Gemeinschaftsausstellung: Sieben Künstlerinnen erkunden den Zellentrakt
Erinnerungen wie Narben

Herford (WB). 2011 hatten fünf Künstler den Zellentrakt im Rathaus als Bezugspunkt für ihre Kunst genutzt. »abgeschlossen« hieß die Gemeinschaftsausstellung. Acht Jahre später setzen sich sieben Künstlerinnen mit diesem Ort auseinander. Die Ausstellung »aufgeschlossen« wird am Donnerstag eröffnet.

Donnerstag, 05.09.2019, 11:00 Uhr
Neun filigrane Papierschnitte, lose, fast schwebend, nur mit Nadeln an einer Wand des Zellentraktes befestigt, zeigen schlafende Menschen. Die Arbeit von Kristine Wedgwood-Benn nimmt Bezug auf ein eingeritztes Zitat in einer Zelle: »Es geht alles vorüber.« Foto: Bexte
Neun filigrane Papierschnitte, lose, fast schwebend, nur mit Nadeln an einer Wand des Zellentraktes befestigt, zeigen schlafende Menschen. Die Arbeit von Kristine Wedgwood-Benn nimmt Bezug auf ein eingeritztes Zitat in einer Zelle: »Es geht alles vorüber.«

Was sie auszeichnet, ist die Vielfalt der Ausrucksformen und Themen; ein Rundgang dürfte jeden Besucher überraschen. Ein Großteil der Arbeiten nimmt Bezug zur NS-Zeit. Schließlich war hier von 1933 bis 1945 eine Außenstelle der Gestapo untergebracht. Die historischen Zellen an sich und das Eingesperrtsein in anderen Kontexten spielen aber ebenso eine Rolle. »Es zeigt, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen der Künstlerinnen sind«, erläutert Kuratorin Elke Brunegraf.

Stellen gemeinsam im Zellentrakt aus: Susanne Albrecht, Angelika Höger, Gisela Wäschle, Katharina Hagemann (vorne, von links), Kristine Wedg wood-Benn, Elke Brunegraf (Kuratorin), Alexandra Sonntag und Nina Koch (hinten, von links).

Stellen gemeinsam im Zellentrakt aus: Susanne Albrecht, Angelika Höger, Gisela Wäschle, Katharina Hagemann (vorne, von links), Kristine Wedg wood-Benn, Elke Brunegraf (Kuratorin), Alexandra Sonntag und Nina Koch (hinten, von links). Foto: Bexte

Susanne Albrecht (Herford) zeigt in einer abgedunkelten Zelle ihre Arbeit »Die Wand vor Augen«. Grobes Schleifpapier, zu einem Hindernis aufgefaltet, dominiert den nur von einer kleinen Lampe erhellten Raum. Spuren abgeriebenen Steins sind auf der rauen Oberfläche und dem Fußboden zu sehen. Hier ist im wahren Wortsinn etwas aufgerieben. Katharina Hagemann (Herford) hält in ihrer Installation »Vom Verschwinden und Erinnern« Spuren der Zelle Nr. 2 mit Frottagen, Tonabdrücken und der Sichtbarmachung von Bodenspalten, Schriftritzungen und Wandrissen fest: Erinnerungen wie Narben.

Infos zur Ausstellung

Die Ausstellung in der Gedenkstätte wird am Donnerstag, 5. September, um 19 Uhr eröffnet. Marta-Direktor Roland Nachtigäller führt in die Arbeiten ein. Die Ausstellung ist bis zum 15. Dezember samstags und sonntags von 14 bis 16 Uhr sowie nach Vereinbarung (Tel. 189257, info@zellentrakt.de) zu sehen. Am 9. Oktober (18 Uhr) zeigt Angelika Höger mit dem Klangkunsttrio »Geplante Obsoleszenz« eine Performance. Am 13. November (19 Uhr) spricht Alexandra Sonntag mit Dr. Wolf Müller über »Mündigkeit in der Psychiatrie«.

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Angelika Höger (Bielefeld) verarbeitet in ihren situativen Installationen die spezifische Akustik, den Lichteinfall, ja den Staub in der Zelle. So entstehen etwa ein Brillenglasmobile oder eine »Kratzmaschine«. Nina Kochs (Bielefeld) Skulptur »Trauernde« thematisiert das Leid des Krieges: ein kleines Mädchen schmiegt sich eng ein Frau, wohl ihre Mutter. Die Stuckgipsarbeit steht als bronzenes Mahnmal in Medebach.

Auseinandersetzung mit der NS-Zeit

Alexandra Sonntag (Bielefeld/Herford) stellt ein Ölportrait ihrer Mutter einer Videoprojektion der psychisch kranken Frau gegenüber. »Diese Arbeit soll ungefiltert berühren und für die Wahrnehmung für diesen Bereich institutionalisierter Medizin sensibilisieren.« Gisela Wäschle (Bielefeld) hat sich intensiv mit der NS-Zeit beschäftigt. Die von ihr genutzten schriftlichen Quellen hat sie auf zwei großformatigen Fotografien arrangiert – den gesamten Prozess auf einem Acrylbild künstlerisch verarbeitet.

Kristine Wedgwood-Benn (Herford) zeigt neun filigranen Papierschnitte schlafender Menschen, lose mit Nadeln an der Wand befestigt, fast schwebend. Ausgangspunkt ist der Satz »Es geht alles vorüber«, den sie an einer Zellenwand gefunden hat. »Es sind tröstende Worte, ein Ausharren im Schlaf hilft, die Zeit zu überstehen.«

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