Studentin für Einsatz im Asylheim nicht geschult
Flüchtling (15) greift Frau an: schwere Vorwürfe gegen AWO

Herford(WB). Das Jugendschöffengericht Herford hat einen 16-Jährigen irakischen Flüchtling wegen versuchter sexueller Nötigung einer AWO-Mitarbeiterin verurteilt. Am Rande des Prozesses wurde massive Kritik an der Arbeiterwohlfahrt laut.

Freitag, 17.06.2016, 10:59 Uhr aktualisiert: 20.06.2016, 11:03 Uhr
Die Zentrale der Arbeiterwohlfahrt Ostwestfalen-Lippe: Dort war am Donnerstag keine Stellungnahme zu bekommen. Foto: Hans-Werner Büscher
Die Zentrale der Arbeiterwohlfahrt Ostwestfalen-Lippe: Dort war am Donnerstag keine Stellungnahme zu bekommen. Foto: Hans-Werner Büscher

Die Tat geschah in der Nacht zum 25. Oktober 2015, einem Sonntag, in einer Herforder Jugendhilfeeinrichtung für minderjährige Flüchtlinge. Sie wird von der Arbeiterwohlfahrt Ostwestfalen-Lippe betrieben. Erst am Tag zuvor hatte eine Studentin (22) der Erziehungswissenschaften ihren Vertrag als geringfügig Beschäftigte bei der AWO unterschrieben. »Ich sollte geschult werden, aber dann teilte man mich direkt für die Nachtschicht ein.«

Die junge Frau war alleine mit den Flüchtlingen im Haus, als der damals 15-jährige Iraker gegen 1.30 Uhr nach einer Wärmflasche fragte. Die Studentin gab sie ihm und forderte den Jugendlichen auf, damit in sein Zimmer zu gehen. Dem Iraker passte es nicht, von einer jungen Frau Anweisungen zu bekommen. Es kam zu einem Wortgefecht, und der Streit eskalierte. Der Jugendliche griff die Frau an und forderte Sex. Die Studentin wehrte sich und floh in ein Büro. Der 15-Jährige beruhigte sich und wurde wenig später von der Polizei festgenommen.

Rechtsanwalt Hans-Christian Brandis aus Bielefeld ist der Vormund des Irakers und verteidigte ihn im Prozess. Er sagt: »Mein Mandant musste erst lernen, dass sein Verhalten in Deutschland eine massive Grenzüberschreitung darstellt. Jetzt weiß er das.«

In nichtöffentlicher Sitzung verurteilte das Gericht den heute 16-Jährigen zu zwei Wochen Dauerarrest und sechs Monaten Gefängnis auf Bewährung. Den von der Staatsanwaltschaft angeklagten Vorwurf der versuchten Vergewaltigung hielt das Gericht nicht für haltbar. Zumal auch das Opfer, das mit seiner Anwältin Heidi Saarmann zum Prozess erschien, keinen entsprechenden Vorwurf erhob. Hans-Christian Brandis sagte dem WESTFALEN-BLATT: »An der Tat gibt es nichts zu beschönigen. Aber aus langer Erfahrung weiß ich, dass eine ausgebildete Kraft die Situation wahrscheinlich in den Griff bekommen hätte, bevor sie eskaliert wäre. Die AWO hat die Studentin in jener Nacht sich selbst überlassen.«

Tatsächlich musste das Opfer der Sexualtat in der Tatnacht weiterarbeiten, denn unter der Nummer ihres angeblich ständig zu erreichenden Vorgesetzten meldete sich nur die Babysitterin seines Kindes. Die Studentin sagte dem WESTFALEN-BLATT: »Ich stand unter Schock und dachte, du kannst die Jugendlichen jetzt nicht alleine lassen. Du hast die Verantwortung für sie.« Auch eine Opferbetreuung durch die Polizei gab es in der Nacht nicht. Deshalb rief die 22-Jährige eine Freundin an, die mit ihrem Bruder kam und bis zum Schichtwechsel um 8 Uhr blieb. Die Nachtschicht in Herford war der erste und letzte Einsatz der Studentin für die AWO. Sechs Wochen war die Frau aus psychischen Gründen arbeitsunfähig, dann kündigte sie. Der Sprecher der Arbeiterwohlfahrt Ostwestfalen-Lippe war am Donnerstag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Das Verbrechen hatte 2015 bundesweit Schlagzeilen gemacht: Der Hamburger Anwalt, Blogger und frühere RTL-Moderator Joachim Steinhöfel hatte behauptet, die Frau sei vergewaltigt worden. Unter der Überschrift »Manipulation, Täuschung, Verhöhnung der Opfer« schrieb er, die Herforder Polizei stelle den Fall absichtlich nur als sexuelle Nötigung dar, »um die Öffentlichkeit zu täuschen und in Sicherheit zu wiegen«. Spätestens seit dem Prozess ist nun klar, dass Steinhöfels Behauptungen und Vorwürfe gegen die Polizei falsch waren.

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