Nicht nur Schulen und Kitas schließen – offene Fragen zur Notbetreuung
Herford wird heruntergefahren

Herford (WB). Eine Stadt im Corona-Krisenmodus: Sämtliche 7377 Schülerinen und Schüler werden ab Montag nicht mehr unterrichtet, 2554 Kita-Kinder nicht betreut. Das städtische Museum und Marta schließen, ebenso die Musikschule, Stadtbibliothek und Jugendzentren. „Nur bei absolut unaufschiebbaren Angelegenheiten sollte man ins Rathaus kommen“, sagt Bürgermeister Tim Kähler.

Freitag, 13.03.2020, 18:26 Uhr
Mehr als 2500 Grundschüler und gut 4800 Kinder und Jugendliche der weiterführenden Schulen haben wegen der Coronagefahr ab Montag zwangsfrei. Auch die Geschwister-Scholl-Realschule informierte darüber am Schuleingang. Foto: Bexte
Mehr als 2500 Grundschüler und gut 4800 Kinder und Jugendliche der weiterführenden Schulen haben wegen der Coronagefahr ab Montag zwangsfrei. Auch die Geschwister-Scholl-Realschule informierte darüber am Schuleingang. Foto: Bexte

Schulen

Ab Montag ist laut Landeserlass die Schulpflicht ausgesetzt. Am Montag und Dienstag sind die Schulen aber noch für eine Betreuung geöffnet, damit die Eltern die Wochen bis zum Ende der Osterferien (19. April) organisieren können. „Wir wollen mit den Eltern den Betreuungsbedarf erörtern und die notwendigen Kapazitäten ermitteln“, sagt Kähler. Doch die Lage ist unübersichtlich: Während Herforder Schulen die Notbetreuung auf alle Schüler beziehen, interpretiert Kähler dies anders. Nur die Kinder von Eltern, die in der „kritischen Infrastruktur“ beschäftigt seien (Polizei, Feuerwehr, Rettungsdienst, Gesundheitswesen etc.) könnten eine Betreuung für die Zeit der Schulschließung in Anspruch nehmen. Kähler hofft, dass die noch ausstehenden Erläuterungen zum Landeserlass die Unstimmigkeiten ausräumen werde. „Wir werden dann, je nach Bedarf, ein, zwei oder drei Schulen für diese Kinder und Jugendlichen offen halten.“

Herforder Schulen reagierten schnell: Bereits am Mittag informierte etwa die Geschwister-Scholl-Realschule auf ihrer Homepage über die Entwicklung. „Wir werden während des gesamten Zeitraums der Schulschließung ein Not-Betreuungsangebot einrichten“, verspricht Schulleiterin Marie-Theres Brinkmann. Gleiches war auf der Seite der Ernst-Barlach-Realschule zu lesen. Von der Not-Betreuung „werden insbesondere die Kinder in den Klassen 1 bis 6 erfasst“.

Bei Eltern stößt die drastische Maßnahme weitgehend auf Verständnis. „Ich denke, dass die Schulschließung richtig ist“, sagt Nadine Othen, Schulpflegschaftsvorsitzende am Friedrichs-Gymnasium. „Für berufstätige Eltern mit kleineren Kindern ist es natürlich schwierig, so schnell eine Betreuung zu organisieren.“ So sieht es auch Beate Katthöfer, Schulpflegschaftsvorsitzende der Ernst-Barlach-Realschule. „Denn auf Oma und Opa sollte man nicht mehr zurückgreifen. Ältere Menschen gehören ja zur Risikogruppe.“ Deshalb sei es fraglich, ob die zwei Tage Übergangszeit ausreichen, den Alltag neu zu organisieren. „Aber an sich ist die Schulschließung angemessen.“ Kreisweit sind 84 Schulen und über 37.400 Schüler betroffen.

Kitas

Ab Montag sind auch alle Kitas und Tagespflegeeinrichtungen geschlossen. Ausgenommen davon sind ebenfalls die Kinder von Eltern, die in der „kritischen Infrastruktur“ tätig sind. Wer ganz genau zu diesen Berufsgruppen zählt, muss das Ministerium aber noch definieren. Die Jugendämter im Kreis Herford seien in ständigem Austausch. Die Kita-Leitungen seien am Freitag aufgefordert worden, die Eltern zu informieren und Not-Betreuungs-Gruppen anzubieten.

