Netzbetreiber WWN erhebt schwere Vorwürfe gegen Archimedes – es geht um 100 Jobs
Abrechnungen nicht transparent?

Herford/Paderborn (WB). Der Vorwurf wiegt schwer: Der regionale Netzbetreiber Westfalen Weser Netz GmbH (WWN) unterstellt dem Herforder Unternehmen Archimedes eine intransparente Rechnungsführung. Seit 2005 kümmert sich das Archimedes Facility Management quasi wie ein Hausmeisterservice um die Bewirtschaftung und Verwaltung der 150 eigenen und gemieteten Immobilien der WWN. Die Differenzen sind mittlerweile so gravierend, dass die WWN den Dienstleistungsvertrag „wegen vertragswidrigen Verhaltens“ mit Archimedes gekündigt hat und den Rechtsweg beschreitet. Am Montag machte die WWN mit einer Pressemitteilung das Zerwürfnis öffentlich.

Montag, 25.05.2020, 18:29 Uhr aktualisiert: 26.05.2020, 09:50 Uhr
Das Unternehmen Archimedes Facility Management kümmert sich um die 150 Immobilien der WWN, unter anderem um die Hauptverwaltung an der Bielefelder Straße. Auch in Kirchlengern, Bad Oeynhausen und Paderborn gibt es größere WWN-Standorte, die meisten sind jedoch kleine Umspannstationen. Foto: Peter Monke
Das Unternehmen Archimedes Facility Management kümmert sich um die 150 Immobilien der WWN, unter anderem um die Hauptverwaltung an der Bielefelder Straße. Auch in Kirchlengern, Bad Oeynhausen und Paderborn gibt es größere WWN-Standorte, die meisten sind jedoch kleine Umspannstationen. Foto: Peter Monke

Archimedes zeigte sich schockiert. „Dass ein kommunales Unternehmen sich so verhält, ist unfassbar“, sagt Marc Euscher, Geschäftsführer der Archimedes Facility Management GmbH. Man sei in den Verhandlungen mit der WWN auf einem guten Weg gewesen. „Und dann kommt so was über eine Pressemitteilung.“

Nach Angaben der WWN sei „die fehlende Transparenz der Abrechnungen von Dienstleistungen, die von Archimedes gegenüber der WWN erbracht werden“ der Grund für die Vertragskündigung. Wie der kommunale Netzbetreiber jetzt weiter juristisch vorgeht, war auf Anfrage nicht zu erfahren. Auch konkrete Summen und Details nannte das Unternehmen nicht. „Die mangelnde Transparenz der Rechnungstellung der Archimedes und die Weigerung der Geschäftsführung, die benötigte Transparenz herzustellen, zwingt uns zu diesen Schritten“, erläutert WWN-Geschäftsführer Andreas Speith.

Gespräche gescheitert

Die rechtliche Auseinandersetzung habe keinen Einfluss auf die Energie- und Wasserversorgung in der Region. Diese sei vollumfänglich sichergestellt. Im Bemühen um eine Fortführung der Geschäftsbeziehung mit Archimedes hätten die WWN-Geschäftsführer Andreas Speith und Jürgen Noch in den vergangenen Monaten verschiedene Lösungsvorschläge unterbreitet und persönliche Gespräche geführt. „Leider konnte jedoch kein Einvernehmen mit der Geschäftsführung der Archimedes erzielt werden.“

Die Kündigung des Dienstleistungsvertrags sei mit dem Angebot einer Übergangsfrist verbunden gewesen, um gemeinsam die Perspektiven für die betroffenen Mitarbeiter zu klären und eine geordnete Abwicklung zu ermöglichen. „Leider hat Archimedes das Angebot zur Übergangsfrist abgelehnt und ihrerseits sämtliche Arbeiten eingestellt und gefordert, dass wir unsere Rechtsposition aufgeben.“ Eine transparente Rechnungstellung sei aber nicht verhandelbar.

„Mitarbeiter ausgesperrt“

Für die Mitarbeiter, die seitens Archimedes bisher für die WWN gearbeitet hätten und wegen einer gemeinsamen Unternehmensvergangenheit rechtliche Ansprüche auf Übernahme geltend machen könnten, „werden wir unserer sozialen Verantwortung und den gesetzlichen Anforderungen gerecht“, teilt die WWN mit. Man werde eine Übernahme „durch uns oder einen neuen Dienstleister“ anstreben und dies mit Archimedes verhandeln.

„Die WWN hat unsere Mitarbeiter ausgesperrt, die sitzen jetzt zu Hause und können nichts machen Sie werden aber weiter von uns bezahlt“, sagt Euscher. 100 Beschäftigte seien betroffen. Der Archimedes-Chef sieht den Vorwurf mangelnder Transparenz als vorgeschobenes Motiv. „Es geht letztlich darum, uns loszuwerden. Die Kündigung werden wir aber nicht hinnehmen.“ Der Dienstleistungsvertrag mit der WWN laufe noch bis Ende 2025.

Die WWN argumentiert anders: Gutachten hätten den dringenden Bedarf für mehr Transparenz der Rechnungstellung der Archimedes bestätigt. Die in Deutschland für Netzentgelte zuständige Bundesnetzagentur verlange ebenfalls einen aussagekräftigen Nachweis für eine marktgerechte Preissetzung für erbrachte Dienstleistungen. Die Netzagentur habe die WWN mehrfach darauf hingewiesen, die vollständige Kostenanerkennung der Dienstleistungen hiervon abhängig zu machen. Die Anerkennung sei für die Berechnung der Netzentgelte durch die WWN wichtig.

Über die Westfalen-Weser-Energie ist die städtische HVV zweitgrößter Gesellschafter der WWN (19,51 Prozent). Archimedes war 1998 als Tochterunternehmen der damaligen Elektrizitätswerke Minden-Ravensberg GmbH (EMR) gegründet worden. Ab 2005 folgte die Privatisierung. Seit 2008 ist Archimedes ein inhabergeführtes Familienunternehmen.

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