Di., 10.09.2019

OWL-Forum für Theater und NWD am Güterbahnhof: Rat muss entscheiden Neubau für fast 100 Millionen Euro?

Auf diesen Parkflächen am Alten Güterbahnhof könnte das OWL-Forum entstehen – auf einem ebenfalls zu schaffenden Parkhaus.

Auf diesen Parkflächen am Alten Güterbahnhof könnte das OWL-Forum entstehen – auf einem ebenfalls zu schaffenden Parkhaus. Foto: Moritz Winde

Von Hartmut Horstmann

Herford (WB). Wenn alles klappt, werden die Herforder im Jahr 2025 Konzerte und Theaterstücke in neuen Sälen genießen können. Zu den Voraussetzungen zählt allerdings, dass die prognostizierten Kosten des OWL-Forums in Höhe von fast 100 Millionen Euro finanziert werden können.

Lösung mit zwei Sälen

Zwölf Seiten umfasst allein die Verwaltungsvorlage, die Bürgermeister Tim Kähler und Andreas Kornacki, Geschäftsführer Kultur gGmbH, am Montag vorgestellt haben. Am 17. September wird sich der Hauptausschuss damit beschäftigen, am 20. September folgt der Rat.

Ziel der in Auftrag gegebenen Machbarkeitsstudie ist es, Theater und NWD unter ein Dach zu bringen. Diese Überlegungen entstanden, als klar wurde, dass die Sanierung des Stadttheaters etwa 16 Millionen Euro kosten wird. Hinzu kommt, dass der Sanierungsbedarf für den Schützenhof auf 13,6 Millionen Euro beziffert wird.

Folglich hatten die Planer von der ICG in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Heinrich Böll die Aufgabe, die Möglichkeit eines gemeinsamen Neubaus zu untersuchen. Es habe sich herausgestellt, so Kähler, dass eine Lösung mit zwei Sälen die beste Variante sei: Die Philharmonie benötige eher einen Raum, der einem Schuhkarton gleiche. Das Sprechtheater hingegen brauche Tribünen.

Von Förderung abhängig

»Der Klang muss sich anders verteilen«, so Kornacki. Wenn man also von zwei Sälen ausgeht, einem Studio und weiteren Räumen, stellt sich die Frage, welcher Standort überhaupt in Frage kommt. Hier fallen heutiges Theater und der Platz am Janup als mögliche Orte weg. Was übrig bleibt, sind die heutigen Parkflächen am Alten Güterbahnhof. Dort soll das OWL-Forum entstehen – auf einem ebenfalls zu schaffenden Parkhaus.

Was die Kapazität angeht, so soll der Konzertsaal 1000 Plätze umfassen (Schützenhof: 800). Der Theatersaal fällt etwas kleiner aus als bisher: 650 statt 697.

So weit, so gut geplant – Tim Kähler weiß, dass die prognostizierten 97 Millionen Euro »für die Hansestadt Herford nicht darstellbar sind«. Folglich bemüht sich die Stadt um eine Förderung von Land (Regionale 2022) und Bund. Wenn diese sich jeweils mit einem Drittel beteiligen, bleibt für die Stadt ein Finanzierungsanteil von etwa 32,3 Millionen Euro übrig. Die Kosten für die bloße Bestandssanierung von Theater und Schützenhof liegen bei etwas unter 30 Millionen Euro. Allerdings fällt die jährliche Haushaltsbelastung für die Stadt ungefähr gleich aus.

Besucherzahlen steigern

Bei einem Neubau gehe man von einer Nutzungsdauer von 40 Jahren aus, bei einer Sanierung nur von 25 Jahren. Es entstehe neuer attraktiver Raum für Kongresse und Tagungen, Leute kämen von außerhalb, das OWL-Forum sei neben dem Marta ein weiterer Leuchtturm, Die Besucherzahlen könnten gegenüber dem heutigen Stand gesteigert werden. Und es könnten beide Säle parallel genutzt werden – die Verwaltung führt einige Pluspunkte an, die für einen neuen Zwei-Saal-Bau sprechen. Der alte Theaterbau muss jedoch bleiben, da er auch als Schulaula benötigt wird. Für den Schützenhof könnte sich Tim Kähler auch Abriss und gehobene Wohnbebauung vorstellen.

Ob es mit den beantragten Förderungen von Land und Bund klappt, soll laut Bürgermeister bis zum Jahresende feststehen. Kommen Gelder und stimmt der Rat zu, soll das OWL-Forum 2024 fertig sein. Als Eröffnungsjahr fasst Andreas Kornacki 2025 ins Auge.

Kommentar

Ein Theater- und Konzertbau, der fast 100 Millionen Euro kosten soll: Nicht nur Kulturskeptiker runzeln bei einer derartigen Summe die Stirn. Hinzu kommt für Herford die Marta-Erfahrung, wonach sich anfangs prognostizierte Baukosten im Laufe der Zeit verdoppelt hatten.

