Sa., 13.10.2018

Berufe in der JVA Herford – Teil 4: Stefan Behrens (49) arbeitet als Sanitäter auf der Krankenstation – mit Video »Danke sagt fast kein Patient«

Blut abnehmen, EKG schreiben, Verbände anlegen, Salben auftragen: »Ich liebe den Mix von Handwerk und Medizin«, sagt Stefan Behrens.

Blut abnehmen, EKG schreiben, Verbände anlegen, Salben auftragen: »Ich liebe den Mix von Handwerk und Medizin«, sagt Stefan Behrens. Foto: Moritz Winde

Von Moritz Winde

Herford (WB). Helle Räume, moderne Ausstattung: Alles erinnert eher an ein normales Krankenhaus als an einen Knast, wären da nicht die vergitterten Türen und Fenster – und die Patienten in Sträflingskleidung.

365 Tage im Jahr geöffnet

Stefan Behrens – standesgemäß ganz in Weiß – hat an diesem Morgen Dienst auf der Krankenstation der Herforder JVA. Die hat 365 Tage im Jahr geöffnet – inklusive Notfall-Nachtdienst. Einen Termin gibt’s – anders als draußen – recht zeitnah.

Der Mindener ist ausgebildeter Maschinenschlosser, Sanitäter und Justizvollzugsbeamter. Zweimal pro Woche hat ein Arzt Sprechstunde, auch Zahnmediziner und Psychiater schauen regelmäßig hinter Gittern vorbei. Meist ist das fünfköpfige Sani-Team auf sich allein gestellt, muss also selbst Behandlungs-Entscheidungen treffen.

Sanitäter Stefan Behrens hört die Lunge eines Gefangenen ab. Foto: Moritz Winde

Etwa ein Dutzend Gefangene fühlen sich heute nicht gut – oder geben dies zumindest vor. Behrens kennt seine Pappenheimer. Der 49-Jährige arbeitet schon sein halbes Leben im Gefängnis, erst mit erwachsenen, seit 2006 mit jugendlichen Verbrechern.

Bepanthen, ein Pflaster, gute Besserung

Er habe die Knast-Entscheidung nie bereut. Ihn nerve es aber zunehmend, dass das medizinische Angebot missbraucht werde. »Es gibt Häftlinge, die kommen wegen Lappalien. Draußen würde niemand daran denken, wegen einer kleinen Hautabschürfung zum Arzt zu gehen. Hier drin schon.«

Jetzt steht ein junger Mann vor ihm und streckt seinen Finger in die Höhe. Da sei etwas am Nagel entzündet, lässt er wissen und verzieht vor Schmerzen gequält sein Gesicht. Stefan Behrens wirft einen kurzen Blick auf die Stelle. Dann gibt’s Bepanthen, ein Pflaster und den obligatorischen Genesungs-Wunsch. Der nächste bitte!

Der Straftäter dreht sich um und geht. Wortlos. Eine Szene, wie sie täglich vorkommt. »Danke sagt fast niemand, obwohl wir den Menschen ja helfen«, bedauert Behrens.

120 Drogentests im Monat

Auch die Erwartungshaltung sei bisweilen abenteuerlich. »Wenn jemand leichte Kopfschmerzen hat, muss sofort ein Schädel-CT gemacht werden.« Wenn nicht, kann es Beleidigungen hageln. Das müsse man aber abkönnen, sagt der Familienvater.

Er habe sich mit der geringen Wertschätzung längst abgefunden. Die Jugendlichen hätten eben nie gelernt, sich zu benehmen. Der 49-Jährige tröstet sich mit der Bezahlung: Der Pfleger verdient etwa 3000 Euro pro Monat.

Auf der Krankenstation wird jeder neue Gefangene auf Herz und Nieren untersucht – inklusive Drogentest. 120 Urinproben werden monatlich genommen, sechs davon seien im Schnitt positiv. Wer nicht kooperiert, dem droht Arrest.

Kameras überwachen das Wartezimmer

Im Vollzug können die Tage lang und damit langweilig werden. Da sorgt ein Besuch auf der Krankenstation für Abwechslung. Stefan Behrens ist Profi genug, um zu wissen, wer simuliert und wer krank ist.

Dabei hilft ihm auch die Videoüberwachung des Wartezimmers: »Man bekommt einen guten Eindruck über den Gesundheitszustand. Wer sich mies fühlt, wird sicher nicht herumalbern.«

Die Kameras haben aber noch einen weiteren Zweck: Durch sie soll verhindert werden, dass unerlaubte Geschäfte gemacht werden – oder die »Kranken« aufeinander losgehen. Wenn’s dann doch blutig wird, ist Stefan Behrens mit Verbandsmaterial zur Stelle.

Bisher erschienene Serienteile

1.  Verena Gärtner, junge Anwärterin im Strafvollzug

2.  Gennaro Chirico, Leiter der Küche

3.  Alexandra Kobusch, Lehrerin

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