So., 16.02.2020

Defekter Aufzug: Feuerwehr hilft Schwerbehindertem aus misslicher Lage Rollstuhlfahrer sitzt auf Bahnsteig fest

Mehrere Tage stand der Aufzug zu den Gleisen 3 und 4 mal wieder still. Allerdings leuchtete dieses Mal nicht wie auf dem Bild das rote Licht. Auch die Barrierefrei-App der Bahn wies nicht auf den neuerlichen Defekt des Lifts hin.

Mehrere Tage stand der Aufzug zu den Gleisen 3 und 4 mal wieder still. Allerdings leuchtete dieses Mal nicht wie auf dem Bild das rote Licht. Auch die Barrierefrei-App der Bahn wies nicht auf den neuerlichen Defekt des Lifts hin. Foto: Daniel Salmon

Von Daniel Salmon

Bünde (WB). Weil einer der Aufzüge am Bünder Bahnhof – mal wieder – tagelang nicht funktionierte, saß ein Rolli-Fahrer auf dem Bahnsteig fest. Erst Feuerwehr und Rettungsdienst konnten den 30-Jährigen aus seiner misslichen Lage befreien.

Freitag, der 7. Februar, 21.45 Uhr: Martin P. (Name von der Redaktion geändert) kommt mit der Eurobahn aus Bielefeld auf Gleis 3 an. Er steigt aus. Der Bünder ist seit seiner Geburt schwer gehandicapt und auf einen Spezialrollstuhl angewiesen. Auf der Barrierefrei-App der Bahn hat er kurz zuvor überprüft, ob der für ihn so wichtige Fahrstuhl an seinem Gleis funktioniert. „Und laut App tat er das“, erinnert sich der 30-Jährige im Gespräch mit dieser Zeitung.

„Da ging nichts“

Er fährt seinen Rolli in den Lift, drückt den Knopf, aber nichts passiert. „Da ging nichts. Die Bahn war weg. Ich habe dann mehrfach den Alarmknopf in der Kabine gedrückt. Aber auch da tat sich nichts.“ Das Problem für Martin P.: Ohne den Aufzug, der in den Fußgängertunnel führt, kann er den Bahnsteig nicht verlassen, ist quasi dort gestrandet.

Martin P. verlässt den Lift wieder. Per Smartphone recherchiert er die Nummer der Aufzugfirma, ruft dort an: „Sie haben gesagt, sie kümmern sich drum und melden sich zurück.“ Und tatsächlich meldet sich ein Mitarbeiter. Der Mann teilt Martin P. Mit, dass er die Feuerwehr verständigt hat. Aus der Ferne hört der Bünder bereits die Sirenen. Wenig später treffen die Mitarbeiter der Hauptamtlichen Wache ein. Zunächst können sie wenig ausrichten. Alleine bekommen sie Martin P. Samt 200-Kilo-Spezialrollstuhl nicht die Treppe zum Personentunnel hinunter. „Die haben dann noch einen Rettungswagen zur Hilfe gerufen“, sagt der 30-Jährige.

Per Trage bringen die beiden Sanitäter Martin P. die Treppe zum Tunnel hinunter, vier Feuerwehrleute schleppen mit einem Tragseil den schweren Spezial-Rolli hinterher. In der Unterführung kann der Bünder den funktionierenden Aufzug zum Bahnsteig direkt am Bahnhofsgebäude nehmen, von dort das Gelände verlassen. Gut eine Dreiviertelstunde soll die ganze Aktion gedauert haben, so der Rolli-Fahrer.

Nicht das erste Mal

Martin P. ist so ein Malheur nicht das erste Mal passiert. Vor einigen Monaten war er in der gleichen Situation: Der Aufzug funktionierte nicht, er kam nicht vom Bahnsteig 3/4 weg. Damals hatte er sich an das sogenannte 3-S-Telefon der Deutschen Bahn gewandt. Die drei „S“ stehen übrigens für Service, Sicherheit und Sauberkeit. „Die haben mir geraten, mit einem Zug weiter nach Melle zu fahren. Von dort könnte ich dann mit einer weiteren Bahn wieder zurück nach Bünde kommen und auf Gleis 2 aussteigen. Somit wäre ich nicht auf den Lift angewiesen.“ Dieser „Umweg“ kostete ihn rund eine Stunde Zeit. „Aber was mache ich, wenn ich um 23.45 Uhr hier in Bünde ankomme und nichts geht? Aus der Gegenrichtung kommt dann kein Zug mehr. Ich muss mich darauf verlassen können, dass der Lift fährt, wenn die DB-App das anzeigt.“

Ein Feuerwehrmann hatte am 7. Februar ebenfalls das DB-Service-Telefon angewählt. „Die haben gesagt, dass das Problem mit dem Aufzug schon seit einigen Tagen bekannt sei“, so der Beamte im Gespräch mit dieser Zeitung. Er ärgert sich, das keine Hinweisschilder aufgehängt wurden, die auf den Defekt hinweisen.

Trotz dieser negativen Erlebnisse will Martin P. weiterhin Bahn fahren, denn so kann er trotz seiner Behinderung mobil sein. „Ich kenne viele Bahnhöfe in der Region, ich komme viel rum. So ein Problem mit den Aufzügen gibt es nirgendwo sonst.“ Der 30-Jährige hat auch schon einige Briefe an die Bahn geschrieben – wegen des häufigen Fahrstuhl-Ärgers. „Meist kam keine Antwort. Da kann man sich auch mit einer Wand unterhalten.“

Bahn sagt nichts

Bereits am Mittwoch hatte das WESTFALEN-BLATT bei der Pressestelle der Deutschen Bahn wegen des Vorfalls um den Fahrstuhldefekt per Mail nachgehakt. Zu diesem Zeitpunkt war der Lift zu den Gleisen auch noch außer Betrieb, wie ein Besuch vor Ort ergab. Bis Redaktionsschluss am Freitag meldete sich die DB allerdings nicht zurück. Dafür funktionierte der Lift an diesem Tag wieder.

Schon häufiger hat es Probleme mit den Aufzügen an den Bünder Bahnsteigen gegeben. Erst Anfang 2019 – im Februar – waren die Fahrstühle, die den Passagiertunnel unterhalb der Gleise und die Bahnsteige miteinander verbinden, in Betrieb gegangen. Schon kurz darauf blieben die Kabinen stecken – teils wurden dabei Reisende eingeschlossen, die von der Feuerwehr befreit werden mussten. Und auch in der Folge funktionierten die Aufzüge mehrfach nicht.

Das hat auch schon Ulrike Kowalewsky, Sprecherin der inklusiven Politikgruppe in Bünde, und selbst oft mit der Bahn unterwegs, bemerkt. „Ich bin einfach fassungslos, dass es die DB nicht schafft, nach den längst bekannten Problemen, wirkungsvoll zu reagieren.“ Nicht nur Personen mit Handicap, sondern auch Senioren seien auf funktionierende Aufzüge am Bahnhof angewiesen. Sie will die Bahn in der Sache kontaktieren und wegen der Vorfälle auch im Bünder Rathaus vorstellig werden.

 

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