Valentina Weich hilft Asylbewerbern in ihrer Muttersprache
„Ich weiß, was sie durchmachen“

Herford (WB). Noch heute kommen Valentina Weich die Tränen, wenn sie an die Hilfsbereitschaft jener Menschen denkt, die ihr bei der Integration geholfen haben. „Ohne deren Unterstützung hätte ich das in Deutschland kaum geschafft. Nach der Auswanderung aus Kasachstan 1994 war ich im Schockzustand“, erinnert sich die 56-Jährige.

Montag, 02.03.2020, 08:00 Uhr aktualisiert: 02.03.2020, 10:20 Uhr
Ehrenamtlich betreut Valentina Weich (Zweite von rechts) die aus Georgien stammende Familie: (von links) Nikoloz Chikobava und Iza Igarkava mit ihren Kindern Lizi (10) und Gabriel (8). Sie dolmetscht und geht mit zu Behörden. Foto: Bärbel Hillebrenner
Ehrenamtlich betreut Valentina Weich (Zweite von rechts) die aus Georgien stammende Familie: (von links) Nikoloz Chikobava und Iza Igarkava mit ihren Kindern Lizi (10) und Gabriel (8). Sie dolmetscht und geht mit zu Behörden. Foto: Bärbel Hillebrenner

Deshalb wolle sie heute diese Hilfe zurückgeben: Seit zehn Jahren ist Valentina Weich ehrenamtliche Betreuerin für Migranten aus der ehemaligen Sowjetunion. Für dieses Engagement bekam sie vor wenigen Wochen den Ehrenamtspreis der Stadt Herford.

Familie aus Georgien

Es ist Mittag im Haus Ahornstraße 15: Iza Igarkava bereitet das Essen für ihre beiden Kinder vor, Ehemann Nikoloz Chikobava hat frei. Er arbeitet auf dem Bau in Bielefeld, ist eigentlich studierter Finanzbuchhalter. In Deutschland hat er keinen Job bekommen. Die Familie kam 2016 als Asylbewerber nach Herford, Iza Igarkava war damals schwer krebskrank.

„Wir sprachen kein Deutsch, konnten die vielen Schriftstücke nicht lesen. Was ich alles vor den Operationen im Krankenhaus unterschreiben musste, verstand ich nicht. Wir waren so froh, als wir von der Diakonie die Begleitung durch Valentina bekommen haben“, berichtet die 35-Jährige in gebrochenem Deutsch. Bis heute läuft die Betreuung, obwohl Tochter Lizi (10) und Sohn Gabriel (8) bei vielen Sprachproblemen schon helfen können. Beide Kinder besuchen die Grundschule Stiftberg.

Mathe und Physik studiert

„Ich weiß genau, was die Familie durchmacht, fernab der Heimat, ohne hier jemanden zu kennen. Ich kenne das alles aus eigener Erfahrung“, sagt Valentina Weich. Mit sieben Geschwistern und den Eltern wuchs sie in Kasachstan auf – damals auch in der Sowjetunion Vertriebene, von vielen Russen gehasst.

Trotz ärmlicher Verhältnisse und Verbote schaffte sie den Sprung an die Universität, studierte Mathe und Physik und konnte als Lehrerin arbeiten. Doch nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde die Situation immer unsicherer. „Also nahm ich allen Mut zusammen und ging in die Heimat meiner Vorfahren“, sagt Valentina Weich.

Die Zeit im Auffanglager Friedland, später in Notunterkünften in Sachsen war nicht einfach. „Ich konnte die Sprache nicht, kannte keine deutschen Gesetze, fand keine Wohnung für mich allein. Überall wurden mir Steine in den Weg gelegt. Es war schrecklich“, berichtet die Oeynhausenerin. Sie habe viele Demütigungen und Benachteiligungen erfahren. „Es gab Zeiten, da ging ich nur mit tief gesenktem Kopf durch die Straßen.“ Es habe zwar einige hilfsbereite Menschen gegeben, aber das neue Leben in der Fremde habe sie sich allein erkämpfen müssen.

Als Nachhilfelehrerin tätig

Sie machte schließlich eine Umschulung zur Altenpflegerin, denn das Lehrer-Diplom aus Kasachstan wird in Deutschland nicht anerkannt. Doch die körperlich schwere Arbeit forderte ihren Tribut – sie schaffte es nicht mehr. Heute arbeitet sie wieder in ihrem alten Beruf – wenn auch nicht an einer staatlichen Schule, sondern als Nachhilfelehrerin bei der Schülerhilfe in Bad Oeynhausen.

Vor zehn Jahren entschied sich Valentina Weich, anderen Menschen bei der Integration zu helfen. Als ehrenamtliche Betreuerin bei der Stadtverwaltung unterstützt sie Menschen aus Armenien, Russland, Georgien oder Tadschikistan, sich im neuen Alltag zurecht zu finden. Sie begleitet sie als Dolmetscherin bei Behördengängen, beantwortet gesundheitliche Fragen, bleibt solange an ihrer Seite, bis die Asylbewerber es alleine schaffen. Valentina Weich berichtet: „Das kann sehr lange dauern. Ich habe einem 18-jährigen Jugendlichen beigestanden, der heute 28 ist. Erst jetzt habe ich ihn quasi freigelassen.“

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