Do., 10.10.2019

Motorradführerschein mit 54 Abenteuer auf zwei Rädern

Slalom fahren in Schrittgeschwindigkeit. Sieht einfach aus, als es ist.

Slalom fahren in Schrittgeschwindigkeit. Sieht einfach aus, als es ist. Foto: Moritz Winde

Von Karin Koteras-Pietsch

Herford (WB). Nein, es war keine Krise. Und vielleicht wäre es anders gekommen, hätte ich nicht Urlaub am Gardasee gemacht, wo gefühlt jeder Zweite mit dem Motorrad unterwegs ist. Das hatte es mir angetan, aber immer schon. Und schließlich habe ich es gewagt. Ich habe den Motorradführerschein gemacht – mit 54.

Früher hieß das Klasse 1, heute ist es die offene Klasse A – PS-Zahl nach oben offen. Wenn schon, denn schon. »Ich probier’s einfach mal.« Mit diesem Gedanken vereinbare ich einen Termin für eine Fahrstunde. Aufgeregt fahre ich zum Treffpunkt und erlebe eine kleine Enttäuschung.

Nur mal aufs Motorrad gesetzt und ein Gefühl dafür bekommen. Mehr ist erst einmal nicht drin. Es fehlt an der richtigen Kleidung. Helm, Jacke und Hose mit Protektoren, Stiefel und Handschuhe müssen schon sein. Dennoch. Das Gefühl, zum ersten Mal allein auf einem Motorrad zu sitzen, ist großartig. Also: eingekauft, zweiter Versuch. Diesmal läuft es besser. Ein bisschen jedenfalls. Mein Fahrlehrer, Carsten Tollkötter, kommt mit einer 125er KTM Duke zum Parkplatz am H2O. So fangen alle mal an.

Immer wieder abgewürgt

Carsten erklärt mir, wie das Zweirad funktioniert. Ich starte, ziehe mit der linken Hand die Kupplung, trete mit dem linken Fuß den ersten Gang rein – und nichts wie los. Dachte ich. Da hatte ich aber als jahrelanger Automatik-Auto-Fahrer die Rechnung ohne die Kupplung gemacht. Man braucht viel Gefühl in der linken Hand. Muss den Hebel ganz langsam kommen lassen und mit Rechts ganz leicht Gas geben.

Ich würge ab. Immer und immer und immer wieder. Und nicht nur an diesem Tag. Das sollte in den nächsten Fahrstunden andauern. Auch, als ich schon die BMW F 650 GS mit immerhin 48 PS fahren darf. Carsten ist geduldig. Nie verdreht er die Augen, im Gegenteil. Das bleibt so. Auch als ich selbst später an den Grundfahrübungen zu verzweifeln drohe.

Als ich das Zweirad dann endlich mal in Bewegung setze, ist das Gefühl unbeschreiblich. Und immerhin – mit sage und schreibe 20 km/h geht es über den Parkplatz. Ich habe nicht gewusst, dass 20 km/h so schnell sein können. Mit jeder Fahrstunde steigere ich mich, werde immer schneller, immer sicherer. Bremsen, schalten, Gas geben – es klappt. Höchste Konzentration ist aber immer gefragt.

Kleine Pylonen, großes Problem

Und endlich darf ich auf die Straße. Beim ersten Mal gleich eine ganz große Tour, eineinhalb Stunden bin ich unterwegs. Der Fahrerlehrer im Auto hinter mir. Er hat das Funkgerät, ich den Empfänger im Ohr – für die Anweisungen. Da ist es, das viel beschriebene Gefühl von Freiheit und Abenteuer. Selbst für mich als Fahrschülerin.

Es folgen die Übungsstunden, so viele wie nötig, und die Pflichtstunden: fünf Einheiten (à 45 Minuten) Überlandfahrt, vier Einheiten Autobahn und drei Einheiten bei Nacht. Die habe ich geschafft und bin mir sicher: Ich kann Motorrad fahren.

Da weiß ich auch noch nicht, dass die Grundfahrübungen schwieriger sind als gedacht. Die haben es wirklich in sich. Da stehen kleine Pylonen mitten auf der Straße, die im Slalom umfahren werden müssen. Mal in Schrittgeschwindigkeit, mal mit Tempo 30. Das Motorrad muss in jeder Situation hundertprozentig bewältigt werden können. Bei jedem Versuch fahre ich ein Hütchen um. Auch Fuß einziehen hilft da nicht. Das merkt Carsten sofort. Neuer Versuch.

Aufgeregt

Irgendwann klappt es dann. »Du musst das Motorrad mit der Hüfte drücken. Nicht lenken«, erklärt der Profi. Aber: »In unserem Alter ist das nicht mehr so einfach.« Da sei man nicht mehr so beweglich. Tröstende Worte. Es gilt weiter 50 km/h, zu fahren und einem Hindernis auszuweichen, mal mit bremsen, mal ohne. Und schließlich die Vollbremsung. Wer diese Übungen perfekt beherrscht, ist fit für die Gefahrensituationen im Straßenverkehr. Außerdem fühlt man sich sehr viel sicherer auf der Straße. Am Abend vor der Prüfung lässt der Fahrlehrer mich wissen: Das wird schon.

Die Aufregung kann er mir nicht nehmen. Auch nicht das freundliche Lächeln des Prüfers am Morgen. Ich werde ruhiger, als ich auf dem Moped sitze. Immerhin habe ich als Motorradfahrer den Prüfer nicht im Nacken sitzen. Ein Vorteil gegenüber den Auto-Prüfungen.

Ich starte und schon an der ersten Kreuzung überlege ich: »Hast du rechtzeitig gebremst und war der Schulterblick ausreichend?« Aus dem Kopfhörer kommt keine Kritik. Alles ok. Der Stresspegel steigt erst wieder, als der Fahrlehrer die Pylonen aufstellt. Es regnet und ich hoffe, dass der Prüfer im Auto sitzen bleibt. Falsch gedacht. Er steigt aus und sieht ganz genau hin.

Prüfung bestanden

Die Gefahrbremsung muss ich wiederholen. Die war ihm nicht stark genug. Beim zweiten Mal klappt’s besser. »Alles klar, wir können weiter fahren«, sagt die Stimme über Funk. Am Ende habe ich bestanden – im ersten Anlauf. Erleichterung. Ein Prüfungsmensch bin ich jedenfalls nicht.

Es war eine gute Entscheidung, die theoretischen Fahrstunden und die Prüfung über den Winter zu absolvieren. Da hat man ab Frühjahr den Kopf frei für die Praxis. Als langjährige Autofahrerin muss ich auch nur sechs allgemeine Theorie-Abende (statt zwölf wie die Anfänger) plus einen Tag Unterricht für Motorradfahrer absolvieren.

Einen ganz wichtigen Tipp bekomme ich nach der praktischen Prüfung noch vom Prüfer: Fahrschule ist nicht alles. Anschließendes Sicherheitstraining ist sehr sinnvoll. Und die Wahl des Motorrades sollte man sich nicht leicht machen. Denn eine Maschine muss man beherrschen. Man sollte zumindest anfangs mit beiden Füßen auf dem Boden stehen können. Und vielleicht sollte es auch nicht gleich zu Beginn die Rennmaschine mit 200 PS sein – vor meiner Tür steht heute eine Harley Forty-Eight Special mit 67 PS.

 

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