Mi., 29.01.2020

Lauter Lappalien: Nur 40 Prozent der Patienten bleiben stationär im Klinikum Herford Mit Sonnenbrand in die Notaufnahme

Jeder Handgriff muss sitzen: Wenige Minuten können über Leben und Tod entscheiden. In dieser Szene simuliert das Schockraumteam um den leitenden Oberarzt Dr. Rolf-Dieter Theisen eine Reanimation.. 2019 wurden in der Notaufnahme des Klinikums etwa 37.000 Patienten behandelt. 38 Prozent waren 65 Jahre und älter.

Jeder Handgriff muss sitzen: Wenige Minuten können über Leben und Tod entscheiden. In dieser Szene simuliert das Schockraumteam um den leitenden Oberarzt Dr. Rolf-Dieter Theisen eine Reanimation.. 2019 wurden in der Notaufnahme des Klinikums etwa 37.000 Patienten behandelt. 38 Prozent waren 65 Jahre und älter. Foto: Moritz Winde

Von Moritz Winde

Herford (WB). Eigentlich sagt es der Name ja bereits: zentrale Notaufnahme. In der ZNA des Klinikums soll’s um medizinische Notfälle gehen, das Leben kann am seidenen Faden hängen. Immer häufiger kommen jedoch Leute mit Lappalien – zum Beispiel Sonnenbrand, Insektenstich oder geschwollenem Handgelenk.

Dr. Wilfried Schnieder beobachtet die Entwicklung mit Sorge. „Manche lassen sich mit Kleinigkeiten sogar per Rettungswagen bringen“, sagt der Leiter der ZNA. Der Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Sportmedizin und spezielle Intensivmedizin versucht Verständnis für diejenigen aufzubringen, die mit winzigen Wehwehchen anklopfen. „Wir nehmen jeden Patienten ernst. Subjektiv gesehen mag er Schmerzen haben. Aus medizinischer Sicht aber ist er bei uns nicht an der richtigen Adresse.“ 45 Prozent der Patienten kommen auf eigenen Antrieb in die ZNA, nur 19 Prozent per Einweisung durch den Haus- oder Facharzt.

Das Problem: Patienten mit kleineren Blessuren können wichtige Kapazitäten in der Rettungsstelle blockieren – und zwar für diejenigen, die dringend sofort Hilfe benötigen. Außerdem zehren Bagatellfälle – vor allem wenn’s dann auch noch mitten in der Nacht ist – an den Nerven des Personals und belasten die Krankenkassen-Töpfe.

Wilfried Schnieder: „Manchen ist die Aufgabe der Notaufnahme offenbar nicht bewusst. Wir behandeln normalerweise nur Notfälle, übernehmen keine gewöhnliche ambulante Betreuung.“ Nur wenige kommen aber anscheinend auf die Idee, den ärztlichen Bereitschaftsdienst anzurufen, der für Bagatellfälle zuständig ist. Man erreicht ihn unter der Nummer 116117.

Die Wartezeit beträgt im Schnitt 21 Minuten

Zwei Zahlen machen das Dilemma deutlich: Nur 40 Prozent der Patienten, die sich in der ZNA vorstellen, werden auch stationär weiterversorgt. Gerade einmal zehn Prozent kommen in Begleitung eines Notarztes, sprich sind akut gesundheitsgefährdet.

In der Erste-Hilfe-Anlaufstelle an der Schwarzenmoorstraße wurden im abgelaufenen Jahr 37.000 Patienten versorgt, 4070 davon waren Kinder. Die durchschnittliche Wartezeit betrug nach Unternehmensangaben 21 Minuten, die Gesamtbehandlungsdauer pro Patient etwas unter drei Stunden.

Nicht wer zuerst kommt, mahlt zuerst: Die Patienten werden nach Dringlichkeit behandelt und nicht unbedingt in der Reihenfolge ihres Eintreffens. Die richtige Einschätzung (Triage) sei daher eine wichtige Maßnahme in der Notaufnahme, sagt Schnieder. Aus den Beschwerden des Patienten, teilweise in Verbindung mit den direkt erhobenen Vitalwerten (Blutdruck, Puls, Atemfrequenz) und oft auch zusätzlichen Parametern wie Sauerstoffsättigung oder Herzfrequenz, ergibt sich das Risiko und damit die Dringlichkeit der Erkrankung. Im Ernstfall können wenige Minuten entscheiden oder wie Oberarzt Schnieder sagt: „Zeit bedeutet Leben.“

Wenn Lebensretter am Limit sind

Seit 2008 hat der 61-Jährige das Sagen in der rund um die Uhr besetzten ZNA, wo von 20 Uhr abends bis 6 Uhr morgens ein Securitydienst für Sicherheit sorgt. Immer wieder rasten Patienten aus und attackieren das Krankenhauspersonal. Nach Angaben der Kreispolizei wurde die Behörde in 2019 insgesamt 36 Mal zu Hilfe gerufen.

Zum ZNA-Kernteam gehören acht Ärzte verschiedener Fachrichtungen sowie 39 Schwestern und Pfleger. Wilfried Schnieder lobt seine Mannschaft, spricht von hoher Motivation. Die Belastung allerdings sei enorm. Vor allem wenn Kinder oder Bekannte involviert sind, könne man an die eigenen Grenzen stoßen – sozusagen Lebensretter am Limit. „Wir bieten ihnen dann psychologische Betreuung an.“

Trotz aller Anstrengungen: Im abgelaufenen Jahr haben 31 Frauen und Männer in der Notaufnahme ihr Leben verloren.

Dr. Wilfried Schnieder im Gespräch mit zwei Schwestern. Der 61-Jährige ist seit 2008 Chef der Zentralen Notaufnahme. Foto: Moritz Winde

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7223859?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198393%2F2514620%2F