Sa., 13.07.2019

Zahl der Sorgerechtsentziehungen hat sich im Kreis Herford mehr als verdoppelt Wenn Kindern in der Familie Gefahr droht

Das Sorgerecht kann per Gerichtsbeschluss komplett entzogen oder zumindest eingeschränkt werden. Die Fallzahlen im Kreis Herford sind deutlich gestiegen.

Das Sorgerecht kann per Gerichtsbeschluss komplett entzogen oder zumindest eingeschränkt werden. Die Fallzahlen im Kreis Herford sind deutlich gestiegen. Foto: imago

Von Bernd Bexte

Herford (WB). Es ist eine statistische Zahl, hinter der sich viele Schicksale verbergen: Weil ihnen Gefahr droht, sind im vergangenen Jahr im Kreis Herford 52 Kinder aus der Obhut ihrer Eltern genommen worden – mehr als doppelt so viele wie im Jahr zuvor.

2017 hatte es 21 Sorgerechtsentziehungen gegeben. Auch in den Jahren davor lag die Zahl deutlich unter dem Wert von 2018, der vermutlich einen traurigen Rekord darstellt. Nur Anfang des Jahrtausends gab es ähnlich viele Fälle. Aufgrund methodischer Veränderungen bei der Erhebung sind die Zahlen aber nur bedingt vergleichbar, erklärt das Statistische Landesamt, das die Daten erfasst hat.

»Erheblicher Anstieg«

Das Sorgerecht kann per Gerichtsbeschluss entzogen oder eingeschränkt werden, wenn eine Gefahr für das körperliche oder psychische Wohl des Kindes sowie die finanzielle Versorgung besteht. Familiengerichte können nicht nur den vollständigen, sondern auch den teilweisen Entzug des Sorgerechts anordnen, also für bestimmte Bereiche wie etwa die Gesundheitsfürsorge. Häufig geht es dabei auch um das Aufenthaltsbestimmungsrecht, wenn einem Kind in einer bestimmten Umgebung Gefahr droht, etwa durch Gewalt oder Missbrauch.

»Ja, es gibt einen erheblichen Anstieg bei den Fallzahlen«, bestätigt der Herforder Jugendamtsleiter Andreas Spilker. Selbstverständlich habe jeder Fall ganz spezifische Ursachen und müsse einzeln betrachtet werden. Die Tendenz sei aber eindeutig: »Es gibt eine Zunahme von Überforderungssituation bei Eltern – mit unterschiedlichen Ursachen, beispielsweise Trennung, psychische Erkrankungen oder Suchterkrankungen.« Daneben gebe es Familien, in denen Kinder Gewalt oder Missbrauch ausgesetzt seien und die dann vom Jugendamt vor ihren eigenen Eltern geschützt werden müssten.

Familiengericht entscheidet

»Auf der anderen Seite erkennen wir mittlerweile viel früher, wenn Familien Hilfe brauchen.« Andernfalls sähe die Statistik wohl noch dramatischer aus, vermutet Spilker. Ziel des Jugendamtes sei es – auch in Kooperation mit freien Trägern –, die Kinder bei ihren Eltern zu lassen. Das Elternrecht sei schließlich ein Grundrecht. »Aber es gibt Grenzen.« Dann dürfe das Jugendamt einschreiten und das Kind vorübergehend in Obhut nehmen, etwa in eine Bereitschaftspflege.

Soll das Sorgerecht langfristig entzogen werden, bedarf es eines Beschlusses des Familiengerichts. Dann wird für das Kind ein Vormund bestellt, häufig ein Sozialarbeiter oder Sozialpädagoge, es kann aber auch ein Ehrenamtlicher sein. Dieser stellt beim Jugendamt einen Antrag auf Hilfen zur Erziehung. Kleinere Kinder werden häufig in Pflegefamilien untergebracht, ältere in stationären Einrichtungen. »Wir überprüfen immer eine mögliche Rückkehr. In einigen Fällen schaffen wir das auch.«

Entwicklung entspricht Landestrend

Derzeit gibt es in Herford 80 bis 90 Pflegeverhältnisse – Kinder in stationären Einrichtungen nicht eingerechnet. Pflegefamilien seien rar, »und sie sind heute anders«, erläutert Spilker. Während früher ein Elternteil meist zu Hause bei den Kinder geblieben sei, seien heute häufig beide berufstätig. »Deshalb wollen wir Modelle entwickeln, mit deren Hilfe solche Pflegeeltern entlastet werden und auch mal Urlaub machen können.«

Das Jugendamt des Kreises Herford – es ist für die kleineren Kreiskommunen Vlotho, Enger, Spenge, Kirchlengern, Hiddenhausen und Rödinghausen zuständig – hält sich mit einer Bewertung der aktuellen Zahlen zurück. Nur so viel: »Die Statistik benennt die Zahl der betroffenen Kinder, nicht der Eltern.« Wenn also eine betroffene Familie viele Kinder habe, dann stiegen entsprechend die Fallzahlen. Die Entwicklung im Kreis liegt im Landestrend: NRW-weit stieg 2018 die Zahl der Sorgerechtsentziehungen um 244 auf 4572, OWL-weit um 147 auf 476.

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