Mi., 27.02.2019

Die Herforder Tafel versorgt bedürftige Menschen mit aussortierten Lebensmitteln – mit Video Was vom Überfluss übrig bleibt

Schon kurz nach der Öffnung ist der Andrang am Verkaufstresen der Tafel groß. Die Kunden werden der Reihe nach vorgelassen, müssen im Warteraum eine Nummer ziehen. Die Regale sind nach Produktgruppen sortiert. An jeder Station darf sich der Kunde etwas aussuchen.

Schon kurz nach der Öffnung ist der Andrang am Verkaufstresen der Tafel groß. Die Kunden werden der Reihe nach vorgelassen, müssen im Warteraum eine Nummer ziehen. Die Regale sind nach Produktgruppen sortiert. An jeder Station darf sich der Kunde etwas aussuchen. Foto: Moritz Winde

Von Bernd Bexte

Herford (WB). Eineinhalb Stunden war Michael Lange mit dem Transporter in Lippinghausen und Sundern unterwegs. »Ich habe bei fünf Läden Lebensmittelspenden abgeholt«, sagt er und hebt rote Plastikkisten aus dem Fahrzeug, gefüllt mit Gemüse, Obst, Brot und vielem mehr. Was im Müll gelandet wäre, macht jetzt Bedürftige satt. Dank der Herforder Tafel – seit 15 Jahren.

»Es kommen nur etwa zehn bis 15 Prozent der Personen, die berechtigt wären«, verweist Barbara Beckmann, Vorsitzende der Herforder Tafel, auf eine bundesweite Statistik. In Herford sind es immerhin 2500 Menschen. So viele haben sich beim Tafel-Verein am Benter Weg registriert. Jeweils 150 sind es an den Ausgabestellen in Enger und Spenge, weitere gut 100 bei der Filiale in Hiddenhausen.

Die Tafel ist damit die größte Einrichtung dieser Art im Kreis Herford. Wer einen Hartz IV-Bescheid vorlegt, erhält einen Ausweis. Mit dem kann er oder sie an einer der Ausgabestellen Lebensmittel einkaufen – einmal in der Woche. »Jeder Erwachsene zahlt 2 Euro, unter 18-Jährige 50 Cent«, erklärt Diplom-Pädagogin Beckmann, die seit Beginn ehrenamtliche Tafel-Vorsitzende ist. Die Tafel liefert aber auch aus, etwa ans Frauenhaus sowie an ältere Kunden, die nicht mobil sind.

Eröffnung vor 15 Jahren

Es war Dienstag, der 2. November 2004, als 30 ehrenamtlich Aktive des Fördervereins die Türen an der Mindener Straße 108 öffneten – damals die bundesweit 400. Tafel, aktuell gibt es 920. Auf 50 Quadratmetern im Ladenlokal des ehemaligen Blumengeschäftes Cardinal gingen die ersten gespendeten Lebensmittel über den Tresen, zunächst an nur zwei Ausgabetagen pro Woche. Schon im Vorfeld war die Unterstützung riesig: Marktkauf stellte Regale, die Firma Bauformat aus Löhne Küchenmöbel zur Verfügung, die Firma Wilmsmann brachte die Heizung in Ordnung.

Gut erhaltene, aber nicht mehr verkäufliche Lebensmittel spendeten Kaufland, Mios, »Der Bäckerjunge«, Neukauf, Fuchs Gewürze und Bioland Berg... Aber auch falsch etikettierte Wurstwaren oder Bananen, Äpfel und Mandarinen, die leichte Druckstellen oder Farbveränderungen aufweisen, waren im Angebot. »Die Firma Weinrich hat zur Eröffnung zehn Zentner Schokolade gespendet«, freute sich Barbara Beckmann damals.

Auch die Nachfrage war riesig, was vielleicht daran lag, das wenige Wochen nach der Eröffnung, am 1. Januar 2005, die Hartz-IV-Gesetzgebung in Kraft trat. »Plötzlich standen hier Familienväter nach einem Jahr Arbeitslosigkeit.« Zwei Jahre nach dem Start waren bereits 1500 Bedürftige bei der Tafel registriert, viele aus den Nachbarkommunen Herfords. 2008 wurden deshalb Filialen in Enger und Spenge eröffnet, 2017 folgte Hiddenhausen. Unverändert stark ist die Hilfe der heimischen Wirtschaft.

Ehrenamtliches Engagement

Die Tafel holt Waren von 70 Stellen im ganzen Kreis ab: aus Supermärkten, Bäckereien, von Humana, Weinrich und Mios, aber auch übrig gebliebenes Gebäck vom Weihnachtsmarkt kommt in die Kühlräume der Tafel. Die verfügt mittlerweile über zwei Kühlautos und einen Kleintransporter. »Es ist wichtig, dass wir die Kühlkette einhalten«, erläutert Beckmann.

Seit 2011 ist die Tafel am Benter Weg zu Hause, auf 300 Quadratmetern in den früheren Räumen eines Metallbetriebs. »An der Mindener Straße war es trotz zwischenzeitlicher Erweiterung einfach zu klein.« 70 Mitarbeiter – die meisten sind Ehrenamtliche – zählt das Team, 50 davon in Herford, 20 in Enger, Spenge und Hiddenhausen. Darunter sind zahlreiche Hartz-IV-Empfänger, vor allem in Hiddenhausen auch Flüchtlinge.

Angebote im Kreis Herford

Die Tafel ist die größte Einrichtung ihrer Art im Kreis. Die erste war 2002 der Warenkorb der Caritas. Zweimal in der Woche öffnet der Warenkorb, etwa 190 Menschen kommen regelmäßig. In Bünde gibt es im DRK-Gebäude eine Filiale der Meller Tafel, in Löhne und Vlotho hat das Diakonische Werk im Kirchenkreis Vlotho diese Aufgabe übernommen. Die dortigen Diakonieläden öffnen einmal wöchentlich ihre Türen.

