Do., 29.08.2019

Mühle als Elektrizitätswerk: Hans-Ludwig Riepe blickt auf Arbeit seines Vaters zurück Mahlen, schroten – Strom erzeugen

Hans-Ludwig Riepe wohnt noch heute an jener Stelle des Bolldammbachs, wo mehrere Generationen seiner Familie eine Wassermühle betrieben haben. Sein Vater erweiterte die Anlage sogar um ein kleines privates Elektrizitätswerk.

Hans-Ludwig Riepe wohnt noch heute an jener Stelle des Bolldammbachs, wo mehrere Generationen seiner Familie eine Wassermühle betrieben haben. Sein Vater erweiterte die Anlage sogar um ein kleines privates Elektrizitätswerk. Foto: Daniela Dembert

Von Daniela Dembert

Enger (WB). Jeder kennt sie als Wahrzeichen Engers: die Windmühle auf dem Liesberg. Dass Anfang des vergangenen Jahrhunderts aber auch Wassermühlen, betrieben durch den Bolldammbach, in Enger den gleichen Dienst verrichteten, ist nur noch wenigen bekannt. Hans-Ludwig Riepe ist Nachfahre des Müllers Arnold Riepe und wohnt noch heute dort, wo einst die Mühle und das kleine Elektrizitätswerk der Familie gestanden haben.

Idyllisch ist der Blick auf den Bolldammbach, der an der Mühlenstraße 15 von einer kleinen Holzbrücke überspannt ist. »Hier hat einst die Wassermühle gestanden. Das Mühlrad wurde unterschächtig betrieben«, erklärt Hans-Ludwig Riepe. Ein Gefälle, das ermöglicht hätte, Wasser von oben auf das Mühlrad laufen zu lassen, gebe es an dieser Stelle nicht.

Turbine war effizienter

Trotz einer kleinen Stauung, die vorgenommen wurde, um Wasser für den Mühlantrieb zu sammeln, habe die Wassermenge nur schwerlich ausgereicht, um die Mühle zu betreiben, so der Müller-Nachfahre – die Mühle lag sehr dicht am Siekgebiet des Bolldammbaches in der Maiwiese. Zuläufe, die den Bach vergrößern, folgen erst weiter unterhalb.

Trotzdem habe sein Vater die Mühle bis zu dessen Einberufung im Jahr 1942 betrieben. »Weil die Wasserkraft nicht ausreichte, wurde später eine Turbine eingebaut. Die arbeitete effizienter. Als diese nicht reichte, folgte ein Schwerölmotor«, berichtet Riepe.

Strom war Luxusgut

Parallel zum Mahlen und Schroten hat sich Arnold Riepe ab Ende des 19. Jahrhunderts bis in die 1920er Jahre als Stromerzeuger verdingt. Neben der Mühle stand das Maschinenhaus. Mit einer kohlebefeuerten Lokomobile wurde hier Gleichstrom erzeugt. »Hinter dem Grundstück führt die Trasse der ehemaligen Kleinbahn entlang, mit der Kohlen geliefert wurden. Wasser für die Dampferzeugung gab es ja aus dem Bach«, so Riepe.

Strom, damals noch ein Luxusgut, wurde direkt vom Erzeuger an die Kunden geliefert. Dazu gehörte unter anderem der Nordhof, die Ziegelei Bohrenkämper, die Kirche und – man staune – auch die Liesbergmühle. »Die hatte ja auch nicht immer ausreichend Wind«, begründet der Müllerenkel.

E-Werk in Kirchlengern

Die Leitungen sind noch auf einer Planzeichnung aus den 1910er Jahren zu erkennen, die am Gartenhaus der Riepes, dort, wo einst das Maschinenhaus gestanden hat, hängen. Verlegt wurden die Leitungen von einem Herforder Lohnunternehmen.

Das Aus für die damals noch sehr verbreiteten kleinen, privaten Elektrizitätswerke – wie das der Riepes – bedeutete der Bau des ersten E-Werks des Kreises in Kirchlengern. Die Kommunen versuchten, die Konkurrenz der Privatanbieter durch den Entzug der Leitungsrechte auszuschalten.

Mühlwehr beseitigt

Das einzige kleine E-Werk, das in der Region noch bis in die 1960er Jahre hinein Gleichstrom geliefert habe, sei seines Wissens nach die Brausemühle an der Else in Kirchlengern, meint Riepe.

Weder Wassermühle noch E-Werk sind in der Mühlenstraße erhalten. Im Zuge der Renaturierungsmaßnahmen durch das Land wurde das Mühlwehr beseitigt. Eine Sohlgleite verbindet nun den Oberlauf mit dem unteren Teil des Bolldammbachs. Nur ein kleiner Höhenabsatz zeugt noch von der einstigen Stauanlage. »Aber ich habe noch einen Karton mit alten Rechnungen und Verträgen von den Kunden meines Großvaters«, sagt der 82-Jährige.

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