Mi., 18.09.2019

Unterwegs mit Müllsammler Klaus-Dieter Reimers in Herford – mit Video »Brauchen Sie noch ‘ne Toilette?«

Ganz schön schwer: Klaus-Dieter Reimers wuchtet sich den schweren Teppich auf die Schulter. An diesen Containern in der Herforder Nordstadt türmt sich regelmäßig wilder Müll.

Ganz schön schwer: Klaus-Dieter Reimers wuchtet sich den schweren Teppich auf die Schulter. An diesen Containern in der Herforder Nordstadt türmt sich regelmäßig wilder Müll. Foto: Moritz Winde

Von Moritz Winde

Herford (WB). Nein, Klaus-Dieter Reimers schockt nichts mehr. Er hat schon so ziemlich alles entsorgt, was man sich vorstellen kann: alte Autoreifen, ganze Schrankwände und Plastiktüten voller Fäkalien. Er klappert die Glascontainer im Herforder Stadtgebiet ab und klaubt den Müll auf, der dort illegal abgeladen wurde.

Nun könnte man annehmen, der 58-Jährige hätte die Nase voll davon, jeden Tag den Dreck anderer Leute wegzumachen. Schließlich weiß er genau: Diesen Kampf kann er nicht gewinnen. »Es kommt so gut wie nie vor, dass wir nichts finden. Wenn wir morgens da waren, steht der nächste Müll am Nachmittag schon wieder da. Ein Trauerspiel ist das.«

Doch der gebürtige Rheinländer sieht die Sache pragmatisch: »Es ist ein gutes Gefühl, Herford ein Stück sauberer zu machen. Wenn wir es nicht machen, macht es vermutlich keiner.« Seit mehr als zehn Jahren steuert er die 52 Sammelstellen an, erst als Ein-Euro-Jobber, mittlerweile als Festangestellter. Darüber ist er froh: »Ich war lange arbeitslos. Leider wird man in unserer Gesellschaft schnell abgestempelt, nichts wert zu sein. Ich bin glücklich, wieder einen Beitrag leisten zu können«, sagt der gelernte Pflasterer.

Reimers ist ein hemdsärmeliger Typ. Er trägt einen knallgelben Overall, ein schwarzes Mc-Donalds-Käppi und einen weißen Rauschebart. Mit seinem Elektro-Pritschenwagen zuckelt er an diesem Morgen in Richtung Nordstadt zu seiner ersten »Baustelle«. So nennt er die Glascontainer. Und »Baustelle« trifft es gut.

Ein ganzes Malerarsenel

Irgendjemand hat neben den blauen Sammelbehälter, der eigentlich für getragene Kleidung gedacht ist, ein ganzes Malerarsenal deponiert. Farbeimer, Pinsel, Abdeckfolie – offenbar Reste einer Renovierung. Nur einen Spuckweit entfernt gammelt ein zusammengerollter und mit Klebeband umwickelter Teppich vor sich hin.

Hauruck: Klaus-Dieter Reimers wuchtet den Perser auf die Schulter und verfrachtet ihn auf die Ladefläche. »Puh, der wiegt ganz schön was. Das Fitnessstudio kann ich mir sparen«, sagt der vierfache Familienvater, der an den Wochenenden beim Campen neue Kraft tankt.

Die Schilder, auf denen die Verwaltung Müllfrevlern mit einer Strafanzeige droht, scheinen angesichts der Haufen von Unrat wenig abschreckend zu sein. Und auch die zeitweise eingesetzten Security-Leute konnten offenbar nichts Grundlegendes verändern. Die Stadt hatte ein Jahr lang einen Sicherheitsdienst engagiert, der nachts an den Containern nach dem Rechten schaute.

Die Bilanz: »Es wurden zwölf Verfahren gegen Beschuldigte eingeleitet. Insgesamt wurden 1.560 Euro an Bußgeldern festgesetzt, wovon 1.156 Euro bezahlt wurden. Die verhängten Bußgelder liegen zwischen 50 und 200 Euro – je nach Müll-Aufkommen vor Ort«, sagt Stadtsprecherin Susanne Körner. Man sei durchaus zufrieden mit den Resultaten.

