Was die Corona-Krise für das größte Kreditinstitut des Kreises bedeutet
„Mit der Region in einem Boot”

Herford (WB). Eben noch Hochkonjunktur, jetzt Auftragsrückgänge und Kurzarbeit: Die Corona-Krise stellt Unternehmen und Arbeitnehmer vor große Herausforderungen. Eine Schlüsselrolle kommt den Banken zu, deren Alltag ebenfalls vom Ausnahmezustand geprägt ist. Mit Horst Prüßmeier, Vorstandsmitglied der Sparkasse Herford, des größten Kreditinstituts im Kreis, sprach Bernd Bexte.

Dienstag, 14.04.2020, 12:00 Uhr
Coronabedingt hat bei der Sparkasse Herford das Onlinebanking weiter zugenommen. Nach wie vor möglich sind Telefongespräche mit den Beratern – an einigen Standorten auch persönliche Kontakte. Kunden und Mitarbeiter sind dort durch Glasscheiben voneinander getrennt. Foto: Horstmann
Coronabedingt hat bei der Sparkasse Herford das Onlinebanking weiter zugenommen. Nach wie vor möglich sind Telefongespräche mit den Beratern – an einigen Standorten auch persönliche Kontakte. Kunden und Mitarbeiter sind dort durch Glasscheiben voneinander getrennt. Foto: Horstmann

 

Mal ganz praktisch: Was mache ich, wenn ich derzeit als Sparkassen-Kunde ein Anliegen habe?

Horst Prüßmeier: Mehr als die Hälfte unserer Kundinnen und Kunden nutzt dazu die vielfältigen Möglichkeiten, die unsere Internetfiliale und das Online-Banking bieten. Darüber hinaus stehen unsere Beraterinnen und Berater nach wie vor telefonisch oder per E-Mail zur Verfügung, in besonderen Ausnahmefällen auch für einen persönlichen Termin. Unsere Kunden können auch die Telefonnummer 05221/160 für unseren telefonischen Kundenservice wählen. Dort sitzen ebenfalls ausgebildete Bankkaufleute, die von 8 bis 18.30 Uhr erreichbar sind und deren Anzahl wir von 30 auf 60 Kolleginnen und Kollegen verdoppelt haben. Außerdem bieten wir an sieben Standorten im Kreis persönlichen Service an. Dort stehen spezielle Kassenbereiche zur Verfügung, bei denen Kunden und Mitarbeiter durch Glasscheiben voneinander getrennt und damit geschützt sind.

 

Aber das Online-Banking hat doch sicherlich einen großen Schub erfahren?

Prüßmeier: Ja, das ist so. Wir hatten vorher schon eine hohe Quote: Mehr als 60 Prozent unserer Kunden machten davon Gebrauch. Das sind jetzt noch einmal deutlich mehr geworden. In Ausnahmefällen können Berater zudem Termine vereinbaren, auch in Filialen, die jetzt geschlossen sind. Wir sind also weiterhin vor Ort da.

 

Was bedeutet die aktuelle Situation für Ihre Mitarbeiter?

Prüßmeier: Wie für alle ist das auch für sie eine große Herausforderung. Größere Zusammenkünfte, Seminare und Dienstreisen sind gestrichen, wir setzen auf Video- und Telefonkonferenzen. Zudem arbeiten wie in anderen Betrieben zahlreiche Kolleginnen und Kollegen im Home-Office.

 

Kurzarbeit ist also nicht vorgesehen?

Prüßmeier: Nein. Dort, wo jetzt nicht so viel zu tun ist, gleichen die Mitarbeiter ihre Zeitkonten aus oder unterstützen in besonders belasteten Bereichen. Es sind alle mit vollem Einsatz dabei, eine solche Situation schweißt zusammen, das merkt man. Wenn es eines gibt, was an dieser Situation positiv ist, dann ist es dieses Engagement. Hier ziehen alle an einem Strang.

 

Dennoch wird sich die aktuelle Situation auf das Geschäft der Sparkasse Herford auswirken? Mit welchen Einbußen rechnen Sie?

Prüßmeier: Es ist noch zu früh, dazu etwas Fundiertes sagen zu können. Wir wissen ja noch gar nicht, wann sich die Situation normalisiert. Es ist ja nicht so, dass unser Geschäft zum Erliegen gekommen ist. Wir sehen aber schon: Uns als Sparkasse geht es nur so gut, wie es der heimischen Wirtschaft geht. 70 Prozent unserer Privatkunden arbeiten in den heimischen Unternehmen. Wir sitzen mit der ganzen Region in einem Boot. Und das schweißt zusammen. Es ist keine Floskel: Man muss versuchen, dieser Herausforderung mit Zuversicht und Mut zu begegnen.

