los. Da sah ich schon von Ferne den Qualm und das Blaulicht.« Ein Nachbar hatte das Feuer kurz zuvor bemerkt und sofort die Feuerwehr alarmiert. »Das war unser Glück. Die Feuerwehr meinte, kurze Zeit später hätte sonst alles in Flammen gestanden«, so der 38-Jährige.

Nach dem Brandschaden hat die Fleischerei Hellmann umfangreich saniert. Trotz zwischenzeitlich verringertem Sortiment haben die Kunden dem Betrieb die Treue gehalten

Nach dem Brandschaden hat die Fleischerei Hellmann umfangreich saniert. Trotz zwischenzeitlich verringertem Sortiment haben die Kunden dem Betrieb die Treue gehalten Foto: Weege

Das Feuer war im Technikraum der Räucherkammer im ersten Obergeschoss ausgebrochen. Nach anfänglichen Schätzungen hieß es, es handele sich um einen Schaden im hohen fünfstelligen Bereich. In den nächsten Tagen aber zeigte sich das ganze Ausmaß: Kontaminiertes, schwarzes Löschwasser sickerte ins Erdgeschoss durch. Am Ende Betrug der Schaden 1,8 Millionen Euro. Kripo und Versicherung ermittelten einen technischen Defekt als Ursache – also ein Versicherungsschaden. »Als das feststand, war ich sehr erleichtert«, sagt Hellmann. Zwei Wochen stand die Produktion still, dann wurde sie mit Unterstützung zweier anderer Betriebe wieder aufgenommen.

Schwerer Schritt

Hellmann: »Für die Fertigung unserer Wurst in den beiden Fremd-Betrieben trudelten nach und nach Rechnungen ein. Die Versicherung hingegen ließ sich mit der Regulierung des Schadens Zeit.« Hinzu kamen die Rechnungen für die Abbruch- und Aufbauarbeiten. Im Juni 2017 war eine so große Summe aufgelaufen, dass sich Hellmann in Absprache mit Steuerberater und Rechtsanwalt für eine Insolvenz in Eigenverwaltung entschied. »Das war kein leichter Schritt. Ich hatte schlaflose Nächte. Wir hatten vorher nie wirtschaftliche Probleme«, erinnert sich der Geschäftsführer.

Kommentar

Die Fleischerei Hellmann konnte das Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung innerhalb kurzer Zeit erfolgreich beenden. Das sind nicht nur gute Nachrichten für die Angestellten, sondern für die Gegend. Ein Stück regionaler Produktvielfalt bleibt erhalten. Und die wissen vor allem die Kunden in und um Bünde zu schätzen: Sie haben Hellmann auch die Treue gehalten, als in der ersten schwierigen Phase das Sortiment kleiner als gewohnt war. Die Einkäufer schätzen die kurzen Transportwege, die weniger Stress für die Tiere bedeuten, und die Frische. Kathrin Weege

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Doch dann ging es schnell bergauf. Die Versicherung regulierte den Schaden, im Herbst 2018 stand die Planung, wie es mit der Firma weitergeht. Die Gläubigerversammlung stimmte dem Konzept zu. »Schon da stand fest, dass wir es geschafft haben. Das Insolvenzverfahren ist offiziell aber erst seit ein paar Wochen beendet«, sagt der Geschäftsmann.

Zusätzliche Mitarbeiter

Seit 2008 leitet Jan-Frederik Hellmann das Unternehmen, das er von seinen beiden Onkeln übernommen hat, mit inzwischen knapp 70 Mitarbeitern. »Vor der Insolvenz waren es 62«, so Hellmann. Außerdem sei in der schwierigen Zeit kein Kunde abgesprungen, auch wenn zwischenzeitlich das Sortiment etwas kleiner gewesen sei.

Das Besondere an Hellmann ist, dass auch das Fleisch aus Holsen kommt. »Mein Bruder Arndt-Hendrik hat seinen landwirtschaftlichen Betrieb 500 Meter entfernt. Es ist zwar kein Bio-Hof, aber dort haben Rinder und Schweine mehr Platz als üblich«, sagt Hellmann. Geschlachtet wird in Herford, bevor das komplette Fleisch im eigenen Betrieb weiterverarbeitet wird. »Etwa 80 Tonnen pro Woche sind es aktuell«, berichtet Hellmann, der nach dem Abitur erst eine landwirtschaftliche Ausbildung gemacht, dann Fleischer gelernt und seinen Meister gemacht hat. Zudem ist er Betriebswirt des Handwerks.

Zum Unternehmen

Die Fleischerei Hellmann wurde 1948 als kleiner Schlachtbetrieb von Rudolf Hellmann gegründet. In zweiter Generation wurde sie von Rudolf und Hermann Hellmann weitergeführt, Ende der 1960er Jahre erfolgte die Spezialisierung auf Rohwurstprodukte mit besonderer Rezeptur.

An der Hellmannstraße 1 sind Produktion und das Fachgeschäft Hellmanns Genussmanufaktur ansässig, die Verwaltung sowie das Lager, in dem die Wurst reift, sind einige hundert Meter weiter ebenfalls in Holsen. Seine Rohwurst verkauft Hellmann deutschlandweit an Fachgroßhändler, 20 Prozent werden exportiert. »Wir liefern nach England, Irland, Skandinavien und auch Italien, Frankreich und Griechenland«, zählt Jan-Frederick Hellmann auf.

Im Ladenlokal bietet Hellmann neben seinen Wurst- und Fleischwaren Frühstück und einen Mittagstisch an. Auf die Frage, welche Wurst sein Favorit sei, kann Hellmann nicht so einfach antworten. »Mir schmecken alle. Unsere eigene Sommerwurst ist sehr lecker, die kann man immer essen.« Er ergänzt: »Unsere Würste sind auch gluten- und laktosefrei.«

 

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