Problemfall Herringhausener Kreisel

Nicht nur subjektiv nimmt wilder Müll zu. Auch die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Während im Jahr 2013 die Männer der Service-Gesellschaft für Wirtschaft und Kommunen (SWK) 165 Tonnen in der Hansestadt aufsammelten, waren es 2018 bereits 320 Tonnen – eine Steigerung um fast 100 Prozent. »Die Entsorgungs- und Personalkosten dafür beliefen sich auf 75.000 Euro«, rechnet SWK-Bereichsleiter Uwe Friedrich vor. Eine Rechnung, die vom Steuerzahler beglichen werden musste.

Klaus-Dieter Reimers ist inzwischen am Lübberlindenweg angekommen. Als er hinter die Glascontainer blickt, beginnt er zu lachen: »Es ist Wahnsinn, was die Leute wegwerfen. Brauchen Sie noch eine Toilette?«

Er sei immer wieder erschrocken, was in der Natur lande. »Dabei kostet es doch nur ein paar Euro, seinen Müll beim Entsorger abzugeben.« Neben der Keramik liegen Massen an Plastiktüten mit undefinierbarem Inhalt. So genau will der 58-Jährige gar nicht wissen, was drinnen ist. »Das ist manchmal echt ekelhaft«, gibt er zu und rümpft die Nase. Also nichts wie rauf mit dem Zeug auf den Müllwagen und ab zur Mulde.

Nach dem Abladen geht’s zum Rüterweg. Die Sammelstelle am Herringhausener Kreisel gehört zu den Problemstellen. Auch diesmal türmt sich der Abfall – wobei Abfall relativ ist. Ein dort abgestelltes Aquarium macht noch einen passablen Eindruck. »Und dieser Blumentopf scheint noch in Ordnung zu sein. Den bringe ich unserer Gärtnerin mit«, sagt Klaus-Dieter Reimers, steigt in seinen Elektro-Flitzer und düst weiter. Es gibt ja noch so viele Altglascontainer...

Die Nummer gegen Müll-Kummer

Mit vereinten Kräften gegen den wilden Müll im Stadtgebiet: Seit Mai kümmern sich zwölf Langzeitarbeitslose um die Reinigung städtischer Wege und Plätze sowie um Problemzonen wie das Umfeld von Glascontainern.

Illegal entsorgter Müll ist ein Thema, das Bürgermeister Tim Kähler seit langem am Herzen liegt. »Wir haben beim Thema Ordnung und Sauberkeit Nachholbedarf in Herford. Deswegen bin ich froh, dass wir mit dem Projekt Stadtservice die Möglichkeit haben, die Stadt Herford gut aussehen zu lassen.«

Um schnell reagieren zu können, hat die Stadt eine Müllhotline eingerichtet. Unter der Nummer 05221/189500 oder per E-Mail (wildermuell@herford.de) können Bürger illegal seit April entsorgten Müll melden. Seitdem sind etwa 80 Anrufe und 30 Mails eingegangen.

Gemeldet wurden unter anderem eine Couchgarnitur hinterm Friedhof Elverdissen, ein altes Rad am Bahndamm (Karlstraße), Kinderbett/Matratze/Farbeimer an der Litfaßsäule (Eimterstraße), 30 Eisenstangen an der Severingstraße und eine Waschmaschine am Fliederweg. »Mit der Resonanz der Hotline-Nummer sind wir zufrieden, wenngleich jeder Anruf bedeutet, dass wieder einmal jemand illegal seinen Müll auf Kosten der Steuerzahler entsorgt hat. Am besten wäre es, wenn es keinen wilden Müll mehr zu melden gäbe«, sagt Kähler.

Zum Projekt Stadtservice gehören insgesamt 30 Männer und Frauen. Eingesetzt werden die sozialversicherungspflichtig beschäftigten Kräfte in den Bereichen Außenreinigung (Projekt Stadtklar), Garten und Landschaftsbau (Pflege Industriebrache Güterbahnhof), Sozialer Außendienst (Betreuung älterer Menschen), Hauswirtschaft (Kita), Hausmeisterassistenz (Schulen), Archiv und Telefonzentrale Rathaus.

»Die Stellen sind auf zwei Jahre befristet und werden zu 100 Prozent vom Land gefördert«, erklärt Tim Kähler. »Bis zu 53 Arbeitsplätze können geschaffen werden und diese wollen wir auch schaffen. In der Diskussion Mindestlohn oder Tariflohn habe ich mich dafür eingesetzt, dass der Tariflohn gezahlt wird. Es handelt sich um festangestellte Mitarbeiter der Stadt Herford.«

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