Hallen gesperrt

Auch alle Sportveranstaltungen in Schulhallen werden abgesagt. „Vereinen mit eigenen Hallen empfehlen wir, den Betrieb ebenfalls einzustellen“, appelliert Kähler. Auch das Training auf offenen Sportanlagen werde untersagt.

Keine Osterfeuer

Der Streichliste fallen auch sämtliche Osterfeuer-Veranstaltungen zum Opfer, ebenso das Aufstellen von Maibäumen oder ein Tanz in den Mai. Bei Privatveranstaltungen mit einer Besucherzahl zwischen 100 und 1000 würde bei der Frage eines Verbots ein vom Bund vorgegebenes Prüfraster angelegt. „Wir appellieren aber, auf solche Veranstaltungen besser gleich zu verzichten“, sagt Kähler Fragen dazu würden ab der kommenden Woche an einer Hotline beantwortet, die die Stadt einrichten werde. Die Nummer werde dann bekannt gegeben.

Rathaus

Das Rathaus (auch das Kreishaus) bleibt zunächst geöffnet. „Je nach Entwicklung der Lage werden wir den Betrieb aber auf das Notwendigste reduzieren.“ Geburtsurkunden müssten jedoch ausgestellt, das Jugendamt ansprechbar bleiben, ebenso die Stadtkasse. „Die Frage ist, wo fangen wir an, wo hören wir auf.“ Die Nachbarstadt Vlotho hat bereits ihr Rathaus für den Publikumsverkehr geschlossen. Der Bürgermeister zeigte sich sichtlich betroffen vom Ernst der Lage: „Das ist eine außergewöhnliche Situation, die lang anhaltende Auswirkungen haben wird.“

Kommentar:

Es ist nicht zu weit gegriffen: Die Coronakrise und die Folgen versetzen Herford in einen Ausnahmezustand, wie es ihn seit Ende des 2. Weltkrieges nicht mehr gegeben hat. Das Land NRW hat konsequent durchgegriffen, vor Ort müssen es die Kommunen und die Bürger – vor allem die Eltern von Kita- und Schulkindern – ausbaden. Ab Montag kommt das öffentliche Leben in der Hansestadt in weiten Teilen zum Erliegen. Die Konsequenzen sind noch gar nicht absehbar. Denn niemand weiß, wie lange das Virus grassieren wird. Schüren die Schließungen Ängste, befördern sie eine Hysterie – oder sorgen sie für ein Stück Sicherheit, für den sprichwörtlich notwendigen Abstand zur Gefahr?

Wenn Bürgermeister Tim Kähler schon jetzt sein Lieblingsprojekt OWL-Forum unbefristet auf Eis legt, dann sollte jeder um den Ernst der Lage wissen. „Wir müssen uns jetzt auf das Wesentliche konzentrieren“, sagt er. Denn die finanziellen Folgen für die Stadt, ihre Wirtschaft, ihren Handel werden gravierend sein. Es steht viel auf dem Spiel. Die nächsten Wochen und Monate werden für alle Menschen im Kreis Herford zu einer Bewährungsprobe. Bernd Bexte

 

Kommentare

Jenny.K  schrieb: 13.03.2020 22:18
Versorgung
Hallo
ich finde das es ein wenig übertrieben ist.
Schulen und Kitas zu = JA definitiv, denn immerhin liegen uns die Kleinsten am Herzen, ohne Nachwuchs, keine Zukunft.
Jedoch mach ich mir ernsthaft Sorgen um die Sicherheit.
Plünderungen, Einbrüche, leere Supermärkte ... wie wird es mit der Versorgung von Lebensmitteln aussehen, wenn man große Ansammlungen meiden soll? Supermärkte werden überrannt, wenn sie überhaupt noch etwas in den Regalen haben. Menschen mit kleinem Geld können nicht auf Vorrat kaufen, auch jene die Obdachlos sind, oder Geld wöchentlich ausgezahlt bekommen. Am Ende sind es wieder jene mit dem großen Geldbeutel die sich Berge an Vorräten anschaffen können und daheim ohne Probleme Monatelang versorgt sind. Auch hat nicht jeder den Platz für soviel Lagerfläche. Mir persönlich macht die Krise Angst. Denn Menschen die sich nicht auspowern können, werden schnell Emotional und Aggressiv und Plünderungen, und Ramschkauf sind dann die kleinsten Sorgen. Supermärkte sollten für diese Zeit eine längere Öffnungszeit haben, und Belieferung nachts erledigen, um die Kapazitäten zu erfüllen.
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