Do., 26.03.2020

Wegen Corona bis zu 70 Prozent Terminabsagen – Branche fordert Rettungsschirm Therapeuten fürchten den Ruin

Geschätzt bis zu 70 Prozent der Kunden sagen ihre Termine ab, hat Ergotherapeutin Sandra Nehl festgestellt.

Geschätzt bis zu 70 Prozent der Kunden sagen ihre Termine ab, hat Ergotherapeutin Sandra Nehl festgestellt. Foto: dpa

Von Bernd Bexte

Herford (WB). Sie haben weiter geöffnet – und trotzdem brechen bis zu 80 Prozent der Umsätze weg. „Viele Leute haben schlichtweg Angst und trauen sich nicht mehr zu kommen“, sagt Logopädin Sandra Kramer von der Bismarckstraße.

Auch Physiotherapeuten, Ergotherapeuten oder Podologen arbeiten nur noch im Notbetrieb – unter den Heilmittelerbringern wächst die Verzweiflung aufgrund der Coronakrise.

„Das ist für mich das verflixte siebte Jahr“, blickt Ergotherapeutin Sandra Nehl auf einen weitgehend leeren Terminkalender. Geschätzt bis zu 70 Prozent der Kunden hätten abgesagt. Für ihre neun Angestellten in der Praxis am Stadttheater, die sie Anfang 2014 übernommen hatte, habe sie Kurzarbeit angemeldet.

Hunderttausende Arbeitsplätze gefährdet

Die Therapeuten zählen zu den systemrelevanten Berufszweigen. „Wegen Einsätzen bei dringender medizinischer Notwendigkeit haben wir also weiter geöffnet“, beschreibt die 32-Jährige die aktuelle Rechtslage. Doch derzeit laufe das auf einen Notbetrieb hinaus.

Die Sorgen in der Branche, die sich mittlerweile vor Ort vernetzt habe, sind so groß, dass der Berufsverband einen Hilferuf abgesetzt hat: „Die Politik nimmt wissentlich die Insolvenz von vielen tausend Heilmittelerbringern in Kauf und gefährdet damit hunderttausende von Arbeitsplätzen und die Gesundheit der Bevölkerung“, sagt Ute Repschläger aus Witten, Vorsitzende des Spitzenverbands der Heilmittelverbände (SHV), der nach eigenen Angaben mehr als 75.000 Therapeuten vertritt. Auf Dauer könne dies zu massiven Versorgungsproblemen führen, „was am Ende allen Patienten schadet“. Das meint auch Sandra Nehl.

Was die Arbeit vor Ort zusätzlich erschwere, sei der drohende Engpass beim Schutzmaterial. Denn seit dieser Woche tragen die Mitarbeiter Mundschutz und Handschuhe. „Wir halten natürlich strengste Hygienevorschriften ein“, erläutert sie. Patienten – nur Menschen ohne Symptome würden in die Praxis eingelassen – müssen sich direkt nach dem Eintritt die Hände waschen und desinfizieren.

50 Euro für 100 Einwegmasken

Noch komme sie mit dem vorhandenen Material aus, sagt die Ergotherapeutin. Ein Blick ins Internet lasse jedoch Schlimmes befürchten. Dort würden für 100 Einwegmasken 50 Euro aufgerufen, die bekomme man sonst für einen Bruchteil der Summe.

Für Logopädin Sandra Kramer brechen auch zahlreiche Einsätze außerhalb der Praxis weg. „Altenheime und Kitas sind für uns nicht zugänglich oder geschlossen.“ Sie versuche zumindest einiges über Teletherapie, also per Videozuschaltung am Computer, zu ersetzen. „Das Klientel ist da aber begrenzt.“

Auch sie hat für ihre drei Mitarbeiter Kurzarbeit angemeldet. „Für uns gibt es ja keinen Rettungsschirm.“ Den fordert die Branche jetzt nun von der Politik und den Kassen: Das Geld, das die Krankenkassen aufgrund der nicht erbrachten Leistungen einsparten, solle den Betroffenen als Soforthilfe ausgezahlt werden. „Für sie wäre das letztlich ein Nullsummenspiel“, sagt Verbandsvorsitzende Repschläger.

Kommentare

Taten statt feuchter Händedruck

Es ist schön, dass Prominente, Politiker und viele andere Menschen derzeit jede Gelegenheit nutzen, um ihren Dank an uns medizinisches Personal auszudrücken. Voraussichtlich wird die Krise jedoch nicht lang genug anhalten, damit sich für die medizinischen und sozialen Berufe nachhaltig etwas ändert.
Zeigt endlich durch Taten (und Zahlen!), wie wichtig diese Berufe sind, die überhaupt erst die Voraussetzungen dafür schaffen, dass Ihr Eure deutlich besser vergüteten Tätigkeiten ausüben könnt, und der Corona-Kampf in Deutschland bisher so glimpflich verläuft!!!

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