»Aber auch viele Russlanddeutsche engagieren sich. Die sind immer wieder erstaunt, was bei uns in der Mülltonne landen würde, wenn es nicht zu Tafel käme.« Aber nicht alles wird an Bedürftige ausgegeben. Ein Drittel der Ware, vor allem Obst und Gemüse, ist nicht mehr für Menschen genießbar. »Deshalb macht das Sortieren auch die meiste Arbeit«, sagt Beckmann. Aussortiertes kommt auf den Kompost oder wird in der Landwirtschaft verfüttert. Für viele sei die Arbeit der Einstieg in einen Beruf. »Demnächst werden vom Jobcenter elf Stellen als Arbeitsmarktmaßnahme gefördert.« 20 bis 40 Wochenstunden sind die Langzeitarbeitslosen dann bei der Tafel beschäftigt.

Viele Flüchtlinge sind Kunden

»Wir sind in Herford die ersten, die von dieser neuen Hilfe zur Teilhabe am Arbeitsmarkt profitieren«, freut sich Beckmann. Derzeit legen sich zwei Minijobber und fünf Bufdis für die Tafel ins Zeug. Die finanziert sich aus Spenden und aus den Einnahmen beim Verkauf. »Und die Stadt gibt jährlich 12.000 Euro.« Denn ohne die Tafel geht es nicht mehr. »2015 war der Andrang wegen der Flüchtlinge so groß, dass wir einen Aufnahmestopp verhängt haben«, erinnert sich die Vorsitzende. Fast alle Flüchtlinge nähmen die Hilfe der Tafel in Anspruch. »Für viele Einheimische ist hingegen die Hemmschwelle zu groß.«

Ja, Ärger habe es schon mal gegeben. »Wir haben auch mal Leute rausgeworfen.« Anders aber als bei der Essener Tafel, die vor einem Jahr vorübergehend Lebensmittel nur noch an Deutsche ausgegeben hatte und damit für Schlagzeilen sorgte, sei dies in Herford niemals Thema gewesen. »Bei uns arbeiten viele Ausländer und Flüchtlinge mit«, sieht Barbara Beckmann hier kein Konfliktpotenzial. Was sie sich wünschen würde? »Noch mehr geförderte Stellen, damit die Leute für ihre Arbeit hier auch angemessen entlohnt werden.«

»Anfangs habe ich mich geschämt«

Dominique Heimann kommt seit September 2017 regelmäßig zur Tafel an den Benter Weg. »Ich bin so froh, dass es dieses Angebot gibt«, sagt die 41-jährige Herforderin, während sie ihre Tragetaschen mit den gerade erstandenen Lebensmitteln füllt: Brot, Eier, Wurst, Äpfel, Joghurt, Milch, Kartoffelsalat, Tomaten, Lauchzwiebeln... »Das reicht für eineinhalb Wochen.«

Der Verbrauch will gut geplant sein. Denn die alleinstehende Frau muss mit einer verminderten Erwerbsunfähigkeitsrente von monatlich wenigen hundert Euro über die Runden kommen. Zuvor war sie Altenpflegerin. Das ging aber aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr. »Ich bin jetzt schon zweimal am Herzen operiert worden«, erzählt die gebürtige Schwäbin. Und so bleibt ihr noch die Tafel.

Die meiste Arbeit macht das Sortieren des Obsts und Gemüses aus den Supermärkten. Viele Ehrenamtliche helfen dabei. Foto: Bexte

»Anfangs habe ich mich geschämt, hierhin zu kommen. Aber diese Hemmungen verliert man schnell.« Man sei ja nicht alleine; es gebe viele andere Menschen, die auf die Hilfe angewiesen seien. »Wir sitzen doch alle in einem Boot. Und die Mitarbeiter hier sind immer freundlich und gehen auf jeden Wunsch ein. Ich bin dankbar für jedes bisschen, das ich hier bekomme.«

Einkauf nach Aufruf

Wer in der Tafel einkaufen will, nimmt zunächst im Warteraum Platz und zieht eine Nummer. Ein Display zeigt an, wer als nächster an der Reihe ist. Am Eingang zum Verkaufsraum muss der Obolus für den heutigen Einkauf entrichtet werden. Mit einer Plastikkiste ausgerüstet geht es dann entlang des Tresens, hinter dem die verschiedenen Warengruppen in Regale sortiert sind: gekühlte Lebensmittel, Obst, Gemüse, Verpacktes füllen das Behältnis in wenigen Minuten.

»Ich gebe zunächst heraus, was wir heute ausreichend haben, dann darf sich jeder Kunde ein oder zwei Produkte aussuchen«, erklärt die ehrenamtliche Helferin Marlies Onyekwelu. Zweimal in der Woche, jeweils fünf bis sechs Stunden, hilft sie bei der Tafel. Auch Regina Schlaack steht ehrenamtlich hinter dem Tresen, jetzt bereits im dritten Jahr. »Montags helfe ich auch in Hiddenhausen. Mir macht das Spaß.«

Derweil hat Dominique Heimann ihre Taschen fertig gepackt – und nimmt sich noch ein paar Rosen aus einem der vielen mit Schnittblumen gefüllten Wassereimer, die am Ende der Verkaufstische stehen. Alleine kann sie ihren Einkauf nicht nach Hause tragen. »Das geht schon wegen meiner Herzbeschwerden nicht.« Ein Auto der Diakonie werde sie gleich abholen. Der Tafeleinkauf in der nächsten Woche ist bereits fest eingeplant.

 

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