Do., 13.06.2019

Sevinc Ceber erstmals nach Herforder Hochhausbrand zurück im Café Nach Hochhausbrand: »Hier sieht’s ja aus wie im Krieg«

Sevinc Ceber ist schockiert. Sie steht vor den Trümmern ihrer Existenz. Durch das Feuer und die Löscharbeiten wurde das Café Cerdo vernichtet. Die 49-Jährige aber kündigt an: »Wir wissen zwar noch nicht wann, doch wir werden wieder eröffnen.«

Sevinc Ceber ist schockiert. Sie steht vor den Trümmern ihrer Existenz. Durch das Feuer und die Löscharbeiten wurde das Café Cerdo vernichtet. Die 49-Jährige aber kündigt an: »Wir wissen zwar noch nicht wann, doch wir werden wieder eröffnen.« Foto: Moritz Winde

Von Moritz Winde

Herford (WB). Plopp, plopp, plopp: Im Sekundentakt platschen die Tropfen von der durchnässten Rigipsdecke. Cerdo-Chefin Sevinc Ceber steht zum ersten Mal nach dem Herforder Hochhausbrand in ihrem Café. Sie lässt ihren Blick über die Trümmer schweifen – dann wird sie von ihren Gefühlen überwältigt.

Normalerweise würde die 49-Jährige jetzt kleinen Kindern mit einem selbst gemachten Eis eine große Freude machen, ein frisch gezapftes Pils servieren oder mit Stammgästen einen Plausch halten. Doch was ist schon normal? »Nichts mehr seit dem 3. April«, schluchzt Sevinc Ceber.

An jenem Mittwochmorgen vor zweieinhalb Monaten starb in den Flammen nicht nur die 72-jährige Mieterin der Lübbertor-Wohnung im fünften Stock, das Feuer vernichtete außerdem die Lebensgrundlage der Gastro-Familie im Erdgeschoss. Mehr als 24 Stunden benötigte die Feuerwehr, erst dann war auch das letzte Glutnest unter Kontrolle. Es war einer der größten Brände in Herford.

Von der Decke tropft es immer noch

Eine Speisekarte liegt auf einem Schutthaufen. Das Café Cerdo wurde vor zwei Jahren erst für viel Geld renoviert. Foto: Moritz Winde

»Hier sieht’s ja aus wie im Krieg«, stellt Sevinc Ceber unter Tränen fest. Eine Speisekarte liegt auf Schuttresten, Dutzende bunter Eislöffelchen aus Plastik sind auf dem Boden verteilt, ein Mini-Ventilator lehnt an der Wand: Utensilien, die an bessere Tage erinnern.

Aus der Decke – oder besser gesagt, was davon übrig geblieben ist –, hängen Kabel. An manchen Stellen tropft’s von oben. Auf dem Gang zur Küche ist eine Pfütze entstanden. Es riecht muffig. Sickert immer noch Löschwasser durch die Etagen oder ist der heftige Regen schuld?

Für Sevinc Ceber spielt diese Frage keine Rolle. Nach ein paar Minuten hält sie es drinnen ohnehin nicht mehr aus. »Ich brauche frische Luft«, sagt sie. Auf der Terrasse, die sie mit viel Liebe für die Sommersaison hergerichtet hatte, herrscht ebenfalls Chaos. Die 49-Jährige macht sich daran, ein paar Hortensien aus den Holzbeeten zu buddeln. »Die kommen zu mir in den Garten.«

Seit 2007 führt die Bielefelderin das Café in der Herforder Innenstadt. Erst vor zwei Jahren habe sie mehr als 150.000 Euro in die Renovierung des 150 Quadratmeter großen Ladens investiert. Und jetzt steht sie vor den Trümmern ihrer Existenz.

Sevinc Ceber erzählt, sie sei nach dem Brand wie gelähmt gewesen. »Ich lag zwei Wochen flach, hatte keinen Antrieb. Es war alles irgendwie so unwirklich, so schrecklich.« Ihre Familie habe ihr Halt gegeben und auch die aufmunternden Worte ihrer Stammgäste hätten unheimlich gut getan. »Ohne diese Unterstützung hätte ich das nicht geschafft.« Bekannte Gastronomen aus der Region hätten ihr einen Job angeboten. Sie habe dankend abgelehnt. »Ich will mein Cerdo zurück. Es ist doch mein Baby. Mir fehlt die Arbeit sehr.«

Arbeiter geben persönliche Dinge weiter

Mitarbeiter einer Fachfirma wuchten die schwere Kühltheke auf einen Hubwagen. Sie wird in Hamm gecheckt. Foto: Moritz Winde

Seit Anfang der Woche hat der Statiker das einsturzgefährdete Gebäude freigegeben. Ohne Helm und Schuhen mit Stahlkappen geht aber nichts.

Spezialfirmen sind bereits dabei, die Seniorenwohnungen zu entrümpeln. Auf dem mit Bauzäunen nach wie vor abgesperrten Wall stehen eine Handvoll XXL-Mulden. Holz, Metall, Schutt, Restmüll – bereits beim Ausräumen wird getrennt.

Cengiz Iren vom Abbruchunternehmen Bänisch aus Oerlinghausen gehört zu den Männern fürs Grobe. »Wir arbeiten uns von unten nach oben. Alles muss raus«, sagt der 25-Jährige. Anschließend werde das Gebäude in den Rohbauzustand zurückversetzt. Und dann könne mit dem Wiederaufbau begonnen werden.

Wie lange dauert diese Prozedur? »Völlig unklar.« Persönliche Erinnerungen und Wertgegenstände konnten die Bewohner bereits in Sicherheit bringen. Sie durften vor einigen Wochen für kurze Zeit zurück in ihre Wohnungen. Cengiz Iren: »Und falls wir noch etwas finden, leiten wir es natürlich weiter.«

Im Haus breitet sich der Schimmel aus

Es gibt angenehmere Arbeiten. Der Vierer-Trupp darf nur mit Sicherheitskleidung und Mundschutz in die Apartments. Durch die Feuchtigkeit hätten sich überall Schimmelsporen breit gemacht.

Auf den herausgetragenen Möbeln sind die dicken grün-schwarzen und krankmachenden Flecken deutlich zu erkennen. »Noch schlimmer aber ist es in den Kühlschränken. Die Lebensmittel leben teilweise schon. Kein Wunder, die Kühlkette ist ja auch seit Monaten unterbrochen«, sagt Sascha Bürger (32).

Auch im Café wird mittlerweile malocht. Tische und Stühle sind bereits im Container. Elektrische Geräte wie Backofen, Kühltheke oder Eismaschine werden von einer Fachfirma abtransportiert, gesäubert und gegebenenfalls repariert. Sie könnten wieder zum Einsatz kommen.

Von alldem bekommt Sevinc Ceber nichts mit. Sie ist in die türkische Heimat zu ihren Eltern geflogen. Sie brauche Abstand. Zumindest für den finanziellen Schaden komme die Versicherung auf. »Emotional aber muss ich damit alleine klar kommen.«

Die Schimmelsporen auf diesem Schrank sind deutlich zu erkennen. Zwei Männer werfen ihn in eine Mulde. Foto: Moritz Winde

 

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