Mi., 16.01.2019

Mehr als 1000 Seiten: Hans Wollschlägers Briefwechsel mit Arno Schmidt ist erschienen Literarisches Muskelspiel

Das Haus gegenüber der Marienkirche, in dem der Pastorensohn Hans Wollschläger aufgewachsen ist: Der jetzt veröffentlichte Briefwechsel mit Arno Schmidt umfasst mehr als 1000 Seiten. Am Anfang ging es vor allem um Karl May.

Das Haus gegenüber der Marienkirche, in dem der Pastorensohn Hans Wollschläger aufgewachsen ist: Der jetzt veröffentlichte Briefwechsel mit Arno Schmidt umfasst mehr als 1000 Seiten. Am Anfang ging es vor allem um Karl May.

Von Hartmut Horstmann

Herford (WB). Karl May, Karl May, immer wieder Karl May!: Die Annahme, dass der einstmalige Erfolgsschriftsteller von der Kritik nicht angemessen gewürdigt wird, ist der Auslöser eines Briefwechsels, der seinesgleichen sucht. Mehr als 1000 Seiten umfasst die Korrespondenz zwischen Hans Wollschläger und Arno Schmidt beziehungsweise seiner Ehefrau Alice.

Hans Wollschläger, der sich später vor allem als Ulysses-Übersetzer einen Namen machen sollte, ist in Herford aufgewachsen. Er studierte an der Nordwestdeutschen Musikakademie in Detmold und zog 1957 nach Bamberg, um dort als Lektor für den Karl-May-Verlag zu arbeiten. Im September des Jahres beginnt auch der 15 Jahre währende Briefwechsel, der sich zumindest anfangs ausschließlich um Karl May dreht.

Hans Wollschläger war damals 22 Jahre alt, Arno Schmidt mit seinen 43 Jahren im gesetzteren Schriftsteller-Alter. Dass der Autor schon einiges vorweisen konnte und zudem eine entschiedene, wenn auch überschaubare Leserschar besaß, hat den jungen Wollschläger von Anfang an beeindruckt. Um dem bewunderten Arno Schmidt zu imponieren, kündigt der Pastorensohn aus Herford die ganz großen Projekte an: eine 1000-Seiten-Arbeit über den Komponisten Gustav Mahler zum Beispiel oder eine umfangreiche Karl-May-Biographie.

Obsessive Literatur-Nerds

Was am Ende dabei herauskam, fiel deutlich geringer aus. Wer die Ankündigungen heute liest, entdeckt Überambitioniertheit und Großspurigkeit gleichermaßen. Vieles blieb Versuch – aber hätte der große Stilist Wollschläger nicht doch das eine oder andere Meisterwerk geschaffen, hätte der jetzt veröffentlichte Briefwechsel nicht diese enorme Medienresonanz erfahren.

Ganzseitige Rezensionen erscheinen in großen überregionalen Tageszeitungen. So spricht Gustav Seibt in der Süddeutschen von einem »großen Dokument« und »riesenhaften Austausch« – zwei obsessive Literatur-Nerds, die über ihre Zeitgenossen gerne negativ urteilen, unter sich: »Die beiden können nicht anders als die Muskeln ihrer grenzenlosen Sprachfähigkeit unentwegt spielen zu lassen.«

»Dürr und überzüchtet«

Dass die beiden Autoren viele Jahre einen überwiegend briefintensiven Kontakt pflegten, ist angesichts des Auftaktes verwunderlich. So fiel das Urteil Arno Schmidts nach dem ersten Besuch Wollschlägers bei ihm keineswegs nur positiv aus. In seinen Tagebüchern charakterisiert er den jungen Besucher als »dürr, sehr hinfällig und überzüchtet«, als »jungen Menschen mit vielen Plänen«. Abschließend heißt es: »Nicht unsympathisch (aber sympathisch eben auch nicht!).«

Die gemeinsame Begeisterung für Karl May bezog sich auf dessen Spätwerk, das beide zur deutschsprachigen Hochliteratur zählten. Um so ärgerlicher die Praxis des Karl-May-Verlages in Bamberg, der wenig Respekt vor den Texten hat. Da wird massiv in die Originale eingegriffen – Hauptsache, das Geschäft stimmt.

Von Veröffentlichung früh überzeugt

Wollschläger avanciert zum Lieferanten für Interna, doch geht es irgendwann nicht mehr nur um May und sein Werk, sondern auch um das schriftstellerische Tun generell. Arno Schmidt gibt Tipps, was Übersetzungsarbeiten angeht, und er empfiehlt Verlegern Wollschlägers einzigen Roman »Herzgewächse oder Der Fall Adams«.

Immer deutlicher dürfte der im niedersächsischen Bargfeld lebende Autor, der unablässig schrieb, die aufschneiderischen Züge in Wollschlägers Charakter entdeckt haben. Und trotzdem machte sich Schmidt für den jüngeren Bewunderer stark. In aller Unbescheidenheit sind die Briefschreiber zudem früh davon ausgegangen, dass die Korrespondenz irgendwann veröffentlicht wird. Dies ist jetzt geschehen – 1000 Seiten, die jenseits aller Einzelthemen davon handeln, dass Literatur stets mehr ist als Literatur. Es geht ums Leben – mindestens!

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