Mi., 15.05.2019

Vor Ute Zill (48) liegen knapp 350 Kilometer in zehn Tagen Warum diese Frau von Berlin nach Herford laufen will

Ute Zill schnürt die Laufschuhe für ihren großen Lauf von Berlin nach Herford: In zehn Etappen will es sie schaffen, vor ihr liegen knapp 350 Kilometer. Sie wird von ihrer großen Schwester auf dem Fahrrad begleitet.

Ute Zill schnürt die Laufschuhe für ihren großen Lauf von Berlin nach Herford: In zehn Etappen will es sie schaffen, vor ihr liegen knapp 350 Kilometer. Sie wird von ihrer großen Schwester auf dem Fahrrad begleitet. Foto: Jan Gruhn, Grafik: Andre Günzel

Von Jan Gruhn

Herford/Berlin (WB). Aus der neuen in die alte Heimat: Ute Zill (48) will ab Christi Himmelfahrt in zehn Tagen von Berlin nach Herford laufen. Das heißt, dass sie pro Tag mindestens die Länge des Hermannslaufes absolvieren muss.

Beim Gedanken an die Quälerei, die vor ihr liegt, muss sie selbst erst mal durschnaufen. Knapp 350 Kilometer in zehn Etappen, die kürzeste misst etwa 31, die längste etwa 38 Kilometer. Noch sehen die blauen Laufschuhe, die Ute Zill bis zur Herforder Münsterkirche tragen sollen, ganz ordentlich aus. Kaum Schmutz, keine Löcher. Doch das dürfte sich ab Donnerstag, 30. Mai, ändern.

Startschuss soll morgens um 10 Uhr sein, passenderweise auf der geschichtsträchtigen Glienicker Brücke. Dort, wo zwischen 1962 und 1986 im Kalten Krieg mehrfach hochrangige Agenten ausgetauscht wurden, will Zill ihre ganz persönliche Auseinandersetzung mit der Wiedervereinigung beginnen.

Staunen beim »Grenzübertritt«

»Die Wende ist jetzt 30 Jahre her«, sagt Zill. Doch noch immer sei sie gelegentlich erstaunt, wenn sie im Alltag eine der alten Grenzen überquere. Seit 24 Jahren lebt Zill eigenen Angaben zufolge in Berlin, genauso lange pendle sie schon regelmäßig zu ihrem Elternhaus nach Herford. Dort ist sie aufgewachsen, hier hat sie am Friedrichs-Gymnasium Abitur gemacht.

Während einer Ferienfreizeit am Balaton in Ungarn lernte sie Jugendliche aus Ostberlin kennen und fuhr deshalb später regelmäßig in die DDR. »Deshalb war die Mauer bei uns natürlich immer Thema.« Aus ihrer Sicht ist Deutschland noch nicht endgültig zusammengewachsen. In Berlin sei das nicht so sehr zu spüren, in den neuen Bundesländern allerdings schon. »Wir dürfen nicht den Fehler machen und den Annäherungsprozess als Einbahnstraße betrachten«, wirbt sie für mehr Verständnis im Westen für den Osten.

Lauf als Andenken für den Vater

Ein wenig läuft sie auch für ihren Vater. Der sei selbst leidenschaftlicher Langstreckenläufer gewesen. Allerdings verstarb er im vergangenen Jahr nach schwerer Krankheit, aber dennoch überraschend. »Die Idee für den Lauf hatte ich schon vor fünf Jahren«, erklärt Zill. Das habe ihr gezeigt, »dass man Dinge nicht zu lange aufschieben sollte«.

Die Strecke ist schon ausbaldowert, die Unterkünfte gebucht. Vor den langen, eintönigen Kilometern durch Brandburg und Niedersachsen hat Zill keine Angst: »Aber auf die Höhenmeter bin ich gespannt.« Je näher sie der alten Heimat kommt, desto hügeliger wird’s. Die Strecke verläuft meist nahe der A2.

Schon 15 Marathons absolviert

Zill ist fit: Eigenen Angaben zufolge hat die Redakteurin des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) schon 15 Marathons (je etwa 42 Kilometer) und knapp 40 Halbmarathons (etwa 21 Kilometer) absolviert. »Natürlich laufen viele schneller als ich«, gibt Zill zu. Ihre schnellste Zeit auf der Marathon-Distanz: 4 Stunden und 42 Minuten. »Aber ich laufe stets so, dass ich mit einem fröhlichen Gesicht ins Ziel komme.«

Aber wie trainiert man für so eine Dauerbelastung? »In der Vorbereitung bin ich an fünf aufeinanderfolgenden Tagen mehr als einen Halbmarathon gelaufen«, erklärt die Hobbysportlerin. »Da schreist du am letzten Tag nicht mehr: Juhu, ich darf wieder laufen.« Aber sie sei sicher, dass sie es schaffen kann. Unterstützt wird sie von ihrer großen Schwester, die auf dem Fahrrad nebenher fährt und auch das Gepäck transportiert.

»Es wird vor allem eine mentale Herausforderung«, schätzt Zill. »Meine Strategie ist es, erst mal die ersten 20 Kilometer zu laufen. Dann zwei Kilometer gehen, dann wieder fünf Kilometer laufen und so weiter. Irgendwann komme ich schon an.«

Auf Facebook will Ute Zill regelmäßig von der Strecke berichten. Hier geht’s zur passenden Seite.

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