Fr., 04.01.2019

Vor 40 Jahren: Tiere erfrieren, Verkehr bricht zusammen, Schule fällt aus Als der Winter Herford lahmlegte

Die schlimmste Schneekatastrophe seit Jahrzehnten suchte Deutschland vor 40 Jahren heim, hier ein Foto aus Niedersachsen. Auch Herford blieb nicht verschont. Und im Februar kehrte der Winter mit Macht zurück – so etwas hatte es noch nicht gegeben.

Die schlimmste Schneekatastrophe seit Jahrzehnten suchte Deutschland vor 40 Jahren heim, hier ein Foto aus Niedersachsen. Auch Herford blieb nicht verschont. Und im Februar kehrte der Winter mit Macht zurück – so etwas hatte es noch nicht gegeben. Foto: dpa

Von Bernd Bexte

Herford (WB). Einen solchen Winter hatten die Herforder noch nicht erlebt. Vor 40 Jahren versank die Stadt wie der ganze Norden Deutschlands im Schnee. Der »Jahrhundertwinter« legte das öffentliche Leben zum großen Teil lahm.

Am Donnerstag, 28. Dezember 1978, setzt heftiger Schneefall ein – der bis in das neue Jahr den Verkehr in Herford weitgehend zum Erliegen bringt. Von »Chaos« berichtet das HERFORDER KREISBLATT: Die Temperaturen sinken bis weit unter Null. Einen Rekord verzeichnen die Meteorologen am Silvestertag 1978: minus 20,1 Grad Celsius zeigt das Thermometer in Herford.

Müllabfuhr bleibt stecken

Es kommt zu Frostschäden und Rohrbrüchen. Züge fallen aus, die Müllabfuhr kommt nicht mehr durch die schneeverstopften Straßen voran, Bäume brechen unter der Schneelast zusammen, Ärzte fordern die Aufhebung des Spike-Verbots an Autoreifen. Die Kinder hingegen freut die weiße Pracht. Allerdings stürzt ein neunjähriger Junge beim Schlittenfahren in die Werre. Zwei Jugendliche retten ihn.

Nicht nur die Menschen bibbern: Im Tierpark am Waldfrieden verenden zahlreiche Tiere, unter anderem ein Roter Milan. »Derartige Verhältnisse habe ich noch nicht erlebt«, klagt Tierparkbesitzer Gerhard Schüßler. Der Kampf ums Überleben der Tiere habe begonnen. Vor allem die exotischen Vögel unter den 500 Tierparkbewohnern überleben diesen Kampf nicht.

Das zusätzliche Beheizen der Stallungen kostet Geld, das durch Eintrittsgelder nicht gedeckt werden kann: Von Weihnachten bis zum 4. Januar passieren bei den widrigen Bedingungen nicht einmal zehn Besucher das Kassenhäuschen. Die Herforder zeigen sich jedoch solidarisch. Sie spenden für den Tierpark. Einige wollen aufgrund der Tierwohlgefährdung allerdings den Staatsanwalt einschalten.

Winter kehrt im Februar zurück

Auch dem Kulturleben macht der Ausnahmewinter zu schaffen: So droht der Auftritt eines Züricher Ensembles im Stadttheater auszufallen. Schauspielgrößen wie Günter Strack sind für die Premiere des Horvath-Stücks »Glaube, Liebe, Hoffnung« angereist. Allerdings stecken die Kulissen im Schnee fest. Erst am Abend rollen die Kulissen aus Würzburg an – gerade noch rechtzeitig. »Tut mir leid, ich konnte nur im zweiten Gang fahren«, entschuldigt sich der Fahrer.

Erst ab Mitte Januar taut der Schnee – um wenige Wochen später mit ganzer Macht zurückzukehren. Mitte Februar erwischt es Herford erneut so heftig, dass der Sprecher des Einzelhandelsverbandes, Hans-Peter Gärtner, sich sorgt: »Der Winter geht an die Substanz!« Die Heizkosten seien mittlerweile so hoch, dass viele Herforder beim Einkaufen sparten. Die Tankstellen sind verwaist, denn Autofahren geht in diesen Wochen fast gar nicht.

An einigen Tagen fällt der Schulunterricht aus. Die Schüler können das verschmerzen. Auch die Heizöl- und Kohlelieferanten sind positiv gestimmt: Noch nie sei die Nachfrage im Januar und Februar so hoch gewesen – und das bei stark steigenden Preisen.

Aufruf

Haben auch Sie Erinnerungen an den »Jahrhundertwinter«? Schicken Sie uns kurze Beiträge und Fotos an: herford@westfalen-blatt.de

Heute vor 40 Jahren: Zahlreiche Tiere verenden aufgrund der Kälte im Tierpark, berichtet das HERFORDER KREISBLATT. Foto: Bernd Bexte

Die Schneekatastrophe 1978/79

Die Katastrophe kam nach Weihnachten: Vor 40 Jahren, am 28. Dezember 1978, änderte sich das milde Wetter schlagartig. Eisige, trockene Luft aus Skandinavien und feuchte Warmluft aus dem Rheinland trafen über der Ostsee aufeinander – eine sehr ungewöhnliche, seltene Wetterlage.

Die Folgen für Deutschland waren dramatisch. »Für große Teile Europas leitete die Wetterlage zum Jahreswechsel 1978/79 einen langen, kalten und schneereichen Winter ein«, erinnert der Deutsche Wetterdienst (DWD). Mit 67 Tagen geschlossener Schneedecke, vom 28. Dezember 1978 bis 4. März 1979, sei dieser Winter vor 40 Jahren nur mit dem Nachkriegs-Hungerwinter 1946/47 vergleichbar gewesen. Die Kälte und insbesondere der viele Schnee waren vor allem in Nord- und Ostdeutschland heftig.

Der Straßen- und Eisenbahnverkehr kam zum Erliegen. Rund 150 Ortschaften waren von der Außenwelt abgeschnitten. Nach Angaben des DWD starben in der Bundesrepublik in der Kälte 17 Menschen. Zahllose Rinder, Schweine und Hühner verendeten. Die Schäden überstiegen 140 Millionen D-Mark. In der damaligen DDR starben mindestens fünf Menschen.

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