Fr., 10.04.2020

Einige Hinterbliebene kritisieren Einordnung als Corona-Opfer Zwei weitere Todesfälle: Wie entscheidend war das Virus?

Die Corona-Statistik von Donnerstag: Am Mittwoch und Donnerstag sind zwei infizierte Männer aus Herford verstorben, in der vergangenen Woche ein Senior aus Hiddenhausen.

Die Corona-Statistik von Donnerstag: Am Mittwoch und Donnerstag sind zwei infizierte Männer aus Herford verstorben, in der vergangenen Woche ein Senior aus Hiddenhausen.

Von Bernd Bexte

Herford (WB). Der Kreis Herford hat am Donnerstag im Zusammenhang mit dem Coronavirus zwei weitere Todesfälle gemeldet: zwei Männer im Alter von 91 und 89 Jahren. „Beide hatten Vorerkrankungen und stammen aus Herford. Somit gibt es im Kreis insgesamt drei Todesfälle“, heißt es. Doch wie ursächlich war das Virus, zumal keiner der drei Verstorbenen auf der Intensivstation lag?

Im Fall des 89-Jährigen handelt es sich um den Lungenkrebspatienten, der sich offenbar im Mathilden-Hospital infiziert hatte. „Mein Opa ist definitiv nicht an dem Virus gestorben. Er hat überhaupt keine Symptome gezeigt“, sagt Enkelin Desiree Barron (25). „Er ist einfach eingeschlafen. Man kann doch jetzt nicht von einem Corona-Toten sprechen. Ich habe dafür überhaupt kein Verständnis. Das macht anderen Menschen doch nur noch mehr Angst.“

Ähnlich sehen es Angehörige und Nahestehende eines 82-Jährigen Bad Salzuflers, der bereits am Samstag gestorben war. Er erscheint in der Statistik des Kreises Lippe als Corona-Opfer. Der Senior war zuvor im Mathilden-Hospital behandelt worden. Dort hatte er sich vermutlich mit dem Virus infiziert. Am Dienstag vergangener Woche war der Mann nach Hause entlassen worden.

„Er hatte nie Symptome“

Dort verstarb er an multiplem Organversagen, wie seine Pflegerin Anja Müller sagt, die sich zuletzt um ihn gekümmert hatte. „Ein weiterer 82-jähriger Patient, der zu den bestätigten Coronafällen zählt, ist zu Hause verstorben“, hieß es dazu Anfang der Woche in der täglichen Statistik des Kreises Lippe. „Er ist kein Corona-Toter, er hatte nie Symptome“, meint die Altenpflegehelferin.

Wonach wird also bemessen, wer in der Statistik als Corona-Opfer erscheint? „Stirbt ein Patient, der das Coronavirus in sich getragen hat, wird dies ebenfalls statistisch erfasst. Eine medizinische Bewertung wird an dieser Stelle ausdrücklich nicht vorgenommen, das heißt, es wird keine Aussage getroffen, ob das Virus ursächlich für den Tod war“, lautet die offizielle Sprachregelung.

Offenbar im Krankenhaus angesteckt

In der Öffentlichkeit erscheine er jedoch als Corona-Opfer. „Das verstehe ich nicht“, sagt der Bruder des verstorbenen Salzuflers. Was ihn zudem ärgert: „Als er im Mathilden-Hospital aufgenommen wurde, hieß es, hier sei niemand infiziert. Er wird sich dort aber angesteckt haben.“ Denn einen Tag, nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen worden sei, habe sich das Gesundheitsamt gemeldet, sagt Pflegerin Müller. Da der Senior möglicherweise im Hospital Kontakt zu einer infizierten Person gehabt habe, müsse der 82-Jährige auf das Virus getestet werden, habe es geheißen. Das Ergebnis war positiv.

Dr. Georg Rüter, Geschäftsführer des Mathilden-Hospitals, kennt den Fall. „Hoch betagte Menschen sterben meist nicht an dem Virus, sondern mit dem Virus.“ Im Krankenhaus hatten sich, wie berichtet, Patienten und Mitarbeiter infiziert. Stand Mittwoch waren es sechs Patienten und 14 Beschäftigte.

Statistik unscharf

Insgesamt bildet die Statistik des Kreises die Situation in den Krankenhäusern nicht umfänglich ab: So befanden sich am Donnerstag 19 infizierte Personen mit Wohnsitz im Kreis Herford in stationärer Behandlung. „Insgesamt sind es in den Kliniken im Kreis Herford aber knapp 30“, sagt Norbert Burmann, Leiter des Krisenstabes. Denn Patienten, die nicht im Kreis Herford wohnen, würden in der Kreis-Statistik nicht erfasst. Andererseits werden nicht alle 19 Patienten aus dem Kreis Herford auch in Krankenhäusern vor Ort behandelt. „Ein Patient liegt zum Beispiel in Osnabrück.“ Von den knapp 30 infizierten Krankenhauspatienten werden 17 im Klinikum versorgt, fünf davon auf der Intensivstation, drei werden beatmet. 13 Patienten wurden von dort inzwischen als gesund entlassen.

