Di., 19.02.2019

Bonitas-Geschäftsführer Lars Uhlen über Gutes und Schlechtes in seiner Branche »Pflegekräfte sind keine Opfer«

Bonitas-Geschäftsführer Lars Uhlen.

Bonitas-Geschäftsführer Lars Uhlen. Foto: Christian Althoff

Herford (WB). Mit bundesweit 4300 Mitarbeitern ist die Herforder Unternehmensgruppe Bonitas der zweitgrößte ambulante Pflegedienst Deutschlands. Die Angestellten kümmern sich auch um pflegebedürftige Kinder und um Palliativpatienten. Christian Althoff sprach mit Bonitas-Geschäftsführer Lars Uhlen.

Sie haben in einer Ansprache an Ihre Mitarbeiter beklagt, dass Pflegekräfte in Medien oft als Opfer dargestellt würden. Was meinen Sie damit?

Lars Uhlen : Pflegekräfte sind erst mal verdammt fröhliche Menschen, die ihrer Arbeit positiv gegenüberstehen. Sie haben Lust auf Beziehungen, auf Menschen. Sie haben Lust, Menschen zu pflegen und sie zu begleiten, mit ihnen zu lachen und zu weinen. Aber wenn sie in den Medien irgendetwas über Pflegekräfte hören oder sehen, dann ist das immer die gleiche Masche. Es ist immer die Selbstaufgabe, es ist immer ein unfassbar schwerer Job. Fröhlichkeit oder etwas Positives kommen nicht vor. Es ist immer 180 Prozent geben, über die Grenzen gehen, verschlissen werden, sich verleugnen müssen, die Selbstaufgabe, keine Zeit haben, wenig verdienen – es ist immer negativ. Ich kann nicht verstehen, wie man so unreflektiert berichten kann. In der Zeitung stand, nur 2,6 Prozent der Schulabgänger könnten sich vorstellen, in der Pflege zu arbeiten. Ist das ein Wunder bei solchen Berichten?

 

Der Beruf ist also toller als gemeinhin angenommen?

Uhlen: Also, ich bin Krankenpfleger, und ich finde nach wie vor, dass es der großartigste Job überhaupt ist. Ich habe gerade erst wieder zwei Tage hinter mir, an denen ich Patienten besucht habe. Da am Bett zu stehen und mit denen zu reden und davon überzeugt zu sein, dass die wirklich liebevoll versorgt werden, dass meine Leute sich einen Kopf darum machen, wie sie den Menschen das Leben schöner machen – da geht einem das Herz auf. Die Leute, die ich kenne, wollen nicht weg aus der Pflege. Die wollen angemessen bezahlt werden, und sie wollen Respekt von der Gesellschaft.

 

Mich überrascht jetzt, dass Sie bei 4300 Mitarbeitern noch die Zeit finden, am Krankenbett zu stehen...

Uhlen:  Das ist auch so ein Klischeekram, nur weil man so ein großes Unternehmen führt. Wenn ich hier den ganzen Tag in meinem Sessel sitzen und Zahlen lesen soll – das bin ich nicht. Ich glaube schon, dass sich die meisten Manager über die Anzahl ihrer Meetings definieren, aber das ist meins nicht. Oder über die Zahl ihrer E-Mails, aber auch das ist meins nicht. Wenn ich ehrlich bin: Ich bin da ganz stumpf. Ich klicke E-Mails weg, wenn der Text zu lang ist. Wer mir etwas Wichtiges zu sagen hat, kann mich anrufen.

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Auf was für einem Niveau stöhnen wir eigentlich.

Lars Uhlen

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Was lernen Sie am Krankenbett?

Uhlen:  Ich sehe zum Beispiel immer wieder, dass wir ein gutes Gesundheitssystem haben. Ich war vom polnischen Gesundheitsminister eingeladen und habe gesehen, wie das da ist, und habe gedacht: Mein Gott, was haben wir’s gut. Auf was für einem Niveau stöhnen wir eigentlich.

 

Das Niveau bei uns ist hoch, aber es ist ja auch ein Niveau, das den Einzelnen stark belastet. Alles, was die Pflege teurer macht, muss der Patient zahlen, oder eben das Sozialamt. Ist das System noch zeitgemäß, oder sollten Kranken- und Pflegeversicherung zusammengelegt werden, um die finanzielle Basis breiter zu machen?

Uhlen: Jeder muss für sein Leben in irgendeiner Form finanziell geradestehen, das war schon immer so und das ist auch in Ordnung. Aber wir können nicht sagen, die Pflegekräfte sollen mehr verdienen und die Pflegebedürftigen müssen es bezahlen. Wir brauchen viele Innovationen im System, damit nicht alles auf den Pflegebedürftigen abgewälzt wird. Warum soll man die Versicherungen nicht zusammenlegen? Aber auch aus Steuern muss ein Zuschuss kommen, damit nicht die drei Prozent Pflegebedürftigen, die wir in Deutschland haben, alles bezahlen müssen. Man muss aber auch schauen, welche Gewinne mit der Pflege erzielt werden können und wo man da Grenzen ziehen muss.

