Mi., 30.10.2019

Jugendworkcamp: Weißrussische Gäste setzen sich mit Rechtsradikalismus auseinander Überschattet vom Anschlag in Halle

Teilnehmer des Jugendworkcamps besuchten die NS-Ordensburg Vogelsang. Gemeinsam mit Gemeindepädagogin Ulrike Jaeger (rechts) setzten sich die Jugendlichen mit dem Nationalsozialismus und den Gräueltaten der Nazis im heutigen Weißrussland und der Ukraine auseinander.

Teilnehmer des Jugendworkcamps besuchten die NS-Ordensburg Vogelsang. Gemeinsam mit Gemeindepädagogin Ulrike Jaeger (rechts) setzten sich die Jugendlichen mit dem Nationalsozialismus und den Gräueltaten der Nazis im heutigen Weißrussland und der Ukraine auseinander.

Von Hilko Raske

Bünde (WB). Es ist eine praktische Hilfe, die junge Menschen in Weißrussland leisten: Fußböden reparieren, Holzwände instandsetzen, abschleifen und neu streichen, Zäune bauen und Dächer abdichten. Und das alles für Senioren, die in ganz bescheidenen Verhältnissen leben und diese Renovierungsarbeiten selber nicht vornehmen können.

Seit 1996 leitet die Bünder Gemeindepädagogin Ulrike Jaeger das Jugendworkcamp in der ehemaligen Sowjetrepublik. Die Teilnehmer sind zum Teil Jugendliche aus der evangelischen Jugendregion Bünde-Ost, zum anderen junge Weißrussen, die sich engagieren wollen. Jeden Sommer verbringen sie drei Wochen in dem Städtchen Lepel, packen mit an und zeigen, dass sie auch handwerkliches Können besitzen. Ein wesentlicher Bestandteil des Camps sei aber auch die Friedens- und Versöhnungsarbeit, betont Jaeger.

Ziel: NS-Ordensburg

Im Gegenzug kommen die jungen Weißrussen dann im Oktober nach Bünde. Acht Tage verbrachten sie nun in der Elsestadt, hatten sich in der Turnhalle des evangelischen Eichenkreuzheimes einquartiert, wo sie auf Isomatten übernachteten. »Erstens gehört das dazu, und zweitens wäre ein Hotel einfach zu teuer«, sagt die Gemeindepädagogin, die als Aufsichtsperson die Nächte ebenfalls in der Turnhalle verbrachte.

Einige der Gäste hatten in Weißrussland Deutschunterricht – entweder an den Schulen oder im Goethe-Institut. »Aber insgesamt nimmt das Angebot an Deutschkursen dort ab«, stellt Jaeger fest. Darum wurde die Gruppe von einem Dolmetscher begleitet. Nach der Anreise im Fernbus hatten die Jugendlichen den ersten Tag für sich – immerhin sollten sie auch mental ankommen. Aber gleich am nächsten Tag ging es um 6 Uhr in der Früh mit dem Bus dann weiter in Richtung Eifel. Dort hatte Ulrike Jaeger ein Ziel ausgesucht, dass die Jugendlichen mit dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte konfrontierte: die NS-Ordensburg Vogelsang. »Dort gibt es unter anderem die Dauerausstellung ›Bestimmung: Herrenmensch. NS-Ordensburgen zwischen Faszination und Verbrechen‹«, berichtet Jaeger.

Gräueltaten

Von den etwa 2000 Menschen, die dort zur nationalsozialistischen Elite ausgebildet worden seien, seien anschließend etwa 600 im heutigen Weißrussland und der Ukraine eingesetzt worden. »Mit dem Ziel, jüdisches Leben dort auszulöschen.« Darunter die Familie von Jacob Shepetinski, der als Zeitzeuge in Weißrussland die Teilnehmer des Jugendworkcamps über die Gräueltaten der Nazis aufklärte. 67 Mitglieder seiner Familie wurden ermordet.

Ein zentraler Programmpunkt seien zudem Diskussionen über Rassismus und das Erstarken rechts­extremer und antisemitischer Ansichten gewesen. »Auch auf dem jüdischen Friedhof in Minsk habe ich Hakenkreuze gesehen«, berichtet Jaeger betroffen. Gleichzeitig wurde den jungen Gästen vermittelt, wie die deutsche Demokratie funktioniert.

Zeichen der Solidarität

Wieder zurück in Bünde wurde der traditionelle deutsch-belarussische Kulturabend vorbereitet. Dazu gehören traditionell Speisen aus Weißrussland, aber auch eine Power-Point-Präsentation über die Arbeit im Jugendworkcamp. »Am Donnerstagvormittag erfuhren wir aber dann Details über den Anschlag auf die Synagoge in Halle«, so Jaeger. Habe man an den Tagen zuvor über die geschichtliche Dimension des Rechtsradikalismus gesprochen, sei es auf einmal vor erschreckender Aktualität gewesen. Dadurch sei der Schwerpunkt des Kulturabends ein ganz anderer geworden. »Wir haben einen Videoclip zusammengestellt, der die Reaktionen von Passanten in Halle gezeigt hat und in dem auch der Rabbiner von Halle zu Wort gekommen ist.« Um die Solidarität mit Juden in Deutschland zu bekunden, habe man abends noch Rosen zur Herforder Synagoge gebracht. Und ein T-Shirt, auf dem normalerweise die Friedenstaube gedruckt wird und das die Teilnehmer des Camps zur Erinnerung erhalten, habe man um den gelben Judenstern ergänzt.

Jugendliche sensibilisiert

Was hat die Woche den Teilnehmern des Jugendworkcamps gebracht? »Es ist uns gelungen, eine Sensibilisierung für die Gefahr durch den Rechtsradikalismus herzustellen und zu zeigen, dass er kein abstraktes Phänomen ist. Demokratie lebt durch Individuen – und wir alle sind dafür verantwortlichen, wie wir diesen Staat gestalten«, sagt Ulrike Jaeger.

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