Erhard Krull berichtet im Haus der Kulturen von seiner Reise nach Tschernobyl
14 Stunden in der Todeszone

Enger (WB). »Mir geht es darum, zu verstehen: Wie ist es damals gewesen?«, sagt Erhard Krull zu Beginn seines Berichts über seine Reise nach Tschernobyl. Die »Willkommen«-Initiative hatte Krull ins Haus der Kulturen eingeladen, damit er von seinem außergewöhnlichen Ausflug berichten konnte.

Montag, 18.11.2019, 16:39 Uhr aktualisiert: 18.11.2019, 16:42 Uhr
Das Riesenrad eines verwilderten Vergnügungsparks nahe Tschernobyl ist mittlerweile so bekannt, dass es ein Sinnbild für den Supergau selbst geworden ist. Foto: Erhard Krull
Das Riesenrad eines verwilderten Vergnügungsparks nahe Tschernobyl ist mittlerweile so bekannt, dass es ein Sinnbild für den Supergau selbst geworden ist. Foto: Erhard Krull

Kordula Schimke und FSJlerin Lena Marie Schmitz hatten den Vortrag organisiert, für einen Imbiss und eine angenehme Atmosphäre gesorgt. Eine Stunde lang präsentiert Erhard Krull seine Sammlung an Fotos, Geschichten und kurzen Videos dem Publikum.

14-stündigen Tour in ehemalige »Todeszone«

Er erzählt von seiner Anreise nach Kiew und von seiner etwa 14-stündigen Tour in die ehemalige »Todeszone«, wie der Umkreis von 30 Kilometern um den ehemaligen Reaktor genannt wird. Das Gebiet um Tschernobyl und die Geisterstadt Prypjat beherberge noch immer zahlreiche Häuserruinen und Autowracks, berichtet Krull. Als Beispiel führt er ein ehemaliges Stadion an: In dessen Schwimmbad hatten die zur Trümmerbeseitigung eingesetzten Liquidatoren versucht, sich die Radioaktivität vom Leib zu waschen.

Verwilderter Vergnügungspark

Ebenfalls im Gedächtnis geblieben ist ihm ein verwilderter Vergnügungspark, der zum Zeitpunkt der Katastrophe für zwei Stunden geöffnet wurde und mittlerweile mit seinem Riesenrad und dem Autoscooter fast schon zu einem Sinnbild für den Supergau geworden ist.

»In Prypjat gab es ein ausgezeichnetes Krankenhaus«, führt Krull weiter aus, »nur gab es dort keine Abteilung für Strahlenerkrankungen. Man wollte demonstrieren, dass die Strahlung nicht gefährlich war.« Auch die Bevölkerung war erst einen bis zwei Tage nach der Katastrophe informiert und evakuiert worden.

Strahlung nur 40 Sekunden lang gedauert

Besonders die Arbeitsumstände für die Liquidatoren seien skandalös gewesen, so Krull. Teilweise hätten die Arbeitseinsätze aufgrund der starken Strahlung nur 40 Sekunden lang gedauert, trotzdem gehen verschiedene Schätzungen von 50.000 bis 200.000 Toten aus. »Offiziell bestätigt wurden nur so zwischen 30 und 50 Tote«, sagt Krull und zeigt das Foto eines Denkmals, das an den Einsatz der Liquidatoren, Ärzte und Feuerwehrleute erinnert. »Die tatsächliche Opferzahl ist ziemlich schwer zu ermitteln, da viele Familien nach dem Super-GAU umgesiedelt wurden.«

Lena Marie Schmitz (links) und Kordula Schimke haben den Vortragsabend von Erhard Krull organisiert.

Lena Marie Schmitz (links) und Kordula Schimke haben den Vortragsabend von Erhard Krull organisiert. Foto: Lenus Meyer

Während des Besuchs kam er bis auf 270 Meter an den ehemaligen Reaktor heran, der unter einem metallenen Sarkophag verborgen liegt. Der Flora und Fauna habe die Abwesenheit des Menschen in der »Todeszone« gut getan, seit einigen Jahren gebe es wieder Wölfe, Elche, Bären, sogar eine kleine Herde Wildpferde. Auch die Häuserruinen seien von der Natur zurückerobert worden.

70.000 Touristen

»Ich werde oft gefragt: Wie ist das denn mit der Strahlung dort, ist das nicht gefährlich?«, so Krull. Die Strahlung in Tschernobyl entspreche allerdings nur einem Bruchteil der in der Medizin eingesetzten Kontrastmitteln vorhandenen Radioaktivität. Das Problem sei aber die lange Verfallszeit der atomaren Strahlung: »Wenn man einige Meter vom Weg ab in den Wald geht, nimmt die immer noch stark zu.«

Auf diese Weise seien circa 200.000 Quadratkilometer mit radioaktiver Strahlung belastet worden. Dies merke man außerhalb der Sperrzone nicht, erzählt Erhard Krull. Dort werde ganz normal Getreide angebaut. Auch in Tschernobyl selbst sei mittlerweile so etwas wie Alltag eingekehrt, letzes Jahr besuchten 70.000 Touristen die ehemalige »Todeszone«, in dieser Saison etwa 1300 täglich.

Hype um Tschernobyl

Krull sieht diese Entwicklung zwiegespalten: »Es hat sich eine Art Hype um Tschernobyl entwickelt. Die Leute machen nur noch Fotos und vergessen, was Schreckliches passiert ist.« Zum Schluss appelliert er an die Besucher: »Atomkraft ist keine CO²-sparende Alternative. Man kann bei der Auswahl des Stromanbieters darauf achten, dass man Strom aus erneuerbaren Energien bezieht.« Im Anschluss diskutierte der 63-Jährige mit den etwa 20 Zuhörern und beantwortete Fragen rund um das Thema Atomkraft generell und seinen Besuch in Tschernobyl. Sein nächstes Projekt ist eine Reise nach Tansania, wo er sich ehrenamtlich in einem Krebskrankenhaus betätigt.

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