 

Als Unternehmer sprechen Sie von einer Begrenzung der Gewinne?

Uhlen: Wenn ich die Möglichkeit habe, die Pflege unternehmerisch komplett frei zu gestalten, dann darf man sich nicht wundern, wenn es immer wieder verirrte Menschen gibt, die versuchen, noch ein bisschen mehr aus dem System herauszuholen, und Behörden dann das ein oder andere Heim wegen unhaltbarer Zustände schließen. Die Verführung in diesem Bereich ist gefährlich und nicht okay. Es sollte klar geregelt sein, was an Gewinn in Ordnung ist. Das muss auch angemessen sein, aber dann ist auch gut.

 

Sie fordern einen Tarifvertrag für Pflegekräfte, der den Namen verdient. Was muss drinstehen?

Uhlen: Erst einmal eine flächendeckende, allgemeinverbindliche Bezahlung. Wie wir das bezahlen, müssen wir sehen. Das Thema Pflegenotstand wäre dann jedenfalls in kurzer Zeit vom Tisch. Es gibt nämlich genügend Pflegekräfte. Ein normales Berufsleben in Deutschland dauert 45 Jahre. Jede Pflegekraft arbeitet aber nur 9,8 Jahre in ihrem Beruf. Bei 1,5 Millionen Menschen in der Pflege bedeutet das, dass es Millionen Pflegekräfte gibt, die in andere Berufe gegangen sind oder gar nicht mehr arbeiten. Wir haben also ein Riesenpotential an Menschen, das wir aktivieren können. Das geht zum Beispiel über bessere Bezahlung, aber auch durch bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wir müssen besser mit den Leuten umgehen, dann kommen sie auch wieder zurück. Wir müssen niemanden aus dem Ausland holen. Wir hatten im letzten Jahr 3800 Bewerbungen examinierter Pflegekräfte und haben 1180 eingestellt.

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Die Überstunden sind das Sparbuch der Leute.

Lars Uhlen

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Vereinbarkeit von Familie und Beruf klingt gut, aber der Alltag sieht doch so aus, dass Pflegekräfte aus ihrer Freizeit geholt werden müssen, wenn ein Kollege krank ist.

Uhlen: Da haben Sie Recht, keine Frage. Aber gehen Sie mal davon aus, dass viele Leute, die zurück in die Pflege kommen, in Teilzeit arbeiten möchten. Dadurch haben Sie viel mehr Mitarbeiter, und das Einspringen verteilt sich auf mehr Köpfe. Das ist aber auch kein spezifisches Problem der Pflege. Das ist bei der Polizei nicht anders. Wichtig ist, dass die Mitarbeiter grundsätzlich verlässliche Bedingungen haben. Wenn mir einer sagt, dass er nur zu bestimmten Zeiten arbeiten kann und ich ihm das zusage, muss ich das auch in seinem Team kommunizieren, damit er nicht den moralischen Druck verspürt, doch zu anderen Zeiten arbeiten zu müssen.

 

Es geht also auch ums Arbeitsklima?

Uhlen: Ich glaube, alle Arbeitgeber in unserer Branche geben sich verdammt viel Mühe mit ihren Leuten. Es gibt nur unterschiedliche Kulturen. Was uns ausmacht, ist, dass wir versuchen, uns konsequent auf Augenhöhe zu begegnen. Wir sind offen für Gespräche jeglicher Art und versuchen, sehr klar zu sein und damit vielleicht verlässlicher. Wir duzen uns hier, und wir feiern zu bestimmten Anlässen. Die Überstunden sind das Sparbuch der Leute. Wann auch immer sie das ausgezahlt haben möchten, das können sie selbst entscheiden. Mitarbeiter können bei uns zu jeder Zeit ihren Stellenumfang ändern. Das ist alles sehr unbürokratisch möglich. Wenn ein Mitarbeiter kommt und etwas verändert haben möchte, dann wäre ich dumm, wenn ich das ablehnte. Mitarbeiter in der Pflege haben im Moment an jedem Finger fünf Stellen.

 

Wie ist die Lohnentwicklung in Ihrem Unternehmen?

Uhlen: Wir haben uns gestreckt und in drei Jahren vier Lohnerhöhungen ermöglicht, was einer durchschnittlichen Erhöhung von 5,9 Prozent im Jahr entsprach. Das war weit mehr, als ich refinanziert bekommen habe. Das war schwierig. Die ambulanten Kräfte waren bei 33 Prozent Lohnerhöhung in den letzten vier Jahren und die Kräfte im Intensivbereich bei 22 Prozent. Es ist schon so, dass 2018 alles andere als ein gutes Jahr für uns war, aber ich halte Lohnerhöhungen nun mal für nötig.

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Wir können nicht einfach neue Pflegekräfte einstellen, um jede Nachfrage zu decken.

