Do., 11.10.2018

Landgericht Bielefeld: Immer noch kein Urteil im Herforder Taxischläger-Prozess Opferanwalt: »Das war versuchter Totschlag«

Nebenklage-Vertreter Georg Schulze (links) im Gespräch mit Staatsanwalt Dr. Florian Decker.

Nebenklage-Vertreter Georg Schulze (links) im Gespräch mit Staatsanwalt Dr. Florian Decker. Foto: Moritz Winde

Von Steve Wasyliw

Herford (WB). Der letzte Vorhang in einem fast ein Jahr dauernden Prozess sollte am Donnerstag fallen, doch die Verteidigung im so genannten Taxischläger-Prozess hat drei neuerliche Beweisanträge gestellt. Der Anwalt des Opfers beantragte eine Verurteilung des Angeklagten wegen versuchten Totschlags.

Bereits 26 Verhandlungstage

Fast alle Verfahrensbeteiligten hatten sich darauf eingestellt, dass der Prozess gegen einen 25-jährigen Mann aus Bad Oeynhausen, der einen Taxifahrer am 7. November 2015 am Bahnhof zu einem Wachkomapatienten geprügelt haben soll, beendet wird. So verwies Georg Schulze als Vertreter der Nebenklage auf die bislang zurückliegenden 26 Hauptverhandlungstage, die seit Prozessbeginn am 2. November 2017 vor dem Bielefelder Landgericht stattfanden.

Nachdem die Staatsanwaltschaft eine Verurteilung wegen schwerer Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren und zehn Monaten beantragt hatte, stellte Schulze das Strafmaß in die Beurteilung des Gerichts.

Er begründete in seinem einstündigen Vortrag jedoch, dass der Angeklagte mit Tötungsvorsatz auf das 36-jährige Opfer einschlug und den Tod »zumindest billigend in Kauf nahm«.

Zwar habe kein Zeuge den entscheidenden folgenschweren Schlag gesehen, aber es sei auch keine andere Person in der Nähe gewesen, als der Taxifahrer zu Boden ging. »Es ist ein kompliziertes Verfahren mit wenig Zeugen. Dennoch ist die volle Schuld des Angeklagten erwiesen«, so Schulze.

Vorwürfe gegen Herforder Polizei

Der Ex-Amateurboxer habe »hemmungslos mit einer Waffe mittig auf den Kopf des Geschädigten eingeschlagen«. Die Folgen hätten ihm bewusst sein müssen.

Eine Gerichtsmedizinerin hatte bestätigt, dass die Folgen des Schlages (Schädelzertrümmerung und Hirnblutung) nur mittels eines Werkzeuges wie dem eines Schlagrings verursacht worden sein können.

Schwere Vorwürfe erhob Schulze gegen die Herforder Polizei. Diese habe die Auseinandersetzung am Bahnhof als »übliche Disco-Schlägerei« eingestuft.

Hätten die Beamten die Brisanz sofort richtig erkannt, wäre eine Mordkommission eingesetzt worden, die den Angeklagten noch in Tatortnähe hätte festnehmen können.

Verteidiger unterstellt Gutachterin »fehlende Sachkunde«

Nachdem der Vorsitzende Richter der 10. Großen Strafkammer, Dr. Bernd Bovenschulte, die Verteidigung aufforderte, ihre Schlussvorträge zu halten, zogen Nicole Friedrich und Raban Funk weitere Beweisanträge aus der Aktentasche:

Zum einen soll die Psychotherapeutin des Angeklagten vernommen werden, um Auskunft darüber zu erteilen, in welchem Umfang der 25-Jährige möglicherweise schuldunfähig sein könnte.

Zudem unterstellt Verteidiger Funk Gerichtsmedizinerin Prof. Heidi Pfeiffer »fehlende Sachkunde«. So sei sie bei der Aussage des Angeklagten nicht anwesend gewesen und habe Fakten falsch gedeutet. Die Verletzungen des Geschädigten könnten auch vom Aufschlag auf Asphalt und nicht nur von einem einzigen Schlag herrühren. Funk hatte bereits einer behandelnden Klinik Behandlungsfehler vorgeworfen.

Da das Gericht den Anträgen teilweise nachgeht, verzögert sich auch das Urteil.

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