Doch das ist Baugeschichte – und man darf den Verantwortlichen glauben, dass sie diesmal von vorneherein realistische, belastbare Zahlen präsentieren wollen. Verlässlichkeit ist auch im Interesse der Experten, die die Machbarkeitsstudie erstellt haben.

Folgt man dem Bürgermeister, stehen die Chancen auf Mittel von Land und Bund gut. Fließen Gelder, könnte ein Neubau aus Herforder Sicht die beste Variante sein. Allerdings bedarf es viel Überzeugungsarbeit. Es ist unwahrscheinlich, dass der Rat bei der ersten Beratung abstimmt.

Entspricht eine 100-Millionen-Euro-Halle dem aktuellen und zukünftigen Kulturangebot sowie dem Kulturbedarf der Stadt Herford? Unter anderem diese Frage gilt es zu beantworten. Kritiker werden das OWL-Forum als überdimensioniert abtun. Es sind berechtigte Zweifel. Und der Bürgermeister wird diese Zweifel an seinem bisher ehrgeizigsten Projekt mit Argumenten ausräumen müssen. Hartmut Horstmann

 

Kommentare

Braucht Herford ein weiteres Leuchtturmprojekt?

Braucht Herford ein weiteres Leuchtturmprojekt und ist es verantwortungsvoll, dafür weitere Schulden zu machen?

Dass in Herford Leuchtturmprojekte (siehe Marta) schnell zu unkalkulierbaren Zuschussgeschäften werden, ist hinlänglich bekannt. Auch dass bei Bauvorhaben dieser Größenordnung mit erheblichen Kostensteigerungen zu rechnen ist. Vor allem, da auch die Infrastruktur noch nicht steht. Eine geplante Unterführung unter dem Bahnhof hinsichtlich Erreichbarkeit wird auch noch erhebliche Zusatzkosten verursachen.

Ist es vertretbar weitere Kredite dafür aufzunehmen und die Stadt noch höher zu verschulden, wenn es bereits in Bielefeld, Halle, Minden, Lemgo und weiteren Nachbarstädten vergleichbare Hallen gibt? Ein Bedarf ist nicht erkennbar. Eine neue Halle ist nicht notwendig. Vielmehr sollten Synergien mit Nachbarkommunen und ihren Einrichtungen angestrebt und für eine bessere Vermarktung unserer bestehenden Räumlichkeiten gesorgt werden. Unsere unterschiedlichen bestehenden Veranstaltungsräumlichkeiten sind jetzt schon nicht ausgelastet. Letztendlich hat der Bürger wieder ein millionenschweres Leuchtturmprojekt zu finanzieren, obwohl diese Gelder an anderen Stellen sicher dringender benötigt würden. Auf der anderen Seite passt es aber zu der üblichen Vorgehensweise in Herford: Wer ein Spielschiff auf dem Linnenbauerplatz lieber für 190.000 € (!!!) erneuert, statt es kostengünstiger zu sanieren, für den ist es natürlich selbstverständlich, dass man ein bestehendes (unter Denkmalschutz stehendes?) Theater und einen Schützenhof nicht saniert, sondern stattdessen mal eben für 100 Millionen einen Neubau plant. Die Stadt scheint in Geld zu schwimmen oder denkt sich, der Bürger hat es ja, er muss es schließlich am Ende bezahlen ... Bleibt zu hoffen, dass sich die (Kredit-)Zinsen nicht mal ändern ... dann könnte es ein böses Erwachen für die Stadt Herford geben.

Und was ist mit möglichen Altlasten auf dem geplanten Gelände des ehem. Güterbahnhofs? Da könnte es auch noch unangenehme Überraschungen geben. Gerade erst hat Minden die dortigen Planungen für eine neue Multifunktionshalle auf Eis gelegt. Herford wäre gut beraten, auf ein OWL-Forum zu verzichten. Zumal ein solches Forum - unabhängig von den enormen Kosten - das Theater (mit Kulissenboden, Drehbühne, Orchestergraben, entsprechender Akustik und technischer Infrastruktur, bequemen Theatersesseln in erhöhten Sitzreihen, seinem ganz besonderen Charme ... etc.) nie ersetzen kann.

Wir sollten stolz und dankbar auf unser Theater sein, das weit über Herfords Grenzen einen ausgezeichneten Ruf hat. Wir haben ein Theater, für das uns andere Städte beneiden. Wir sollten lieber in eine Renovierung des Theaters investieren (so wie es Bielefeld auch erst vor Kurzem gemacht hat), statt als Alternative eine Multifunktionshalle zu planen.

In der Region gibt es zudem bereits weit mehr als benötigte "Multifunktionshallen".

