Neuneinhalb Jahre Haft für die Tötung von Natalie W. aus Bünde
Die Trennung war ihr Todesurteil

Bielefeld (WB). Das letzte Wort des Angeklagten schien für die Mutter des Opfers unerträglich zu sein. Sie schüttelte heftig den Kopf, schluchzte und brach in Tränen aus, als Markus W. (48) zu ihr hinübersah und sagte: „Ich möchte mich bei den Angehörigen entschuldigen.“

Freitag, 07.02.2020, 05:00 Uhr
Justizmitarbeiter führen den Angeklagten Markus W. in den Gerichtssaal. Er ist mit Handschellen gefesselt und trägt ein paar persönliche Gegenstände in einer Tüte bei sich. Foto: Christian Althoff
Justizmitarbeiter führen den Angeklagten Markus W. in den Gerichtssaal. Er ist mit Handschellen gefesselt und trägt ein paar persönliche Gegenstände in einer Tüte bei sich. Foto: Christian Althoff

Vor dem Landgericht Bielefeld ging es am Donnerstag zum zweiten Mal um den gewaltsamen Tod der Bäckereiverkäuferin Natalie W. (34) aus Bünde. 2019 war ihr Mann wegen Totschlags zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt worden. Im damaligen Prozess hatte er den Tod als Unfall dargestellt: Er habe seiner Frau auf ihren Wunsch hin beim Sex die Luft abgeschnürt, dabei sei sie versehentlich umgekommen. Aus Angst, dass man ihm das nicht glaube, habe er die Leiche versteckt. Diese Erklärung des Angeklagten zu der „abseitigen Sexualpraktik“ wertete das Gericht seinerzeit als „Verächtlichmachung des Opfers“ und ließ deshalb die Strafe höher ausfallen.

Natalie W. hinterließ einen Sohn und eine Tochter.

Natalie W. hinterließ einen Sohn und eine Tochter. Foto: Christian Althoff

Auf Antrag von Verteidiger Dr. Holger Rostek hob der Bundesgerichtshof das Urteil hinsichtlich der Strafbemessung auf. Die Angaben des Angeklagten stellten „einen zulässigen Teil der Verteidigung“ dar und dürften nicht strafverschärfend gewertet werden, entschied der BGH .

Am Donnerstag fand nun der zweite Prozess statt, in dem es nur noch um die Höhe der Strafe ging. Markus W. war mit Handschellen gefesselt, als Justizwachtmeister ihn in den Saal führten. In einer Tüte trug er persönliche Dinge bei sich: Eine Trinkflasche, Tabak und ein Feuerzeug. Ihm gegenüber nahm die Mutter der getöteten Frau mit ihrem Anwalt Armin Knoch Platz. Sie krampfte ihre Hände in ein Taschentuch und weinte, als der Vorsitzende Richter das Urteil von 2019 vorlas – zwangsläufig mit all den grausamen Einzelheiten.

Spätestens 2017 soll die Ehre zerrüttet gewesen sein

Nach Überzeugung des Gerichts war es keine einfache Ehe, die der Lagerarbeiter Markus W. und seine Frau Natalie W. seit 2008 führten. Er hatte eine erwachsene Tochter aus einer früheren Ehe, die zwischendurch bei der Familie lebte, und sie hatte einen Sohn aus erster Ehe. Außerdem hatte das Paar eine gemeinsame Tochter, die heute elf Jahre alt ist.

Spätestens 2017 soll die Ehe zerrüttet gewesen sein. Natalie W. warf ihrem Mann vor, an der Spielekonsole zu sitzen, während sie sich um Haushalt und Kinder kümmerte und zwei Jobs nachging. Trotzdem soll gelegentlich am Monatsende kein Geld mehr für Lebensmittel dagewesen sein. Das habe sie sich dann von Freundinnen geliehen.

Die Mutter des Opfers litt unter dem erneuten Prozess.

Die Mutter des Opfers litt unter dem erneuten Prozess. Foto: Christian Althoff

Natalie W. verdächtigte ihren Mann auch, untreu zu sein. Denn er sperrte irgendwann sein Handy mit einem Passwort, was seiner Frau auffiel. Polizisten fanden später heraus, dass Markus W. über ein Flirtportal Kontakt zu vier Frauen in Südamerika unterhielt. Mit einer dieser Frauen tauschte er mehr als 112.000 Nachrichten aus.

Als sie ihn verlassen wollte, soll es zur Tat gekommen sein

Im November 2017 entschloss sich Natalie W., ihren Mann zu verlassen und die beiden Kinder mitzunehmen. Sie werde es ihm sagen, erklärte sie einer Freundin unter Tränen. Kurz darauf, am 27. November 2017, soll es dann zu der Tat gekommen sein. Nach Feststellung des Gerichts kniete sich der Mann auf die zierliche, 153 Zentimeter große Frau, wobei er ihr mehrere Rippen brach, und drückte ihr die Luft ab – mindestens drei Minuten lang. Dann packte er die Tote in eine hölzerne Sanitätskiste aus dem Zweiten Weltkrieg, die er später in einer extra dafür gemieteten Garage in Bielefeld-Vilsendorf unterstellte.

Mutter meldete Natalie W. als vermisst

Markus W. meldete seine Frau nicht als vermisst. Das tat ihre Mutter, nachdem sich die Familie gewundert hatte, dass der Lagerarbeiter sich nicht an der Suche im Ort beteiligt hatte. Doch erst ein Jahr später wurde Markus W. überführt – von der Mordkommission Bielefeld, die das Handy der Frau in der Wohnung fand, versteckt in einem Buch. Markus W. kam in U-Haft, zahlte die Garagenmiete nicht mehr, und der Besitzer fand Anfang 2019 die Tote.

Opferanwalt: “Er hat die ganze Familie zerstört”

Auf Totschlag stehen fünf bis 15 Jahre, das Gericht verhängte am Donnerstag neuneinhalb Jahre. Es wertete als strafverschärfend, dass die Frau aus einem vergleichsweise nichtigen Grund getötet wurde, nämlich wegen ihrer Entscheidung, ihren Mann mit den Kindern zu verlassen. Außerdem sei das angebliche Geständnis keines, sagte der Vorsitzende Richter Dr. Georg Zimmermann. Denn der Angeklagte habe nicht gestanden, was ihm vorgeworfen worden sei.

„Er hat die ganze Familie zerstört“, sagte Opferanwalt Armin Knoch auf dem Gerichtsflur. „Die kleine Tochter wird bis heute in einer Einrichtung psychologisch betreut.“

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