Reisebüro-Inhaberin kämpft mit den dramatischen Auswirkungen der Corona-Krise
„Das Jahr ist für uns verloren“

Bünde (WB). „Uns hat Corona voll erwischt“, sagt Kerstin Ramhorst-Becker. Die 55-Jährige ist Inhaberin des Tui-Reisecenters an der Bünder Bahnhofstraße. Wie fast alle Unternehmen in der Tourismusbranche leidet auch der Betrieb der Bünderin unter den Auswirkungen der Virus-Pandemie.

Samstag, 13.06.2020, 08:01 Uhr aktualisiert: 13.06.2020, 08:10 Uhr
Ihr Reisecenter an der Bünder Bahnhofstraße hat Kerstin Ramhorst-Becker unlängst corona-fest gemacht, dafür unter anderem Plexiglasscheiben an den Arbeitsplätzen in den Büroräumen anbringen und Desinfektionsmittelspender aufstellen lassen. Foto: Daniel Salmon
Ihr Reisecenter an der Bünder Bahnhofstraße hat Kerstin Ramhorst-Becker unlängst corona-fest gemacht, dafür unter anderem Plexiglasscheiben an den Arbeitsplätzen in den Büroräumen anbringen und Desinfektionsmittelspender aufstellen lassen. Foto: Daniel Salmon

„Ich bin seit fast 30 Jahren selbstständig. Etwas Vergleichbares habe ich noch nie erlebt“, so Ramhorst-Becker. „Der Terror vom 11. September 2001 in den USA, Anschläge in der Türkei oder Ägypten, Airline-Pleiten: Ich habe viel Krisen mitgemacht, aber Corona stellt das alles in den Schatten“, betont sie. Am 22. März hatte die Reisebüro-Inhaberin ihren Laden wegen der Pandemiebeschränkungen für mehr als vier Wochen schließen müssen.

Dass da etwas auf sie zurollt, hatte die erfahrene Reisexpertin bereits einige Tage vorher erkannt – und daher sogar ihren eigenen Urlaub storniert. „Eigentlich wäre ich am 13. März auf die Seychellen geflogen. Aber schon vorher hatten Kunden ihre Auslandsreisen kostenpflichtig storniert – aus Angst vor Corona. Daher bin ich dann auch lieber zuhause und bei meinen Mitarbeiten geblieben“, erzählt sei. Bereits einen Tag nach ihrem eigentlich Abflugtermin erhielt sie einen Anruf: „Ein Kunde erzählte, der Veranstalter hätte seine Reise nach Gran Canaria abgesagt.“

Rund um die Uhr erreichbar

Viele weitere solcher Telefonate sollten in den nächsten Tagen folgen: Bis einschließlich Juni waren 50 Buchungsvorgänge von Kunden der Bünderin storniert worden. Obwohl Kerstin Ramhorst-Becker ihr Büro kurz darauf schließen musste, ging sie jeden Morgen in den Laden, arbeitete ab 14 Uhr aus dem Home Office, war rund im die Uhr für ihre Kunden erreichbar. „Ich habe mit jedem mindestens fünfmal telefoniert. Glücklicherweise waren die Kunden sehr verständnisvoll“, sagt sie. Ihre Mitarbeiterinnen musste sie in Kurzarbeit schicken, vom Staat erhielt sie 9000 Euro Corona-Unterstützung.

Die meisten Provisionen für vermittelte Reisen, die eigentlich März bis Mai stattfinden sollten, muss sie nun an die Veranstalter zurückzahlen. „Das wurde glücklicherweise gestundet, so dass ich bis Oktober dafür Zeit habe. Etwa die Hälfte meiner Kunden haben sich entschieden, statt einer Rückzahlung Reisegutscheine zu nehmen. Die Provision dafür kann ich behalten.“ Neue Buchungen – für Reisen weit im voraus – könne sie an einer Hand abzählen. „Wir arbeiten praktisch für Null.“ Um ihre Kosten für Versicherungen oder Altersvorsorge zu decken, muss die 55-Jährige nun auch an ihr Erspartes ran.

Signal von Vermieterin

Trotz den dramatischen Auswirkungen der Viruspandemie berichtet Ramhorst-Becker aber auch von positiven Erfahrungen. „Ich war auf meine Vermieterin zugegangen und die hat Verständnis für meine derzeit schwierige Situation gezeigt. Sie hat mir die Miete bis zum Jahresende um zwei Drittel erlassen. Ich habe mich riesig gefreut, denn sonst wäre alles noch schwieriger für mich geworden.“

Insgesamt spricht Ramhorst-Becker von einer düsteren Stimmung in der Touristikbranche. Dafür sprechen auch einige Zahlen der Allianz Selbstständiger Reiseunternehmen, des Branchenverbandes des mittelständischen Tourismus. Demnach habe es in der Sparte seit Beginn der Corona-Krise knapp 1600 Geschäftsaufgaben oder Insolvenzen gegeben, fast 2000 Menschen hätten ihren Job verloren. „Das Jahr ist für uns verloren. Man kann froh sein, wenn man es überlebt“, sagt die Bünderin daher.

Inlandsreisen teurer

Wie Kerstin Ramhorst-Becker berichtet, haben viele Urlauber vom Angebot kostenloser Umbuchungen für Reisen nach dem 15. Juni Gebrauch gemacht. „Statt nach Gran Canaria geht’s dann nach Cuxhaven. Oder die Reisezeiträume wurden verschoben“, so die 55- Jährige. Obwohl sie seit einiger Zeit wieder Kunden in ihrem Büro begrüßt und Beratungsgespräche mit ihnen führt, sei die Zahl der getätigten Buchungen überschaubar. Trotz Aufhebung der Reisewarnung für die meisten EU-Länder sei die Verunsicherung noch groß. „Ich denke, da kommt erst etwas Bewegung rein, wenn die ersten Urlauber von ihren Reisen wieder da sind und von ihren Erfahrungen berichten.“

Die Bünderin erzählt, dass vor allem für Reisen innerhalb Deutschlands die Preise deutlich angezogen hätten. „Weil viele lieber nicht ins Ausland wollen.“Sie betont, dass man sich aber auch dort gut auf die Corona-Pandemie eingestellt habe, um Touristen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Zudem sagt sie: „Die Hotels in vielen beliebten Urlaubsregionen innerhalb der EU werden auch nicht voll sein. Die Buchungen aus der Zeit ab März fehlen ja.“

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.
 
https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7447129?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198393%2F2514621%2F
Gerhard Weber ist tot
Foto:
Nachrichten-Ticker