Fr., 24.05.2019

Nach 90 Jahren: Café Schmidt in Herford wohl bald Geschichte Die letzte Kneipe auf dem Stiftberg wird verkauft

Die Würfel sind gefallen: Ursula Euler sagt, sie habe sich die Verkaufs-Entscheidung nicht leicht gemacht. Immerhin sei es ihr Elternhaus und sie selbst in der Kneipe aufgewachsen. Die Gaststätte plus Baugrundstück sollen 548.000 Euro kosten.

Die Würfel sind gefallen: Ursula Euler sagt, sie habe sich die Verkaufs-Entscheidung nicht leicht gemacht. Immerhin sei es ihr Elternhaus und sie selbst in der Kneipe aufgewachsen. Die Gaststätte plus Baugrundstück sollen 548.000 Euro kosten. Foto: Moritz Winde

Von Moritz Winde

Herford (WB). Ex-Bürgermeister Bruno Wollbrink hat einmal gesagt: »Wer Herford kennenlernen will, muss ins Café Schmidt gehen.« Doch die goldenen Zeiten sind vorbei. Die urige Gaststätte steht zum Verkauf – nach fast 90 Jahren.

Damit dürfte schon bald auch die letzte von einst neun Kneipen auf dem Stiftberg verschwunden sein. »Die Gastronomie hat sich gewandelt. Rauchverbot, verändertes Freizeitverhalten – wer geht heute schon sonntags zum Frühschoppen?«, fragt Eigentümerin Ursula Euler, die in der Restaurant-Küche die Pfannen schwingt.

Harter Alkohol nur als Bückware

Das Café Schmidt liegt an der Stadtholzstraße gegenüber dem Bildungscampus. Foto: Moritz Winde

Die Großeltern der 72-Jährigen, Marie und Fritz Schmidt, haben das Café 1930 an der Stadtholzstraße eröffnet, wobei es genau genommen ja schon immer kein Café, sondern eine Gaststätte war. Da die Verwaltung damals aber keine Vollkonzession erteilte, griff das Wirte-Paar zu einem Trick. »Als Café durfte man trotzdem Bier ausschenken. Harten Alkohol gab’s offiziell nicht, nur als Bückware unterm Tresen«, sagt Ursula Euler. Das änderte sich Anfang der 50er Jahre. Der Name allerdings blieb bestehen.

Nachdem die Kneipe – sie verfügt mit Gastraum und Biergarten über etwa 100 Plätze – jahrzehntelang an Nicht-Familienmitglieder verpachtet war, übernahm im Februar 2012 mit Tochter Anja Lister die vierte Generation das Kommando.

Im Jahr zuvor der Schock: Ein Feuer, vermutlich ausgelöst durch eine brennende Zigarette im Mülleimer, verursachte einen Schaden in Höhe von 200.000 Euro. »Wir haben damals sehr viel Eigenkapital in den Wiederaufbau gesteckt«, sagt Ursula Euler. Eine umfassende Renovierung gab der Kneipe ein modernes und dennoch gemütliches Ambiente.

Top-Lage gegenüber dem Bildungscampus

Trotz aller Bemühungen: Die wirtschaftliche Lage sei mit jedem Jahr schlechter geworden. Mittlerweile hat das Café Schmidt nur noch von donnerstags bis sonntags ab 17 Uhr geöffnet. Doch wie lange noch?

Selbst Ursula Euler glaubt nicht an eine Zukunft der einst so beliebten Gaststätte. »Ich rate potenziellen Käufern davon ab, die Gastronomie weiterzuführen.« Der Verkaufs-Entschluss – das 1929 erbaute Haus plus 800 Quadratmeter großem Baugrundstück kostet 548.000 Euro – habe jedoch nicht nur finanzielle Gründe: »Ich musste letztes Jahr ins Krankenhaus, auch meine Tochter ist gesundheitlich angeschlagen.«

Wer ein Abschiedsbier trinken möchte, sollte sich sputen. Vermutlich wird das Café Schmidt in Kürze Wohnbebauung weichen müssen. An Interessenten dürfte es angesichts der Top-Lage gegenüber dem Bildungscampus nicht mangeln.

Die Theke zu Beginn der 50er Jahre: Heinz Schmidt mit Schwester Selma und einigen Gästen.

 

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