Do., 11.10.2018

Michael Helm skizziert Goethes Entwicklung zum poetischen Schöngeist Reise in die dichterische Freiheit

Foto: Daniela Dembert

Von Daniela Dembert

Enger (WB). Er ist einer der bedeutendsten Dichter Deutschlands. Vom Vorreiter des Sturms und Drangs entwickelte sich Johann Wolfgang von Goethe zum poetischen Schöngeist.

Einen eingehenden Blick auf die »italienische Reise«, den Wendepunkt im Schaffen des Poeten hat Michael Helm vor 60 Zuhörern am Dienstagabend im Gerberei-Museum gewährt. Seiner Kunst entfremdet sah sich Goethe nach zehn Jahren anstrengender Amtsgeschäfte am Hof Herzogs Carl August in Weimar. Als Kriegs- und Finanzminister, Zuständiger für Berg- und Straßenbau und Leiter des Weimarer Theaters blieb ihm kaum Zeit und Ruhe zum Dichten.

Kurz nach seinem 37. Geburtstag brach Goethe still und heimlich von Karlsbad aus zu einer eineinhalbjährigen Italienreise auf. Er brauchte Abstand zum höfischen Treiben. Der Herzog hat ihm diesen Bildungsurlaub bei voller Bezahlung gewährt. Goethe, der durch seinen »Werther« in Europa bekannt war, reiste unter falschem Namen. In seinen Aufzeichnungen zu Reisebeginn schreibt er: »Ich habe zu reisen gelernt. Ob ich wohl auch zu leben lernen werde?«

»Es war eine Reise aus der bürokratischen Enge in die dichterische Freiheit«, so Michael Helm. Nicht zuletzt sei der Aufbruch auch eine Fluch aus der unerfüllten Liebe zur Hofdame Charlotte von Stein gewesen. Aus dem erst Jahre später verfassten Werk »Italienische Reise« geht hervor, wie Goethe in Italien aufblüht, Inspiration durch die neue Freiheit erfährt und sich an der Schönheit der Landschaft kaum sattsehen kann. Beeindruckt zeigt er sich von den Künsten und der Architektur der römisch-griechischen Antike.

Baukunst und Natur sind zentrale Forschungsgebiete des Deutschen, von denen er in wortreicher Faszination berichtet. »Ein ruhiger, lieblicher, das Auge und den Verstand erfreuender Anblick« bietet sich dem Reisenden angesichts des Minerva-Tempels in Assisi. Beschreibungen beispielsweise von Olivenbäumen und eines Ausbruchs des Vesuvs zeigen Goethes naturwissenschaftliches Interesse. Michael Helm bot eine Zusammenstellung aus Texten, die Goethes neuen Elan, seinen künstlerischen Wandel und die vielseitigen Interessen dokumentieren und zugleich den Schöngeist seines sprachlichen Ausdrucks vermitteln.

»Erst in Italien wird der Faust, an dem Goethe schon seit früher Jugend arbeitet, allmählich zu etwas Rundem«, berichtete Michael Helm. Mehrfach habe der Poet in die Heimat geschrieben, er fühle sich wie neu geboren. »Der Literarische Kern dieser Aufzeichnungen ist: Jeder kann jederzeit und in je-dem Alter einen neuen Blick auf die Welt bekommen«, resümierte Helm.

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