 

Hat auch die Sparkasse Herford bestimmte Hilfsprogramme aufgelegt? Werden etwa Raten gestundet, Dispo-Rahmen erweitert?

Prüßmeier: Wir haben schon zu Beginn der Krise alle Bordmittel eingesetzt, die wir haben – bereits bevor die gesetzlichen Regelungen dazu kamen: Tilgungsaussetzung, Erhöhung von Kreditlinien, Überziehungsmöglichkeiten, immer sehr individuell auf den Kunden zugeschnitten. Für Privatkunden etwa haben wir ein Sonderprogramm für einen zusätzlichen Liquiditätsrahmen bis zu 5000 Euro aufgelegt, ebenso flexibel wie der Dispo, aber zu deutlich geringeren Zinsen.

 

Wie viele Kunden haben denn bereits vom Tilgungsaufschub Gebrauch gemacht?

Prüßmeier: Insgesamt gibt es derzeit rund 450 Konten, bei denen eine Tilgungs- oder Ratenaussetzung vermerkt ist. Das ist allerdings noch überschaubar, wenn man bedenkt, dass wir alleine 27.000 Darlehnskonten im Baufinanzierungsbereich haben.

 

Welche Rückmeldung bekommen Sie aus der Wirtschaft im Kreis Herford? Wird die Krise den Standort nachhaltig verändern?

Prüßmeier: Es sind ja alle Branchen betroffen, vom Kiosk an der Ecke bis zum großen Bekleidungs- oder Maschinenbauunternehmen. Entsprechend unterschiedlich ist die Betroffenheit, gerade auch mit Blick auf die vorhandene Liquidität. Da muss man also sehr differenzieren. Das eine Unternehmen braucht umgehend einen finanziellen Zufluss, das andere wendet sich nur vorsorglich an uns, um zu planen, was ab dem Sommer wohl notwendig sein könnte. Aber entscheidend ist bei allen Szenario-Rechnungen, die die Unternehmer machen, die Frage: Wann kehren wir zur Normalität zurück und mit welchen Schritten? Insgesamt gehen die Betriebe nach meiner Wahrnehmung sehr fokussiert mit der Situation um und nutzen konsequent die vorhandenen Möglichkeiten der Kostenanpassung: Steuerstundung, Kurzarbeit, Tilgungsaussetzung. Von Panik ist da nichts zu spüren. Das ist schon sehr beachtlich, Hut ab! Und der Beratungsbedarf ist groß: Wir haben in den vergangenen Tagen weit über 500 Gespräche geführt.

 

Der Bund hat angekündigt, beim aufgelegten Schnellkreditprogramm für kleinere Unternehmen das Ausfallrisiko zu 100 Prozent zu übernehmen. Klingt erst mal gut. Ist es das auch für die Kreditinstitute?

Prüßmeier: Die Details liegen noch nicht vor, also kann man diese Maßnahme abschließend nicht bewerten. Wir bekommen damit aber ein Instrument an die Hand, das für die Unternehmen im Kreis grundsätzlich sehr hilfreich sein kann. Die Haftungsübernahme des Bundes ist jedoch nur ein Aspekt. Viel wichtiger ist für mich, dass dieses Programm eine Laufzeit bis zu zehn Jahre hat. Bei den anderen Programmen von KfW-Bank und NRW-Bank sind es Maximallaufzeiten von zwei bzw. fünf Jahren. Grundsätzlich ist die längere Laufzeit der richtige Weg, das nimmt den Druck etwas weg.

 

Aus der Wirtschaft werden die Stimmen nach einem zeitnahen Exit aus der derzeitigen Ausnahmesituation lauter. Schließen Sie sich dieser Forderung an?

Prüßmeier: Wir wünschen uns natürlich alle wenigstens eine schrittweise Rückkehr ins gewohnte Wirtschaftsleben. Das müssen wir aber mit Bedacht tun, also es muss medizinisch vertretbar sein. Es nützt keinem etwas, wenn wir jetzt vorschnell Auflagen lockern und wir in zwei Wochen feststellen, dass die Pandemie wieder auflebt und wir dann wieder alles herunterfahren müssen.

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