Herford erlaubt Ditib-Gemeinde den Gebetsruf am Kulturzentrum Bielefelder Straße
Am Freitag ruft der Muezzin

Herford (WB). Allahu Akbar – Allah ist jetzt auch in Herford am größten und Muhammad sein Gesandter. Jedenfalls immer freitagmittags von 13.30 bis 14.30 Uhr. Für diese Stunde hat die Stadt Herford der muslimischen Ditib-Gemeinde den Gebetsruf am Kulturzentrum an der Bielefelder Straße genehmigt – bis auf weiteres.

Mittwoch, 17.06.2020, 05:00 Uhr aktualisiert: 17.06.2020, 10:58 Uhr
Vom muslimischen Kulturzentrum an der Bielefelder Straße aus darf freitags künftig der Gebetsruf des Muezzin erschallen. Foto: Stephan Rechlin
Vom muslimischen Kulturzentrum an der Bielefelder Straße aus darf freitags künftig der Gebetsruf des Muezzin erschallen. Foto: Stephan Rechlin

Herford folgt damit den Beispielen in Hannover, Dortmund, Köln, Wuppertal, Krefeld und Osnabrück. Dort wurde den muslimischen Gemeinden ebenfalls erlaubt, den Gebetsruf erschallen zu lassen, um während der coronabedingten Schließungen ihrer Moscheen wenigstens akustisch Kontakt zu ihren Mitgliedern zu halten. So wie es christliche Kirchen mit ihren Glocken auch tun. Herford folgt damit nicht den Beispielen Bremerhavens, Mannheims, Rintelns oder Haigers, in denen diese Form der Religionsausübung so lange untersagt bleibt, bis ein gesellschaftlicher Konsens darüber hergestellt wird.

Den wünscht sich auch Dogan Karacan, Vorsitzender des Herforder Integrationsrates, der sich sehr darüber gefreut hätte, wenn über dieses Thema in dem Gremium wenigstens einmal vorab gesprochen worden wäre: „Ich stamme aus einer jesidischen Familie. Wir sind aus der Türkei geflüchtet, um diesen Ruf nicht mehr hören zu müssen. Jetzt erschallt er plötzlich hier in Herford?“ Auch die Vertreter der alevitischen Gemeinde in Herford hätten gerne dazu Stellung genommen.

Religionsfreiheit deckt Gebetsruf

Juristisch ist gegen die Entscheidung der Stadt nichts einzuwenden. Pfarrer Ralf Lange-Sonntag, Islambeauftragter der Evangelischen Kirche von Westfalen: „Religionsfreiheit ist ein Menschenrecht und in Deutschland vom Grundgesetz geschützt.“ Der islamische Gebetsruf sei durch die Religionsfreiheit gedeckt. Über die Rechtmäßigkeit und Ermöglichung eines öffentlichen muslimischen Gebetsrufs entschieden die jeweiligen Kommunen und gegebenenfalls die Gerichte. Lange-Sonntag: „So lange wegen der Corona-Pandemie keine Gottesdienste möglich waren, gab es in vielen Städten muslimische Initiativen für einen öffentlichen Gebetsruf als Ersatz für das Gebet in der Moschee.“ Zum Teil seien dies christlich-muslimische Initiativen – ein Zeichen eines guten interreligiösen Dialogs.

Moscheegemeinden seien sicher gut beraten, wenn sie mit Blick auf die Zeit nach der Pandemie nicht auf die Durchsetzung der positiven Religionsfreiheit pochten, sondern im Sinne einer guten Nachbarschaft eine einvernehmliche Lösung anstrebten. Ebenso dürften von den nichtmuslimischen Nachbarn Toleranz und die Bereitschaft zu einem rücksichtsvollen und konstruktiven Miteinander erwartet werden.

Dechant Pfarrer Gerald Haringhaus, Leiter des Pastoralen Raumes Wittekindsland, sieht es pragmatisch: „Solange der Ruf nicht zu laut ist und niemanden stört, habe ich nichts dagegen einzuwenden. Ich habe ihn bisher gar nicht wahrgenommen.“

Necati Aydin, Sekretär der Herforder Ditib-Gemeinde, möchte nach Rücksprache in seiner Gemeinde Stellung nehmen.

Kommentar

Überraschend ist nicht der Wunsch der muslimischen Ditib-Gemeinde, in den auch für sie schwierigen Corona-Zeiten den Gebetsruf des Muezzin erschallen zu lassen. Erstaunlich ist vielmehr die leise Art und Weise, mit der dieser Ruf mal eben so in Herford genehmigt wird. Nicht einmal der Integrationsrat, das zentrale Gremium des viel beschworenen, interkulturellen Miteinanders in Herford, wird groß damit belästigt. Von einem gemeinsamen, christlich-muslimischen Signal, in schwierigen Zeiten zusammenzuhalten, kann nach Stand der Dinge auch keine Rede sein. Doch jeder wahlberechtigte Muslim weiß nun, was die Stadt für ihn tut. Stephan Rechlin

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7453023?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198393%2F2514620%2F
Weitere Vorwürfe gegen Bethel-Chefarzt
In der Neurologie des Klinikums Bethel wurden Patientinnen vergewaltigt, das ist durch Videos belegt.
Nachrichten-Ticker