So geht es der Familie aus Hiddenhausen, nachdem ihr Haus abgebrannt ist
„Wir hatten einen großen Schutzengel“

Hiddenhausen (WB). Sie haben alles verloren – und doch überwiegt das Glück: „Wir hatten einen großen Schutzengel. Wir sind dankbar, noch am Leben zu sein“, sagt Lars Tiedemann. Ein Feuer hat in der Nacht zu Sonntag das Haus der sechsköpfigen Familie in der Gärtnerstraße in Eilshausen vernichtet. Gerade noch rechtzeitig konnten sich die Bewohner retten.

Mittwoch, 22.04.2020, 03:03 Uhr aktualisiert: 22.04.2020, 05:01 Uhr
Aus der Luft wird die enorme Zerstörung des Großfeuers deutlich. Foto: Moritz Winde
Aus der Luft wird die enorme Zerstörung des Großfeuers deutlich. Foto: Moritz Winde

Der Vater lässt die verhängnisvollen Stunden im Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT Revue passieren. „Meine Frau und ich wollten gegen 23 Uhr ins Bett gehen, als der Strom ausfiel. Ich bin zum Schaltkasten gegangen – da schlugen mir bereits Flammen entgegen. Wir haben versucht zu löschen, doch es ging alles viel zu schnell. Wir hatten keine Chance.“

Hätte das Ehepaar zu diesem Zeitpunkt geschlafen, wären vermutlich nicht alle Familienmitglieder unverletzt geblieben. „Das hat uns die Feuerwehr so gesagt. Nur zehn Minuten später und das Ganze wäre wohl nicht gut für uns ausgegangen“, sagt der 41-Jährige.

Sie sind froh, die Brandkatastrophe unverletzt überstanden zu haben: Dieter Graskemper (76) und Ehefrau Gisela (73) sowie ihre Tochter Sonja Tiedemann (40) mit Mann Lars (41) und den Kindern Ruben (10) und Laureen (7).

Sie sind froh, die Brandkatastrophe unverletzt überstanden zu haben: Dieter Graskemper (76) und Ehefrau Gisela (73) sowie ihre Tochter Sonja Tiedemann (40) mit Mann Lars (41) und den Kindern Ruben (10) und Laureen (7). Foto: Moritz Winde

Lars Tiedemann und seine Ehefrau Sonja schnappen sich die schlafenden Kinder Ruben (10) und Laureen (7) und fliehen mit den Schwiegereltern Gisela (73) und Dieter Graskemper (76) ins Freie. „Wir standen barfuß und im Schlafanzug draußen auf dem Feld und mussten mit ansehen, wie unser Lebenswerk abbrennt. Das war schlimm“, sagt der Ex-Vorsitzende des Fördervereins vom Holzhandwerksmuseum.

Der Studiendirektor im Ruhestand, der am Wilhelm-Normann-Berufskolleg gelehrt hat, hatte das Haus 1979 mit Freunden selbst gebaut – und peu à peu erweitert. Aus der ursprünglichen 130 Quadratmeter Wohnfläche ist mehr als das Doppelte geworden. 40 Jahre Arbeit, Geld und Herzblut werden in wenigen Stunden zerstört.

Die Feuerwehr kämpft mit mehr als 70 Leuten gegen den Brand an, doch schnell wird klar: Das Gebäude ist nicht zu retten. „Ich sah von außen, wie sich die Feuerwalze durch die Zimmer fraß und habe mir immer wieder die Frage gestellt: Wo bleiben wir?“, erinnert sich Gisela Graskemper an jene Momente, die sie nie vergessen wird.

Alle Fotoalben sind verbrannt

Die Familie lebt nun in dieser Doppelhaushälfte in der Potsdamer Straße: Hier will sie bleiben, bis ihr Haus neu gebaut wurde. Der Van ist von einem Nachbar geliehen.

Die Familie lebt nun in dieser Doppelhaushälfte in der Potsdamer Straße: Hier will sie bleiben, bis ihr Haus neu gebaut wurde. Der Van ist von einem Nachbar geliehen. Foto: Moritz Winde

Die Tatsache, dass das Feuer nicht nur ihr Dach über dem Kopf, sondern auch alles anderer vernichtet, sollte die Familie erst mit etwas Abstand realisieren. Es sind vor allem die zerstörten Erinnerungen, die schmerzen. Dieter Graskemper: „Die Fotoalben sind hinüber. Wir haben damit keine Bilder mehr von unserer Tochter als Kind oder von unserer Hochzeit.“

Die Tiedemanns dagegen haben einige Aufnahmen besonderer Anlässe in der Cloud gespeichert. Nicht nur Fotos, auch andere lieb gewonnene Dinge sind weg: Dazu zählen wertvolle Meißener Porzellanfiguren und eine einmalige Sammlung klassischer Schallplatten.

Die Spezialisten der Kriminalpolizei stellen später einen technischen Defekt als Brandursache fest. In der Elektrik muss es einen Kurzschluss gegeben haben. „Die Ermittlungen sind für uns damit abgeschlossen“, sagt Polizeisprecherin Simone Lah-Schnier. Ob das Haus jemals betreten werden darf, ist unwahrscheinlich. Es besteht akute Einsturzgefahr.

Gemeinde richtet Spendenkonto ein

Noch während das Eigenheim niederbrennt, läuft die Hilfsmaschinerie an. Das DRK versorgt die Familie mit Kleidung und Getränken, die Gemeinde findet in Windeseile eine neue Bleibe – und zwar nur ein paar Straßen entfernt. „Wir konnten der Familie eine Doppelhaushälfte in der Potsdamer Straße zur Verfügung stellen, die wir als Notreserve eigentlich für Flüchtlinge gedacht hatten. Sie kann so lange bleiben, wie sie will“, verspricht Bürgermeister Ulrich Rolfsmeyer.

Nicht nur die Behörde hilft: Ob Nachbarn, Freunde, Arbeitgeber – oder Wildfremde: Sonja Tiedemann sagt, die Hilfe sei überwältigend und tröste in den schweren Stunden. So hat zum Beispiel Lars Tiedemanns Arbeitgeber Hettich 3000 Euro Soforthilfe gespendet. Auch Vereine wie der Shantychor oder das griechische Restaurant Athos helfen mit Geld, andere bringen Sachspenden vorbei. Die Kirchengemeinde Hiddenhausen hat ein Spendenkonto eingerichtet, ein Nachbar einen Bulli zur Verfügung gestellt.

Die Familie lässt sich trotz dieses Schicksalsschlags nicht unterkriegen. Sie hat ein klares Ziel vor Augen. Lars Tiedemann: „In einem Jahr soll das Haus Gärtnerstraße 8 wieder stehen.“

Das abgebrannte Haus in der Gärtnerstraße 8: In 40 Jahren wurde es nach und nach erweitert. Das Gebäude muss abgerissen werden.

Das abgebrannte Haus in der Gärtnerstraße 8: In 40 Jahren wurde es nach und nach erweitert. Das Gebäude muss abgerissen werden. Foto: Moritz Winde

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