Das Klinikum Herford wächst in allen Bereichen, allerdings drückt ein 7,7-Millionen-Euro-Defizit
7,6 Prozent mehr Patienten

Herford (WB). Nein, gute Nachrichten gab es vom Klinikum zuletzt selten. Kreißsaalschließung, Millionen-Defizit, Geschäftsführer-Abgang. Es lief schon mal besser. Dabei dürfte die wichtigste Nachricht diese sein: An der Schwarzenmoor­straße kann immer mehr und immer schwerer Erkrankten geholfen werden.

Donnerstag, 20.06.2019, 06:29 Uhr aktualisiert: 21.06.2019, 09:28 Uhr
Das Klinikum an der Schwarzenmoorstraße ist mit 2000 Beschäftigten größter Arbeitgeber im Kreis Herford. In den vergangenen Jahren wurden dort 100 Millionen Euro investiert. Unerwartete Kostensteigerungen beim Umbau sollen jetzt Wirtschaftsprüfer untersuchen. Foto:
Das Klinikum an der Schwarzenmoorstraße ist mit 2000 Beschäftigten größter Arbeitgeber im Kreis Herford. In den vergangenen Jahren wurden dort 100 Millionen Euro investiert. Unerwartete Kostensteigerungen beim Umbau sollen jetzt Wirtschaftsprüfer untersuchen.

Die Anzahl der Patienten ist nach Angaben des Klinikums im vergangenen Jahr um 7,6 Prozent im stationären und um 6,9 Prozent im ambulanten Bereich gestiegen. »In den 21 Kliniken und Instituten sowie zwölf zertifizierten Zentren wurden 32.000 Menschen stationär behandelt, 75.000 ambulant«, bilanziert Interims-Geschäftsführer Armin Sülberg, seit April im Amt. Aber auch die Qualität der Behandlung habe deutlich zugelegt: »Wir behandeln stetig mehr und schwerer erkrankte Patienten.«

So sei der durchschnittliche Schweregrad, ablesbar am so genannten Case-Mix-Index, seit 2014 um elf Prozent angewachsen. Das Land wisse dies zu schätzen. So seien dem Haus vor zwei Jahren 100 zusätzlich Betten zugesprochen worden. 800 sind es jetzt insgesamt. »Das ist im Vergleich zu anderen Häusern eine beachtliche Entwicklung«, sagt Sülberg. Hinzu kamen im vergangenen Jahr 90 weitere Mitarbeiter. Mit 2000 Beschäftigten ist das Klinikum der größte Arbeitgeber im Kreis Herford.

Wirtschaftsprüfer eingeschaltet

Der hat 2018 allerdings ein unerwartet hohes Defizit erwirtschaftet: Mit 7,7 Millionen Euro waren es noch einmal 3,2 Millionen Euro mehr als im Jahr zuvor. Hauptverantwortlich dafür seien eigenfinanzierte Investitionen in Höhe von 3,6 Millionen Euro, Personalrückstellungen (Überstunden, Pensionen) in Höhe von 1,9 Millionen Euro sowie Rückstellungen aus Prüfungen des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen über 1,4 Millionen Euro.

Durch »Optimierung von Leistungsprozessen, vor allem in erlösrelevanten Bereichen wie dem OP, werden nachhaltige Verbesserungen für die Leistungserbringung erwartet«, heißt es mit Blick in die Zukunft. Das betreffe auch die laufenden Umbaumaßnahmen. Die sind, wie berichtet, deutlich teurer geworden. »Wirtschaftsprüfer werden sich das jetzt anschauen. Im Herbst werden Ergebnisse vorliegen«, kündigt Sülberg an. Über Konsequenzen müsse dann der mit Kommunalpolitikern besetzte Verwaltungsrat entscheiden. Sülberg will dem nicht vorgreifen, sagt aber: »Ich habe noch keine Baumaßnahme einer solchen Größenordnung gesehen, bei der es keine Kostensteigerungen gegeben hat.«

Personalgewinnungsprogramm

Es gehe vor allem um die saubere Dokumentation der Kostensteigerungen sowie der zusätzlich ausgeführten Arbeiten. Die soll bekanntlich bei zahlreichen Aufträgen fehlen. »Das muss alles nachvollziehbar und transparent werden.« Das Klinikum hat in den vergangenen Jahren etwa 100 Millionen investiert.

Mit einem Personalgewinnungsprogramm inklusive Bonussystem will das Klinikum Personalengpässe beheben. Vor allem bei der Anästhesie, der Intensivmedizin sowie bei den Hebammen gibt es Bedarf. Deshalb waren im Mai die vier Kreißsäle für fünf Tage geschlossen worden. »Uns würde helfen, wenn wir Hebammen ausbilden dürften. Eine Schule für Hebammen wurde aber schon einmal vor Jahren abgelehnt.«

Mit einer Medizinstrategie 2025 will das Klinikum weiter wachsen: Mit Partnern in der Region wolle man ein Thoraxzentrum aufbauen. Eine Weaning-Station zur Entwöhnung von Patienten vom Beatmungsgerät sowie eine neurologische Frührehabilitation seien im Aufbau.

Kommentar

Interims-Geschäftsführer Armin Sülberg ist um seinen Job derzeit nicht zu beneiden. Nach dem überraschenden Abgang seines Kurzzeit-Vorgängers Stephan Judick – offiziell »in gegenseitigem Einvernehmen« – muss er gemeinsam mit der Belegschaft auf vieles eine Antwort finden, was andernorts verursacht wurde. Wie konnte es zu den enormen Kostensteigerungen beim Umbau kommen? Wie dem Fachkräftemangel in vielen Bereichen Herr werden?

Nach den Negativ-Schlagzeilen der vergangenen Monate seien Mitarbeiter in Sorge, ob sie im Klinikum noch an der richtigen Stelle arbeiteten, sagt Sülberg. »Das muss man ernst nehmen.« Dabei sind sie es, die jedes Jahr Zehntausenden Menschen helfen. Ohne sie geht es nicht. Bernd Bexte

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