Do., 30.05.2019

Was Hebammen zum Entbindungsstopp am Klinikum Herford sagen – Mathilde springt ein »Beruf immer fordernder«

Mehr als 2200 Kinder erblickten im vergangenen Jahr in den beiden Herforder Krankenhäusern das Licht der Welt. Weil es nun jedoch an Hebammen fehlt, bleiben die vier Kreißsäle des Klinikums bis Montag geschlossen – ein Novum im Kreis Herford.

Mehr als 2200 Kinder erblickten im vergangenen Jahr in den beiden Herforder Krankenhäusern das Licht der Welt. Weil es nun jedoch an Hebammen fehlt, bleiben die vier Kreißsäle des Klinikums bis Montag geschlossen – ein Novum im Kreis Herford. Foto: dpa

Von Bernd Bexte

Herford (WB). Nein, es müsse sich keine werdende Mutter Sorgen machen. »Wir haben die Schichtbesetzungen vergrößert«, sagt Dr. Richard Wojdat, Chefarzt der Geburtshilfe im Mathilden-Hospital. Weil im Klinikum die vier Kreißsäle wegen Hebammenmangels bis Montag geschlossen sind, hilft das Krankenhaus in der Innenstadt aus.

Einige der elf Hebammen in der Mathilde hätten sich sofort gemeldet, bei Bedarf bereit zu stehen. »Ich freue mich, ein so tolles Team zu haben«, sagt Wojdat. Es gebe zahlreiche Anfragen von Schwangeren, die sich eigentliche für das Klinikum entschieden hätten. Einige seien schon zur Untersuchung da gewesen. Auch sein Haus weiß um das Problem des Hebammenmangels. »Wer sich bei uns bewirbt, hätte auch gute Chancen eingestellt zu werden.«

Mehr Geburten, weniger Hebammen

Wie gestern berichtet, verweist das Klinikum wegen akuter Personalengpässe Gebärende bis Montag an umliegende Häuser. Krankheitsfälle, aber auch allgemeiner Fachkräftemangel sind der Grund. Denn bei steigenden Geburtenzahlen entscheiden sich immer weniger junge Frauen für den Beruf der Hebamme. Warum? »Der Beruf wird immer fordernder«, benennt Nicole Kämpfer von der Hebammenpraxis »Rundherum« in Hiddenhausen den für sie entscheidenden Grund. Die 39-Jährige ist seit 16 Jahren Hebamme. In dieser Zeit habe sich viel verändert – für Festangestellte wie am Klinikum ebenso wie für Freiberufler wie sie.

Letztgenannte wurden in der Vergangenheit vor allem durch die steigenden Kosten für die Haftpflichtversicherung abgeschreckt. Im Krankenhausbereich könnte die Arbeitsbelastung ausschlaggebend sein. »Frauen in Ruhe bei der Geburt zu begleiten, ist fast nicht mehr möglich«, sagt Kämpfer. Zu den steigenden Fallzahlen bei immer weniger Kolleginnen käme viel »Drumherum« hinzu – vor allem Dokumentationsarbeit. »Man kann halt nur eine Zeit lang 150 Prozent geben.« Aber vielleicht fehle einigen Jüngeren auch der Biss. »Andere Tätigkeiten sind sicherlich bequemer.« Das bestätigt eine Hebamme, die namentlich nicht genannt werden möchte. Sie habe lange im Klinikum gearbeitet, sich dann aber selbstständig gemacht. »Hier geht es auch um viele Überstunden.«

»Das ist kein 9-to-5-Job«

Besonders in einem Haus wie dem an der Schwarzenmoorstraße könne die Belastung hoch sein. Denn das beherbergt ein Perinatalzentrum mit dem Level I. Das bedeutet, dass hier auch Risikoschwangerschaften und Frühchen versorgt werden. Solche Fälle werden bis Montag in die nächstgelegenen Perinatalzentren nach Bielefeld, Detmold und Minden verwiesen. Das Mathilden-Hospital hält diese intensivmedizinische Versorgung nicht vor, setzt hingegen den Schwerpunkt auf »Babyfreundlichkeit«. »Wir ermöglichen 85 Prozent der Mütter, ihr Kind zu stillen«, sagt Wojdat.

Auch laut Klinikum seien die Arbeitszeiten wohl ein Grund für den Hebammenmangel. »Das ist kein 9-to-5-Job«, sagt Pflegedirektor Bastian Flohr. Die vorübergehende Kreißsaalschließung habe »politisch Wellen geschlagen«. Das NRW-Gesundheitsministerium habe sich des Themas angenommen.

Nach der Schließung der Geburtsstation im Bünder Lukaskrankenhaus Ende 2014 hatte das Mathilden-Hospital seine Kapazitäten aufgestockt. So hat sich die Zahl der Geburten innerhalb von zehn Jahren auf 720 verdoppelt. Im Klinikum stieg sie von 1142 (2012) auf 1505. Zu der Frage wie viele Hebammen dort jetzt fehlen, macht das Haus keine Angaben.

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