Do., 16.01.2020

130 Belgier fordern vor Gericht Geld zurück – sie sprechen von „Schrottimmobilien“, auch im Kreis Herford Beim Wohnungskauf getäuscht?

Sieht nicht aus wie eine Schrottimmobilie: Doch auch die Käufer der Wohnungen in diesem Mehrfamilienhaus in Elverdissen fordern vor Gericht ihr Geld zurück.

Sieht nicht aus wie eine Schrottimmobilie: Doch auch die Käufer der Wohnungen in diesem Mehrfamilienhaus in Elverdissen fordern vor Gericht ihr Geld zurück. Foto: Moritz Winde

Von Bernd Bexte

Herford (WB). Sie wollten ihr Geld gut angelegt wissen: Zahlreiche Belgier haben in Deutschland über die Firma Creadomus Wohnungen gekauft, auch in Herford, Löhne und Vlotho. Sie fühlen sich jedoch getäuscht. „Das sind zum Teil Schrottimmobilien“, klagen die Neueigentümer. Vor dem Landgericht Bielefeld fordern sie ihr Geld zurück.

Der Fall hat Dimensionen weit über die Region hinaus. „Wir vertreten 130 Kläger“, sagt Rechtsanwalt Dr. Thomas Grohmann aus Bad Oeynhausen. Denn nicht nur im Kreis Herford, auch in Arnsberg und Schöppenstedt (Kreis Wolfenbüttel) soll das belgische Unternehmen Creadomus dort zuvor erworbene und in Eigentumswohnungen umgewandelte Objekte angeblich zu deutlich überhöhten Preisen verkauft haben. Die Kläger, die sich in einem Verein zusammengeschlossen haben, beziffern den Gesamtschaden auf 10 Millionen Euro.

Viele Käufer schauten sich Wohnungen vorher nicht an

Die juristische Aufarbeitung hat nun mit einem Zivilprozess am Landgericht Bielefeld begonnen. Hier geht es zunächst um jeweils acht Wohnungen in Herford und Löhne. 21 Kläger sind hiervon betroffen. „Das sind häufig Ehepaare, daher diese hohe Zahl“, erläutert Guiskard Eisenberg, Sprecher des Landgerichts Bielefeld. Die Wohnungen in den beiden Mehrfamilienhäusern waren im Januar 2017 und Oktober 2016 verkauft worden, für insgesamt 540.000 beziehungsweise 580.000 Euro. Das sei weit über dem Marktpreis, sagt Grohmann.

Den Belgiern seien die Immobilien – einige stehen nach Grohmanns Angaben leer, einige seien bewohnt – im Erbbaurecht verkauft worden. „Die meisten wussten gar nicht, was das ist.“ Zudem hätte beim Kauf, wie rechtlich eigentlich verbindlich, nicht immer ein Notar den Vertrag vorgelesen, in einigen Fällen habe eine Sekretärin das übernommen.

Manche seiner Mandanten hätten die Investition nur aufgrund von Broschüren, Fotos und mündlichen Informationen getätigt, andere hätten sich die Wohnungen vor Ort anschauen wollen. „Man hat ihnen dann aber eine andere Wohnung gezeigt, die in Ordnung war“, sagt der Rechtsanwalt.

Fall schlägt in Belgien hohe Wellen

Liesbeth Beeckmann hat zwei Wohnungen in Vlotho gekauft: „Für eine davon habe ich 65.000 Euro bezahlt, aber laut Makler ist sie nur 10.000 Euro wert“, sagt die 39-Jährige dem HERFORDER KREISBLATT. Die Mängel seien gravierend. Die Heizung sei defekt, die Fenster undicht, Wasser sickere durch eine Wand ein.

Der Fall schlägt in Belgien hohe Wellen. Die größte Tageszeitung des Landes, Het laatste nieuws, hat in einer großen Reportage darüber berichtet und die Betroffenen nach Bielefeld begleitet. Sie selbst waren im Reisebus angereist. „Ich schäme mich, ich fühle mich wie ein Miethai, denn dies sind unwürdige Bedingungen“, sagt Liesbeth Beeckmann mit Blick auf eine Wiedervermietung ihrer beiden Wohnungen. Deshalb lässt sie eine leer stehen. In der anderen lebe eine alte Dame, die nicht mehr umziehen wolle. Um die Wohnung instand zu setzen, seien Zehntausende Euro nötig. Creadomus habe den Klägern angeboten, ihre Wohnungen gegen andere „interessante Anlageprodukte“ zu tauschen. Das hätten sie aber abgelehnt.

Die Verhandlung am Landgericht Bielefeld hat den mutmaßlich Geschädigten allerdings Hoffnung gemacht. „Es soll wohl erst einmal ein Gutachten zum tatsächlichen Wert der Wohnungen erstellt werden. Damit haben wir unser erstes Ziel erreicht“, sagt Anwalt Grohmann. Ein Verkündungstermin, bei dem diese Entscheidung voraussichtlich bekannt gegeben wird, ist für kommenden Donnerstag anberaumt. Bereits am kommenden Montag wird sich das Landgericht Braunschweig mit Wohnungsverkäufen in Schöppenstedt befassen.

Montag Prozess in Braunschweig

Und das Landgericht Bielefeld wird sich in einem weiteren Zivilverfahren zu einem späteren Termin auch den Wohnungen in Vlotho widmen. „Dort vertrete ich 24 Kläger. Der Prozess ist noch nicht terminiert“, sagt Grohmann. Verhandlungen zu weiteren Objekten in Herford und Löhne stünden ebenfalls noch aus. Insgesamt geht es im Kreis Herford um zehn Mehrfamilienhäuser.

Von Creadomus oder dem deutschen Anwalt des Unternehmens war am Mittwoch keine Stellungnahme zu erhalten. Auch ein Herforder Immobilienexperte, der anfangs die Verwaltung der Wohnungen übernommen hatte, machte keine näheren Angaben. „Ich habe nie einen Kaufvertrag gesehen, kann zum Preis-Leistung-Verhältnis also nichts sagen.“ Er sei auch nicht mehr für die Belgier tätig. Nur so viel: Die Immobilien seien in einem baujahrestypischen Zustand. „Aber es ist natürlich schade, wenn Leute da etwas anderes erwartet haben.“

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