Wie Herford den Kriegsausbruch vor 80 Jahren erlebte
»Endlich löst sich die Spannung«

Herford (WB). Als würde das Wetter den Lauf der Geschichte abbilden: »Schwül, Gewitterstimmung ohne Entladung«, schreibt Museumsleiter Gustav Schierholz am 30. August 1939 in seine Chronik der Stadt Herford. Am 1. September dann die schicksalhafte Wende: »Endlich löst sich die Spannung.« Der Zweite Weltkrieg beginnt.

Sonntag, 01.09.2019, 09:00 Uhr
Soldaten bei der Kleiderausgabe oder -kontrolle in der Otto-Weddigen-Kaserne an der Mindener Straße: Dort war ab Mitte Oktober 1935 die Panzer-Abwehrabteilung 6 der 6. Infanterie-Division der Wehrmacht stationiert. Foto: Kommunalarchiv
Soldaten bei der Kleiderausgabe oder -kontrolle in der Otto-Weddigen-Kaserne an der Mindener Straße: Dort war ab Mitte Oktober 1935 die Panzer-Abwehrabteilung 6 der 6. Infanterie-Division der Wehrmacht stationiert. Foto: Kommunalarchiv

An diesem Freitag meldet der Rundfunk am Vormittag, »dass die deutschen Truppen um 5 Uhr die polnische Grenze überschritten haben und in Feindesland einrücken«. Schierholz ist begeistert: »Erhebend war die Reichstagssitzung, in der der Führer sprach. Ganz Deutschland erfasste den Ernst der Stunde. Der Luftschutz wird aufgerufen. Die Häuser sind zu verdunkeln. Die Straßenlaternen werden gelöscht. Die Bordsteine werden weiß gestrichen«, schreibt der Studienrat des Friedrichsgymnasiums in seiner Chronik.

Lebensmittel rationiert

Dieser 1. September vor 80 Jahren wird alles verändern – auch in Herford. Doch wer ahnt das schon? Im Capitol-Kino läuft »Paradies der Engel« mit Heinz Rühmann, das Wittekindkino zeigt »Frau am Steuer« mit Lilian Harvey und Willy Fritsch.

Truppentransport in Herford zur Zeit des Kriegsausbruchs: »Truppen rücken zum Bahnhof, stumm begrüßt. Wie anders als 1914!«, heißt es in der Chronik des Museumsleiters Gustav Schierholz.

Truppentransport in Herford zur Zeit des Kriegsausbruchs: »Truppen rücken zum Bahnhof, stumm begrüßt. Wie anders als 1914!«, heißt es in der Chronik des Museumsleiters Gustav Schierholz. Foto: Kommunalarchiv

Die auch in der Kreisstadt gleichgeschaltete Presse wünscht sich am Tag des Kriegsausbruchs sogar noch den Weltfrieden. »Hoffen wir in Europa, daß der September des Jahres 1939 auch auf der Gegenseite dieses friedliche Wollen schafft, dann wird vielleicht der heurige September in die Geschichte eingehen als der September des Weltfriedens«, heißt es in der Rubrik »Blick über Herford« in den »Westfälischen Neuesten Nachrichten«.

Der unbekannte Autor schließt mit dem Satz: »Die deutsche Staatsführung und das deutsche Volk haben keinen friedlicheren Wunsch!« Dabei ist die Versorgung bereits seit dem 28. August auf Kriegszeiten umgestellt. Lebensmittel, Stoffe und Schuhe gibt es nur noch über Bezugsscheine. Im Rathaus wird eine Lebensmittelabteilung eingerichtet. »Das Publikum versucht zu hamstern, die Behörden greifen streng ein«, heißt es in der Chronik.

Autos für Kriegszwecke eingezogen

Die Stimmung scheint gedrückt: »Truppen rücken zum Bahnhof, stumm begrüßt. Wie anders als 1914!« Überall Reservisten in neuen Uniformen, überall requirierte Autos. Die Panzerabwehr parkt die eingezogenen Fahrzeuge – unter anderem von der Brauerei Felsenkeller – auf dem Schulhof an der Mindener Straße. Zeitungen veröffentlichen »Zehn Gebote gesunder Lebensführung«: Erstes Gebot: »Dein Körper gehört deiner Nation, denn ihr verdankst du dein Dasein.«

Die Herforder scheinen aber zunächst das Spätsommerwochenende zu genießen, an den Hängen des Stuckenbergs blüht die Heide. »Überall in der Stadt reger Verkehr. Ein sonniger Tag«, schreibt Schierholz über Samstag, den 2. September. »Überall auf den Straßen frohe Stimmung. Jeder wußte, nun werden wir bald Polen zermalmen. Ein wundervoller Abend. Die Menschen saßen vor den Häusern im hellen Mondenschein.«

»Herford ist luftschutzbereit«

Und in der Lokalpresse geben vermeintlich erbauliche Verse die Marschrichtung vor. Unter der Überschrift »Jedem das Seine«, eine Phrase, die später über dem Tor des KZ Buchwald prangen sollte, schreibt ein anonymer Autor: »So ist das jetzt im deutschen Land, der Hamster kommt nicht mehr zum Raffen, er kann nicht mehr mit gier’ger Hand des Volks Erzeugnis und Bestand in seinen eignen Beutel schaffen!«

Während im Osten das Völkerschlachten beginnt, stellt sich die Heimatfront auf eine entbehrungsreiche Zeit ein: Alle »deutsch gesinnten Frauen« der Stadt kommen zu einem Gemeinschaftsabend in der Gaststätte Brinkmann am Renntor zusammen. »Wir wollen zeigen, daß wir in treuer Kameradschaft und Schicksalsgemeinschaft zusammenstehen«, heißt es in der Einladung.

Und am 5. September meldet der Reichsluftschutzbund: »Herford ist luftschutzbereit.« Noch allerdings drohen den Herfordern keine Luftangriffe. Noch nicht...

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