Schausteller aus der Region auf Großkundgebung in Berlin – Branche fürchtet um Existenz
Zehn Monate ohne Einkünfte erwartet

Bünde  (WB). „Man muss die Zähne zusammenbeißen, jeden Euro zweimal umdrehen und hoffen, dass irgendwann ein Stück weit die Normalität zurückkommt“: Nadine Alisch (39) ist Schaustellerin, betreibt zudem eine Event-Agentur und ist von den Corona-Auswirkungen somit doppelt getroffen.

Mittwoch, 22.07.2020, 06:00 Uhr
Fürchten um die Existenz ihrer Branche: die Schausteller Nadine Alisch und Michael Schäfer-Lohmeyer. Gemeinsam mit weiteren Vertretern ihrer Branche aus dem Kreis Herford waren sie in Berlin auf einer Kundgebung des Deutschen Schaustellerbundes Foto: Daniel Salmon
Fürchten um die Existenz ihrer Branche: die Schausteller Nadine Alisch und Michael Schäfer-Lohmeyer. Gemeinsam mit weiteren Vertretern ihrer Branche aus dem Kreis Herford waren sie in Berlin auf einer Kundgebung des Deutschen Schaustellerbundes Foto: Daniel Salmon

Ihre vier Kirmeswagen, aus denen heraus sie Crêpes, Bubble-Waffeln, Slush-Ice oder andere Leckereien verkauft, waren in diesem Jahr noch nicht im Einsatz. Buchungen für Feiern gehen in ihrem Agentur-Betrieb seit Beginn der Pandemie auch keine ein. Bis zum 31. Oktober sind Großveranstaltungen wie Jahrmärkte noch untersagt, was danach erlaubt und möglich ist, bleibt unklar. „In dieser Saison bin ich dann somit zehn Monate ohne Einkünfte“, sagt Nadine Alisch, die ihre Standverträge für den nun ebenfalls abgesagten Bünder Zwiebelmarkt eigentlich schon lange unterschrieben hatte.

Die Bünderin hat die Corona-Soforthilfe vom Staat beantragt und auch bekommen. Die darf sie jedoch nur für betriebliche Ausgaben verwenden. „Aber ich habe ja auch private Kosten und Verpflichtungen.“ Zwar hat die Bünderin die Möglichkeit genutzt und ALG II beantragt. „Aber das ist alles nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt die Schaustellerin, die daher auch ihre Ersparnisse anzapfen muss. Aber: Die Rücklagen sind überschaubar, denn erst im letzten Jahr hatte sich die studierte Veranstaltungsfachwirtin einen neuen Crêpes-Stand für 25.000 Euro gekauft.

Michael Schäfer-Lohmeyer vom Vorstand des Herforder Schaustellerverein muss ebenfalls auf Erspartes zurückgreifen: „Für uns gilt seit Mitte März quasi ein Berufsausübungsverbot“, sagt der 48-Jährige, der vor Corona auf den Jahrmärkten der Region mit seinen sechs Imbisswagen seinen Lebensunterhalt bestritt. Nach Ende der Weihnachtsmarktsaison steckt er – wie auch viele seiner Kollegen – stets einiges an Geld in die Instandhaltung von Fahrgeschäften, Essensbuden und Co.: „Wir investieren einen Großteil unserer Einnahmen, damit unsere Angebote attraktiv bleiben. Aber nun verdienen wir kein Geld mehr.“ Und die vom Staat ergriffenen Hilfsmaßnahmen seien für die arg gebeutelte Veranstaltungsbranche seiner Meinung nach nicht ausreichend.

Gemeinsam mit zahlreichen weiteren Vertretern seiner Branche aus dem Kreis Herford waren er und Nadine Alisch am 2. Juli in Berlin auf einer Großkundgebung des Deutschen Schaustellerbundes (DSB) unter dem Motto „Das Karussell muss sich weiterdrehen“ , um auf die prekäre Lage der mehr als 5000 Schaustellerbetriebe bundesweit aufmerksam zu machen. 5000 Teilnehmer sollen laut DSB mitdemonstriert haben. „Das normale Leben wird langsam wieder hochgefahren: Viele Innenstädte sind wieder voll mit Menschen, Biergärten und Beachclubs dürfen öffnen, Freizeitparks auch. vollgepfropfte Ferienflieger starten wieder in Urlaubsgebiete. Aber Jahrmärkte, bei denen dann auch bestimmte Hygienevorschriften und Einschränkungen gelten würden, sind weiterhin verboten. Wo bleibt da die Verhältnismäßigkeit?“, fragt Schäfer-Lohmeyer.

Zwar stelle er die Sinn- und Zweckmäßigkeit des Lockdowns keineswegs infrage. Und auch Nadine Alisch sagt: „Natürlich stehen wir hinter den ersten Maßnahmen, die im Zuge der Pandemie ergriffen wurden.“ Doch im Zuge der immer weitergehenden Lockerungen wünschen sich die Schausteller eine Perspektive für die Branche. „Eine Kirmes unter freiem Himmel ist nicht vergleichbar mit den Aprés-Ski-Parties in Ischgl oder Karnevalsfeiern in Heinsberg, wo es große Virus-Ausbruchsgeschehen gab“, sagt Schäfer-Lohmeyer. Er ist überzeugt: funktionierende Hygienekonzepte seien auf Jahrmärkten umsetzbar. Dabei ist ihm durchaus klar, dass die Schausteller aufgrund etwaiger Corona-Vorgaben nicht die Umsätze einfahren könnten, wie es in den Vorjahren der Fall war: „Aber wir könnten endlich wieder arbeiten, Geld verdienen und nicht auf den Staat angewiesen sein.“

Schäfer-Lohmeier und Nadine Alisch zeichnen ein düsteres Bild der Branche – im Kreis Herford gibt es immerhin mehr als 100 Schaustellerfamilien -, sollten auch die Weihnachtsmärkte in diesem Jahr den Auswirkungen der Corona-Krise zum Opfer fallen. „Viele Betriebe würden das nicht überleben. Das was wir jetzt haben, ist sozusagen ein Sterben auf Raten.“

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