Neun Infizierte mehr

Im Kreis Herford gab es am Donnerstag insgesamt 267 bestätigte Corona-Fälle. Seit Mittwoch seien neun bestätigte Fälle hinzugekommen, teilt der Kreis mit. Inzwischen gelten allerdings 118 Personen wieder als gesund. Von aktuell 146 infizierten Personen aus dem Kreisgebiet stammen 62 aus Herford, die anderen Personen verteilen sich auf Bünde (26), Löhne (11), Kirchlengern (10), Enger (8), Hiddenhausen (9), Rödinghausen (5), Vlotho (5) und Spenge (10). 19 infizierte Personen mit Wohnsitz im Kreis Herford sind derzeit in stationärer Behandlung.

Ausreichend Kapazitäten

Das Klinikum hat angeboten, ebenso wie andere Krankenhäuser, Patienten aus den Niederlanden oder Belgien aufzunehmen. Es verfüge über 43 Intensivbetten, sei aber in der Lage, die Zahl innerhalb weniger Stunden auf 56 aufzustocken. In den vergangenen Wochen sind laut Geschäftsführer Peter Hutmacher 80 Mitarbeiter hinsichtlich der Intensivbetreuung geschult worden. Laut Kreis sind die 1200 Krankenhausbetten in der Region derzeit nur zur Hälfte belegt, ansonsten seien es durchschnittlich 70 bis 80 Prozent.

Verschärfte Kontrollen

Landrat Jürgen Müller hat für die Osterfeiertage verstärkte Kontrollen des Kontaktverbots angekündigt. „Ordnungsbehörden und Polizei werden konsequent und restriktiv durchgreifen.“ Gleichzeitig bedankt er sich bei den Bürgern, die die Vorschriften bis auf wenige Ausnahmen einhielten. Das Akutzentrum an der Oststraße 23 bleibt an den Feiertagen geöffnet. Dort können unter anderem täglich bis zu 200 Abstriche gemacht werden. Ausreichend Material sei vorhanden. Bislang sei knapp jedes zehnte Testergebnis positiv.

Kommentare

Zum Kommentar v. "Hermann"

Ein Interesse an einer Diskussion mit Personen wie Ihnen besteht und bestand meinerseits zu keinem Zeitpunkt, deshalb habe ich Sie auch nicht angeschrieben. Aber Sie scheinen offensichtlich das Bedürfnis zu haben hier eine Meinungshoheit zu etablieren, durchzudrücken ;)

Übrigens gehöre ich als Raucher zu einer Hochrisikogruppe und habe keinerlei Problem damit wenn die Gesellschaft mein Leben gegen das Allgemeininteresse der Mehrheit abwägt, auch wenn das zu meinen Ungunsten ausfallen sollte, mit allen Konsequenzen. Das ist meine moralbasierte Meinung, in der das Interesse der Vielen über dem der Wenigen steht.
Vielen Dank dass Sie mir (noch) erlauben Diese zu äussern, eine wahrlich großzügige Geste von Ihnen.

Zum Kommentar v. Sascha B.: Leider keine Grundlage für eine weitere Diskussion

Und, so hart das klingen mag: Der Kommentar von Sascha B. bildet leider keine vernunftbasierte Grundlage für eine weitere Diskussion.

Eines sei jedenfalls dazu geschrieben: In einer Gesellschaft, in der aus dem Zusammenhang gegriffen, lapidar und nicht auch nur ansatzweise moralbasiert das Leben von Menschen (gleich welchen Alters, Geschlechts, welcher Hautfarbe usw.) bewertet wird, gibt es tatsächlich (und einzig da stimme ich dem Kommentar v. Sascha B. zu: "(...) drigend ein Mal unterhalten müssen!") viel zu tun...

Argumente gibt es sicherlich zahlreiche für verschiedenste Betrachtungsweisen. Das ist gut und muss in einer Demokratie immer möglich bleiben. Diese Argumente dürfen (und sollen!) natürlich geäußert werden. Aber, so meine ich, immer und unabdingbar unter einer Voraussetzung: Der (absoluten) Achtung menschlichen Lebens!

Nichts genaues weis man nicht

So hart das klingen mag, aber mit 91 und 89 stirbt Mensch nun Mal, dass ist biologisch schon ein biblisches Alter.

