Do., 30.05.2019

Stadt fordert Abriss bis Ende Juni – Hausbesitzer hatte keine Genehmigung Illegaler Bau: Balkon muss weg!

Amselplatz 1: Gaube und Balkon am Dach des Mehrfamilienhauses sind laut Stadt Herford illegal angebaut worden. Sie fordert den Abriss bis Ende Juni.

Amselplatz 1: Gaube und Balkon am Dach des Mehrfamilienhauses sind laut Stadt Herford illegal angebaut worden. Sie fordert den Abriss bis Ende Juni. Foto: Moritz Winde

Von Bärbel Hillebrenner

Herford (WB). 180.000 Euro hat das Ehepaar Neslihan (44) und Ercin (50) Kalkan in die Modernisierung seines Mehrfamilienhauses am Amselplatz gesteckt. Die Mieter sollten es schön haben. Deshalb bekam auch die Dachgeschosswohnung einen Balkon. Illegal! Eine Baugenehmigung gab es nicht. Die Stadt fordert den Abriss.

Schon von Weitem ist der grüne Sonnenschirm auf dem kleinen Balkon sichtbar. Angela Huxoll genießt die Aussicht. »Ist das nicht herrlich?«, schwärmt die Mieterin und weist auf die grünen Bäume vor dem Haus und den Blick in die Ferne.

Sieben Wohnungen modernisiert

Doch ab Juli ist das vorbei – bis dahin muss alles weg: der Balkon am Dach und die Gaube, über die man den Außensitz betritt. »Das ist eine Katastrophe«, schimpft Angela Huxoll. Deshalb will sie ausziehen, die Umzugskisten sind gepackt.

Für 220.000 Euro hat das Ehepaar Kalkan 2007 die Immobilie gekauft. »Wir waren selbst Mieter, haben im Erdgeschoss den Laden mit polnischen Lebensmitteln geführt«, sagt Ercin Kalkan. In den letzten zehn Jahren hätten er und seine Frau nochmal 180.000 Euro investiert, um alle sieben Wohnungen zu modernisieren.

Laden ist heute verpachtet

»Nur dafür haben wir geschuftet, sieben Tage die Woche. Mein Mann ist nachts nach Polen gefahren, hat dort auf dem Großmarkt die Ware gekauft. Ich habe meine beiden Kinder erzogen und stand den ganzen Tag im Geschäft«, berichtet Neslihan Kalkan.

Diese Anstrengung ging auf die Gesundheit. »Als meine Frau krank wurde, habe ich es alleine nicht mehr geschafft, da haben wir den Laden verpachtet«, sagt Ercin Kalkan.

Auf Bauunternehmer verlassen

Mittlerweile ist er selbst krank geworden, die Sorgen um den bevorstehenden Abriss haben ihn depressiv gemacht, eine zurückliegende Herzoperation belastet ihn zusätzlich. »Ich habe es doch nur gut gemeint, wollte die Wohnung unter’m Dach mit einem Balkon verschönern. Was ist schlimm daran?«, fragt sich der 50-Jährige.

Die Stadt hat es ihm deutlich gemacht: Es lag kein Bauantrag und somit keine Baugenehmigung vor. Bei solchen aufwendigen Veränderungen aber ist das Pflicht. Kalkan sagt, er habe sich auf den Bauunternehmer verlassen, der habe das auch bei den anderen Balkonen übernommen, in diesem Fall aber wohl nicht.

Unwissenheit nützt nichts

Weil er beim Bauamt wegen der Statik eine Nachfrage hatte, sei die Stadt überhaupt erst auf den illegalen Bau aufmerksam geworden. »Sie sehen, ich habe tatsächlich nicht gewusst, dass keine Genehmigung vorlag. Sonst hätte ich dort wohl nicht angerufen.«

Diese Unwissenheit aber nützt dem türkischen Ehepaar nichts. Gemeinsam sei man mit der Mieterin Huxoll beim Bauamt gewesen, um vielleicht doch noch den Abriss verhindern zu können. Vergeblich! Nach vielen Gesprächen habe die Stadt, so Kalkan, nur den Termin verschoben.

Abriss kostet 10.000 Euro

»Jetzt kostet mich das nochmal 10.000 Euro und einen neuen Mieter muss ich auch noch suchen.« Seine Kinder – der Sohn wird Polizist, die Tochter ist Krankenschwester – hätten ihm geraten, die Sache abzuhaken. »Ja, das sagt sich so leicht. Ich kann nun mal nicht verstehen, warum die Stadt keine Ausnahme machen kann«, sagt der 50-Jährige. Er hat sogar eine Unterschriftenaktion in der Nachbarschaft initiiert mit dem Ergebnis: Balkon und Gaube störten niemanden. Die Stadt aber schon.

Das sagt die Stadt

»Die Verhandlung mit dem Hauseigentümer am Amselplatz dauert bereits ein Jahr«, sagt Baudezernent Dr. Peter Böhm. Tatsache sei, dass für den Anbau kein Antrag gestellt und auch keine Baugenehmigung zugrunde liege. »Es ist dadurch eine illegale Veränderung am Haus, die nicht mit den Vorgaben des Bebauungsplans übereinstimmt«, so Böhm. Kein einziges Haus rund um den Amselplatz habe eine Gaube.

Der Bebauungsplan sei der Planungswille der Stadt, an den müsse sich jeder Bauherr und Architekt halten. Böhm: »Es kann nun mal nicht jeder machen, was er will. Weil jemand Fakten schafft, hat er nicht automatisch recht.«

Sämtliche Veränderungen außen am Haus und auf dem Grundstück sollten mit der Stadt besprochen werden, viele Vorhaben müssten erst genehmigt werden: Garage, Carport, Gartenhäuser, sogar Zaunanlagen, die höher als zwei Meter sind. »Wir können nicht dem einen Bürger etwas nachträglich erlauben, was wir im Vorfeld einem anderen verweigert haben. Wir müssen alle gleich behandeln.«

 

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