Mo., 11.11.2019

Rainer Bärensprung zeigt Film über Jaguar-Club – Beat-Treff spielt oft nur Nebenrolle »Die beste Musik aller Zeiten«

Premiere mit Zeitzeugen: Die Aufführung des Films erinnerte an ein Familientreffen.

Premiere mit Zeitzeugen: Die Aufführung des Films erinnerte an ein Familientreffen. Foto: Hartmut Horstmann

Von Hartmut Horstmann

Herford (WB). Mit großer Spannung war die Premiere erwartet worden. Und Regisseur Rainer Bärensprung macht den Kino-Besuchern bereits am Anfang klar, dass der Film über den Jaguar-Club eine ganz besondere Zeitreise werden soll: »Für mich habt Ihr die beste Musik aller Zeiten erlebt.«

Würdigung Carola Fraulis

Das Publikum applaudiert. »Die beste Musik aller Zeiten« – der Satz bezieht sich auf die Beat-Ära der 60er Jahre, als der Jaguar-Club die Stars der Jugend nach Herford holte. Am Anfang des Films steht eine Spiel-Szene in einer Turnhalle. Drill und Marschmusik sind angesagt, bis ein junger Mann im Jaguarlook auftaucht. Ob die Schüler wüssten, was im Jaguar-Club los sei, fragt er. Ein Cut – und Beatmusik ertönt.

Der Film trägt den Titel »Als der Jaguar nach Herford kam«. Er beginnt mit einer Würdigung der Betreiberin Carola Frauli, die das Herford der 60er Jahre maßgeblich geprägt hat. Über die Bands, die im Jaguar-Club (ehemaliges Kino Scala) aufgetreten sind, ist oft geschrieben worden. Bärensprung erinnert daran mit Konzerteinspielungen, die in Sendungen wie Beat-Club entstanden sind.

Film über Biographien

Was den Film prägt, sind die Porträts von Besuchern des Herforder Clubs. Ursprünglich wollte er einen Film über Menschen machen, deren Leben durch den Jaguar-Club einschneidend verändert worden ist. Von diesem Ansatz hat Bärensprung offenbar Abstand genommen. Was er jetzt zeigt, sind Club-Besucher und ihre späteren Biographien – ein nachvollziehbarer Ansatz, aber in der Umsetzung auch irritierend. So spielt der Jaguar-Club in den Aussagen der Zeitzeugen mitunter überhaupt keine Rolle.

Da kommt der Unternehmer und Kunstsammler Heiner Wemhöner zu Wort, ohne dass der Zuschauer erfährt, ob er häufig im Club zu Gast war. Doch die Schilderungen Wemhöners vom damaligen Musik-Unterricht lassen zumindest erahnen, welch befreiende Wirkung die Musik auf die Heranwachsenden hatte. Immerhin entsteht so ein Eindruck vom damaligen Lebensgefühl.

Dewe mit nacktem Oberkörper

Es ging und geht um Selbstbestimmtheit – und hier wird die Brücke geschlagen zu einer ganz anderen Biographie als der eines erfolgreichen Unternehmers. Hans Jürgen Ritschel gehörte einer Rockergruppe an, die in den 60er Jahren für Schrecken sorgte – »born to be wild«.

Heute lebt er jenseits aller Wohnbebauung zwischen Vlotho und Bad Salzuflen. Ein kompromissloser Lebensentwurf, der seine Wurzeln hat im rebellischen Geist der 60er Jahre. Oder Erika Reuter aus Vlotho. Wenn kein Bus mehr fuhr, ist sie im Dunkeln zu Fuß nach Hause gegangen. In Herford sah sie die Stars, die sie aus der Bravo kannte.

Ebenfalls dabei ist Carlo Dewe, der an einem Gesangswettbewerb im Jaguar-Club teilnahm, um den Mädchen zu imponieren. Diesem Ansinnen ist er treu geblieben. So setzt ihn Bärensprung ausgiebig mit nacktem Oberkörper in Szene. Freundinnen fürs Leben sind Angelika Sacher und Rosemarie Steinmeier geworden, die noch heute wie zwei aufgekratzte Girlies verschwörerisch kichern, wenn sie von damals erzählen.

Publikum ist gespalten

An Hippietum und politisches Aufbegehren lassen Gerd Ruebenstrunk und ein in Spenge wohnhafter Musiker namens Art Zen (Missus Beastly) denken. Der eine erinnert an die Aktion Roter Punkt, der andere verkündet, auch heute kenne er nichts besseres als Liebe und Frieden.

Entstanden ist so ein 140-Minuten-Film, der vom Zuschauer die Bereitschaft verlangt, den Menschen zuzuhören und dabei zu entschleunigen. Das Premierenpublikum ist gespalten. Die Reaktionen reichen von »fantastisch« bis »überflüssig«. –

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