Da reichen kleinste Infektionen, kleinste Komplikationen, eine Hitzewelle, eine Grippewelle. Ob Es das Wert ist die komplette Gesellschaft zum Stillstand zu bringen und die Wirtschaft vor die Wand zu fahren, hunderttausende Existenzen zu zerstören die ihr ganzes Leben noch vor sich haben?

Ein Punkt über den Wir als Gesellschaft Uns, spätestens nach Ende dieser Covid1984 Krise, drigend ein Mal unterhalten müssen!

In Paderborn mit ca.150000 Einwohnern sind laut DIVI Intensivregister genau ein Intensivplatz, EINS, mit Corono Patienten belegt.

Es bleibt nur zu hoffen dass die unfähige Bundesregierung für die nächste "Pandemie" vorsorgt, Schutzausrüstung in ausreichendem Maß bevorratet und bei Bedarf an die Bevölkerung ausgibt, damit nicht wieder das gesamte Leben, die Wirtschaft, das Sozialleben stillsteht für Monate.

Die Differenzierung ist (v. a. zum jetzigen sehr frühen Zeitpunkt der Pandemie) schwierig. Im Nachgang werden wir sicherlich Erkenntnisse dazu erlangen, die jetzt noch abwegig erscheinen. In den zwei dargestellten Fällen aus dem Kreis Herford liegt den Angehörigen daran, dass ihre Lieben (aus zunächst einmal auf den ersten Blick natürlich nachvollziehbaren Gründen) nicht als Opfer der Pandemie bewertet werden. Anders ein Fall aus dem Kreis Lippe (Horn Bad-Meinberg). Dort konnten die Angehörigen die (von der Vorgehensweise des RKI abweichende) Bewertung des Kreises Lippe nicht nachvollziehen, nach der ihr Angehöriger an eiinem Herzversagen und nicht an der bestätigten Infektion gestorben sein sollte).

Die Vorgehensweise des RKI (Zählung von Verstorbenen mit einer Coronavirus-Infektion) ist aktuell jedoch korrekt!

Im vorstehenden Bericht wird ausgeführt, Verstorbene seien ohne entsprechende Symptome verstorben. Dazu gibt es bereits Meldungen aus vielen Ländern. Zahlreiche Berichte zu so genannten "Corona-Toten" mit lediglich neurologischen Symptomen oder Verstorbene, bei denen ein plötzlicher Atemstillstand ohne weitere Zeichen einer respiratorischen Beteiligung beschrieben wurde, bestätigen die Beobachtungen, die auch in dem Bericht zu Verstorbenen aus dem Kreis Herford w. o. geschildert wurden. U. a. das Deutsche Ärzteblatt berichtete kürzlich ausführlicher hierzu.

Es bleibt demnach derzeit keine alternative seriöse Vorgehensweise zu der des RKI.

Über die Ursächlichkeit lässt sich sicher noch lange diskutieren. Sind die unzähligen Hitzetoten des Sommers 2003 nun aufgrund oder während der Hitze gestorben? Junge, nicht vorerkrankte Körper sind in aller Regel hitzetoleranter. Ist jemand bei oder durch einen Verkehrsunfall gestorben, wenn sein vorerkrankter Körper sich zu regenerieren nicht in der Lage war, wie es jedoch ein vergleichbarer jüngerer und kerngesunder Körper gewesen wäre..? Die Diskussion jetzt zu führen halte ich für nicht zielführend und (mangels bislang ausreichender virologischer Erkenntnisse) völlig verfrüht.

Wenn etwa gestern eine spätabendliche Talkrunde im TV mit einem Rechtsmediziner aus einer großen deutschen Hansestadt zeigte, der seine Beobachtungen bei 50 durchgeführten Leichenöffnungen schilderte und daraus Rückschlüsse auf das Gefahrenpotenzial des neuartigen Corona-Virus' zog, so meine ich, dass dies unseriös zu einem völlig verfrühten Zeitpunkt erfolgte. Die Intention erschließt sich mir auch gar nicht.

Im Übrigen gibt es verschiedene Untersuchungen dazu, dass auch bei nicht vorerkrankten und jüngeren Menschen eine Infektion zu nachhaltigen Auswirkungen auf die Lungenfunktion führte, deren Langzeitfolgen noch gar nicht absehbar sind. Die "Gefährlichkeit" der "COVID-19-Erkrankung" also nur (wie u. a. in der o. a. TV-Talkrunde gestern Abend) an einer Sterblichkeitsrate (liegt sie nun bei 1,8 oder 0,37...) festzumachen, ist unzureichend und verzerrt das (ohnehin noch völlig unklare) Bild.

4 Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7364616?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198393%2F2514620%2F