Sa., 07.07.2018

Forscher: Herford nach Krieg so wichtig wie Berlin – mit Video Arbeitete hier der britische Geheimdienst?

An der Bielefelder Straße 6: Heute es der Bau ein privates Wohnhaus.

An der Bielefelder Straße 6: Heute es der Bau ein privates Wohnhaus. Foto: Jan Gruhn

Von Jan Gruhn

Herford (WB). Die Hansestadt war nach Kriegsende Hauptquartier des Geheimdienstes in der britischen Zone – sagt Historiker Luke Daly-Groves. Im Kommunalarchiv hat er jetzt weitere spektakuläre Entdeckungen gemacht.

An der Bielefelder Straße 6 (Foto), heute ein Wohnhaus, soll eine Agenten-Einheit untergebracht gewesen sein. »Das habe ich gestern rausgefunden«, erklärte der Forscher von der Universität Leeds am Dienstag bei einem Vortrag im alten Kreishaus. »Das wusste nicht mal Kommunalarchivar Christoph Laue«, sagte Eckhard Möller vom Herforder Geschichtsverein, der beim Vortrag den Übersetzer gab. »Und Laue weiß sonst fast alles.«

»Wichtig wie Berlin und Heidelberg!«

Daly-Groves hat die Zeit zwischen 1946 und 1951 unter die Lupe genommen. Sein Fazit: »Herford war so wichtig wie Berlin und Heidelberg!« In der Neckar-Stadt saßen die Geheimdienstler der Amerikaner. Dabei stützt sich der Historiker auf Quellen aus Herford und britische Geheimakten, die zum Teil erst vor wenigen Monaten freigegeben wurden. »Sie sind die ersten Deutschen, die diese Dokumente sehen«, betonte Daly-Groves.

Historiker Luke Daly-Groves Foto: Jan Gruhn

Hauptaufgabe der zum Teil in den Uniformen normaler Soldaten, zum Teil in Zivil auftretenden Geheimdienstler: die politische Stimmung erfassen. »Sie haben sowohl die Strömungen ganz rechts, als auch die ganz links im Auge behalten.« Nicht nur in Ostwestfalen, sondern in ganz Deutschland. Von Herford aus wurden mehrere große Aktionen gesteuert, erklärt Daly-Groves. Doch auch in der Hansestadt stellte der Geheimdienst seine Lauscher auf: So sei 1947 Stadtdirektor Karl Wöhrmann aufgefordert worden, alle jugendlichen Gruppierungen auf einer Liste zu erfassen.

Hauptquartier im Wohnblock C

Die Daten seien anschließend im Hauptquartier ausgewertet worden. Das befand sich damals auf dem Gelände, auf dem heute der Bildungscampus entsteht: im Wohnblock C der Wentworth-Kaserne. »Wenn ich ein sowjetischer Agent gewesen wäre, dann hätte ich dort unbedingt eindringen wollen«, erläuterte der Forscher aus Leeds. So hochklassig seien die Informationen gewesen.

Wer bei britischen Geheimagenten allerdings an die Kultfilm-Figur James Bond denkt, der müsse Richtung Bad Salzuflen schauen. Dort hatte laut Daly-Groves der britische Auslandsgeheimdienst »MI 6« seinen Sitz. »Aber es gab regelmäßigen Austausch mit Bad Salzuflen«, schob der Forscher nach. Major-General Joseph Charles Haydon, von 1948 bis 1950 Chef der Herforder Abteilung, habe freundschaftliche Verbindungen zur Führungsebene gepflegt. Später habe er außerdem die Gründung des Bundesamtes für Verfassungsschutz unterstützt.

Vieles noch unerforscht

»Ich wäre stolz in einer Stadt zu leben, in der so viel Geschichte gemacht wurde«, verabschiedete sich der Brite, der gerade an seiner Doktorarbeit schreibt. Aber klar sei auch: »Es ist noch sehr vieles nicht erfasst.« Seiner Meinung nach müsse die Geheimdienst-Forschung mehr als Berlin in den Blick nehmen – unter anderem eben Herford.

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