Norbert Kaase arbeitet an Film über das Schicksal der Bünder Juden – bis Jahresende fertig
Erinnerung an den Schrecken

Bünde (WB). 60 Stolpersteine erinnern in der Stadt Bünde an das Schicksal der in der NS-Zeit ermordeten Juden. Die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten – dies ist auch das Ziel eines Films, der Ende des Jahres fertig sein soll.

Donnerstag, 17.09.2020, 05:40 Uhr aktualisiert: 17.09.2020, 05:50 Uhr
Alfred Spiegel in einem Interview im Jahr 2002: Seiner Familie war es 1938 gelungen, in die USA zu emigrieren. Vor zwei Jahren starb Spiegel im Alter von 89 Jahren. Diese Szene ist Teil des Films, für den Norbert Kaase und der Verein International Bünde verantwortlich zeichnen. Foto: Norbert Kaase
Alfred Spiegel in einem Interview im Jahr 2002: Seiner Familie war es 1938 gelungen, in die USA zu emigrieren. Vor zwei Jahren starb Spiegel im Alter von 89 Jahren. Diese Szene ist Teil des Films, für den Norbert Kaase und der Verein International Bünde verantwortlich zeichnen.

Mobiliar der Synagoge verbrannt

„Der Geschichte Gesichter geben“ ist die Dokumentation betitelt, für die der Filmemacher Norbert Kaase mit der Netzwerk AG des Gymnasiums am Markt zusammengearbeitet hat. In vielen Teilen ist der Film bereits so gut wie fertig – und der 65-jährige Regisseur gewährt einen ersten Einblick.

Auch sein Arbeitsplatz – ein Haus in der Hindenburgstraße – ist Teil des Geschehens. Denn in dem Haus, in dem Kaase sein Büro hat, waren die Juden „bis zur Deportation im Juli 1942 zusammengepfercht worden – wie dem Film zu entnehmen ist. Von dort aus mussten sie zusehen, wie das Mobiliar der Synagoge nach der Pogromnacht auf dem Marktplatz verbrannt wurde. Dazu sei Musik gemacht worden, erinnert sich Zeitzeugin Lotte Isaacs.

Komponist Henze erinnert sich

Das Gespräch mit der ehemaligen Bünderin, der die Emigration gelang, wurde im Jahr 2006 aufgenommen. Eine wichtige Rolle beim Zustandekommen des Films spielt die Lehrerin Christina Whitelaw, die die Netzwerk AG im Jahr 1999 gegründet hat. Kaase ist seit 2000 dabei, filmte Gespräche mit Zeitzeugen, Gedenkveranstaltungen und Stolperstein-Verlegungen mit dem Künstler Günter Demnig.

Ein kleines Kapitel in der Dokumentation bekommt der bekannte Komponist Hans Werner Henze (1926 – 2012), der in Bünde zur Schule gegangen ist. Er erinnert sich unter anderem an den Anblick der umgeworfenen Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof – an das Gefühl der Ohmacht, denn darüber habe er mit niemandem sprechen können, es sei schrecklich gewesen. Kaase hat das entsprechende Tondokument in seinen Film integriert.

Einen Live-Kontakt zu dem Komponisten hatte er nicht. Doch immerhin schickte Henze der Netzwerk AG einen Brief, den seine Schwester Margitta Saour 2011 bei einer Gedenkveranstaltung vorlas.

„Du musst vergeben können“

Obwohl die Netzwerk AG nicht mehr besteht, treffen sich die Ex-Schüler noch regelmäßig. Sie besuchten ehemalige jüdische Mitbürger in den USA, sprachen mit ihnen bei ihren Heimatbesuchen. Zu den regelmäßigen Veranstaltungen, an denen viele der früheren Schüler bis heute mitwirken, zählen die Gedenkfeiern zur Pogromnacht.

Besonders eindringlich sind die Schilderungen der Zeitzeugen. Neben Lotte Isaacs, die sich an die Mobiliar-Verbrennung auf dem Markt erinnert, kommt zum Beispiel Alfred Spiegel zu Wort. In dem Gespräch aus dem Jahr 2002 geht es um den Umgang mit dem Erlebten. So etwas verfolge einen sein Leben lang, sagt Spiegel. Und er hat erfahren: „Du musst vergeben können. Sonst wird dir dein ganzes Leben auf der Seele liegen.“

Erste Hinweise auf eine jüdische Ansiedlung in Bünde gibt es Ende des 17. Jahrhunderts. Ihre höchste Mitgliederzahl erreichte sie 1836, als in Bünde 145 Juden lebten. Im Jahr 1932 waren es noch 72.

Sponsoren gesucht

Die 60 Stolpersteine, die in Bünde verlegt wurden, führen vor Augen, dass die meisten von ihnen in Konzentrationslagern ums Leben kamen. Die 1815 errichtete Synagoge auf einem Hinterhof in der Eschstraße wurde zerstört, wegen der engen Bebauung in dem Bereich aber nicht angezündet. Von dem Bau ist nichts mehr erhalten – bis auf ein Foto, welches die Ruine zeigt.

Kaase setzt die Geschichte der Juden in Bünde mit Bildern in Szene. Die ersten Aufnahmen stammen aus der Zeit um 1910. Etwa 70 Minuten lang soll der Film werden – 5000 Euro an Fördermitteln hat er bekommen: „Wir haben noch einen Fehlbetrag von 7000 Euro. Hierfür suchen wir noch Sponsoren.“

Ist der Film fertig, soll er öffentlich gezeigt werden und als DVD erhältlich sein. Der Filmemacher geht aber davon aus, dass die Dokumentation vor allem für den Schulunterricht interessant ist.

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