Lars Uhlen

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War es sinnvoll, dass der Gesetzgeber die Ausbildung von Kranken-, Alten- und Kinderpflegern zusammengelegt hat?

Uhlen: Auf gar keinen Fall. Das ist total schräg, und ich kann es nicht verstehen. Wir haben zum Beispiel viele beatmete Kinder. Ich bin Krankenpfleger für Erwachsene, und sich da an Kinder heranzutrauen – das ist schon eine krasse Nummer, davor hat man Respekt, das ist etwas ganz anderes. Gerade in der ambulanten Kinderpflege brauche ich Leute, die absolut fit sind. Aber wenn die in der Ausbildung nur ein Jahr mit Kindern arbeiten, dann fehlen zwei Jahre Vertrautheit und Professionalisierung. Es ist heute schon schwierig, für diese Aufgabe Top-Leute zu finden.

 

Wie viele Menschen werden von Bonitas betreut?

Uhlen: 5000 Patienten. 648 von ihnen sind Intensivpatienten, 210 leben in unseren ortsnahen Einrichtungen »Unser kleines Heim«, und die anderen werden von uns zu Hause gepflegt.

 

Müssen Sie in der ambulanten Pflege Patienten absagen?

Uhlen: Ja, leider sehr vielen. Wir können nicht einfach neue Pflegekräfte einstellen, um jede Nachfrage zu decken, weil da mehrere Faktoren zusammenpassen müssen, um das betriebswirtschaftlich sinnvoll gestalten zu können.

 

Sie haben angedeutet, vielleicht mit einem anderen Pflegedienst zu fusionieren, um gemeinsam die Nummer 1 in Deutschland zu werden. Was steckt dahinter?

Uhlen : Zu den Plänen möchte ich im Moment nichts sagen, aber vielleicht zu der Überlegung, die dahintersteckt. Es gibt Krankenkassen, die versuchen, uns mit ihrer Macht in den Vergütungsverhandlungen zu drücken. Bei diesen Verhandlungen muss ich meine Kalkulation offenlegen, aber jede Kasse geht anders damit um. Manche Kasse möchte eine Kalkulation für das ganze Unternehmen haben, andere nur für einen Bereich, also zum Beispiel die Intensivpflege. Manche Kassen halten vier Prozent Sachkosten für angemessen, manche zwölf, andere 16. Man weiß also gar nicht, wie man kalkulieren soll. Wie soll man da sicherstellen, dass man seine Mitarbeiter nach einem bestimmten Tarif entlohnen kann? Die Politik darf sich nicht nur über Pflegegehälter unterhalten, sondern auch über solche Rahmenbedingungen. Meine Mitarbeiter haben im vergangenen Jahr 6600 Fortbildungstage gemacht. Das hat Millionen gekostet. Die 120-Stunden-Fortbildung für die Pflegekräfte am Intensivbett hat über 1,3 Millionen Euro gekostet. Das muss ich ja alles finanzieren. Wir haben 730 Autos. Die kosten 3,9 Millionen Euro im Jahr. Das muss ja irgendwo herkommen. Da kann eine Kasse nicht einfach sagen, du bekommst nur vier Prozent Sachkosten, und das sind dann mal eben zehn, elf Prozent weniger, als ich benötige.

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Als so großer Pflegedienst in Deutschland sich so ohnmächtig zu fühlen in so einer Situation – das geht nicht.

Lars Uhlen

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Führt jedes Pflegeunternehmen solche Verhandlungen mit jeder Krankenkassen?

Uhlen: Bei der klassischen ambulanten Pflege gibt es Dinge, die von Mitgliedsverbänden ausgehandelt werden, aber wenn es um die Intensivpflege geht – ja, das muss jedes Unternehmen selber machen.

 

Und wenn Sie sich mit einem anderen Unternehmen zusammenschlössen, hätten Sie als größter privater Pflegedienst mehr Macht in den Verhandlungen?

Uhlen: Es geht nicht um Macht. Man hat einfach mehr Augenhöhe. Ich bin zum Beispiel gerade dabei, mit einer Krankenkasse, die für sechs andere mitverhandelt hat, einen Vertrag für eine höhere Vergütung zu unterschreiben, aus dem ich ja meine Lohnerhöhungen finanziere. Diese Verhandlung hat sage und schreibe 14 Monate gedauert, und ich habe mich durchaus das ein oder andere Mal nicht ernstgenommen gefühlt. Da habe ich dann gedacht: Als so großer Pflegedienst in Deutschland sich so ohnmächtig zu fühlen in so einer Situation – das geht nicht. Ich habe zum Schluss einen Anwalt mitgenommen, und dann ging es schneller. Ich finde es bedenklich, dass es immer härter zugeht. Da muss sich Politik auch drum kümmern. Es ist nicht okay, wenn ich meinen Mitarbeitern sagen muss: Lohnerhöhungen sind schwierig, weil die seit 14 Monaten rumbocken. Da ist es eben besser, wenn man größer ist.

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