Unser Theater ist, obwohl wir kein eigenes Ensemble haben - sogar im Vergleich zu anderen Theatern - mehr als gut ausgelastet. Auch dafür werden wir von anderen Städten beneidet. Das liegt natürlich auch an der großartigen Theaterleitung, die es immer wieder schafft, in jeder Spielzeit ein abwechslungsreiches Programm (aus den Bereichen Schauspiel, Musical, Tanz, Comedy, Kabarett, Varieté, Oper, Operette, ... etc.) auf die Bühne zu stellen, so dass garantiert für jeden eine ansprechende Produktion dabei ist. Das geht in dieser Form aber nur in einem Theater, nicht in einer Multifunktionshalle bzw. in einem "OWL Forum".

Das sollte man nicht kaputt machen! Würde man aber mit einer Multifunktionshalle machen.

Warum ist eine Multifunktionshalle keine Alternative zum Theater?

Ein Theater hat Charme, die ganze Atmosphäre strahlt Wärme aus (wozu sicherlich auch der Teppichboden und das plüschige Ambiente beiträgt, was es beides nicht in einer Multifunktionshalle gibt), man sitzt gemütlich in bequemen Sesseln (und nicht auf unbequemen Stapelstühlen, wie es in einer Multifunktionshalle i.d.R. der Fall ist), die Sitzreihen erhöhen sich, es gibt sogar einen Balkon und man ist so immer nah, um nicht zu sagen, mitten im Geschehen live dabei.

Das Theater hat einen Kulissenboden. Den "Turm" dazu kann man sogar gut von außen sehen. Dieser dient dazu, komplette Bühnenbilder unter der Decke aufzuhängen, damit man sie während der Vorführung schnell austauschen kann und somit ein schneller Szenenumbau bei Theaterstücken gewährleistet wird. Ebenso gibt es eine Drehbühne, um ebenfalls schnell zwischen zwei komplett unterschiedlichen Szenen hin und her wechseln zu können. Alles das gibt es in einer Multifunktionshalle nicht! Das ist aber Voraussetzung dafür, um bestimmte Stücke überhaupt erst spielen zu können. Hätte man das nicht, wäre ein so vielfältiges / abwechslungsreiches und qualitativ hochwertiges Programm überhaupt nicht möglich!

Außerdem hat das Theater einen Orchestergraben, den es ebenfalls nicht in einer Multifunktionshalle gibt. Der Orchestergraben wird bei großen Opern, Operetten und hin und wieder auch bei Musicals benötigt. Gibt es ihn nicht, fallen auch solche Produktionen i.d.R. weg.

Von den Probebühnen, Garderoben in ausreichender Anzahl und Größe, ... etc. will ich nicht einmal reden.

Wollen wir wirklich ein funktionierendes, hoch angesehenes, überdurchschnittlich gut ausgelastetes Theater mit einem mehr als abwechslungsreichen und anspruchsvollen Programm, für das Zuschauer/Innen sogar oftmals aus benachbarten Kommunen anreisen und das überregional einen ausgezeichneten Ruf genießt, wirklich aufgeben? Für eine kalte, schlichte Multifunktionshalle?

Von der Akustik möchte ich gar nicht erst sprechen. Auch da liegen Welten zwischen einem Theater und einer Multifunktionshalle.

Von dem Arbeitsaufwand und den dadurch entstehenden Kosten für zusätzliches Personal und die Mehrarbeit ganz abgesehen. Für jede Veranstaltung müssen nicht nur unzählige Stühle immer wieder neu aufgestellt und ausgerichtet werden, es müssen auch immer wieder abgestufte Tribünen aufgebaut werden. Dann muss die Bühne und die gesamte technische Infrastruktur (Beschallung, Beleuchtung) sowie die Vorhänge immer wieder neu aufgebaut und anschließend abgebaut werden.

Hat sich eigentlich mal jemand Gedanken gemacht, wie viel zusätzliches Personal dafür benötigt wird und welche Kosten das verursacht?

Diese Kosten werden nicht aus einem Fördertopf kommen ...

Da unser Theater kein eigenes Ensemble hat, sind wir auf Tourneeproduktionen angewiesen, die i.d.R. das Theater mieten. Wenn diese Tourneetheater bzw. Produktionen diese Mehrkosten zu tragen haben - worauf es hinauslaufen wird -, dann können sie sich ein Gastspiel in Herford nicht mehr leisten. Dann fallen wieder viele interessante und abwechslungsreiche Produktionen weg. Außerdem würden die Ticketpreise für die Besucherinnen und Besucher erhöht werden müssen.

Kann das das Ziel sein? Ich denke nicht ...

Wir haben mit dem Schützenhof und dem Güterbahnhof bereits Veranstaltungsräumlichkeiten, die flexibel genutzt werden können und damit mit einer Multifunktionshalle vergleichbar sind. Wir brauchen keine neue, große Multifunktionshalle. Vielmehr sollten wir Geld in die Renovierung des Theaters stecken ...




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