Ohne dieses Instrument sieht Herforder Schlachthof Gocksch massive Probleme
„Werkverträge unbedingt erhalten“

Herford (WB). Die Bundesregierung will künftig Werkvertragsarbeit in der Fleischbranche verbieten, die Konzerne Tönnies und Westfleisch wollen bis Jahresende darauf verzichten. Den mittelständischen Schlachthof der Gebrüder Gocksch bringt das in Not. „Die Infektionen haben nichts mit den Werkverträgen zu tun“, sagt Geschäftsführer Guido Gocksch im Gespräch mit Stephan Rechlin.

Donnerstag, 25.06.2020, 07:56 Uhr aktualisiert: 25.06.2020, 07:58 Uhr
Gordon Gocksch übernimmt die Repräsentationsaufgaben des Herforder Schlachthofes. So wie sein Bruder Guido fordert auch er, an Werkverträgen in der Fleischbranche festzuhalten. Foto: Rechlin
Gordon Gocksch übernimmt die Repräsentationsaufgaben des Herforder Schlachthofes. So wie sein Bruder Guido fordert auch er, an Werkverträgen in der Fleischbranche festzuhalten. Foto: Rechlin

 

Warum hat das nichts miteinander zu tun? Im Zerlegebetrieb der Firma Tönnies sind doch vor allem Werkvertragsarbeiter infiziert worden.

Guido Gocksch: Aber nicht, weil sie einen Werkvertrag unterschrieben haben, sondern weil der Hygieneschutz dort offenbar nicht gegriffen hat. Angeblich sollen sie die Infektion ja von einem Heimaturlaub in Rumänien mit nach Rheda-Wiedenbrück gebracht haben. Falls unsere Werkvertragsarbeiter nach einem Urlaub zurückkehren, werden sie erst getestet, bevor sie wieder arbeiten dürfen.

 

Wie viele Werkvertragsarbeiter sind bei Ihnen tätig?

Gocksch: 41 von insgesamt 136 Mitarbeitern, sie stammen alle aus Rumänien. 20 von ihnen leben in Werkswohnungen mit Zweibettzimmern. 21 leben mit ihren Familien in selbst gemieteten Wohnungen in der Stadt. Einige von ihnen sind schon zehn Jahre oder länger bei uns. Wir beschäftigen sie über eine deutsche Werkvertragsfirma, mit der wir seit sieben Jahren zusammenarbeiten. Diese Firma führt Steuern und Sozialabgaben ab und zahlt in die Rentenkasse ein.

 

Warum beschäftigen Sie diese Mitarbeiter nicht selbst?

Gocksch: Weil es mit der Beschäftigung allein nicht getan ist. Sobald die Menschen zu uns nach Herford kommen, muss ihnen nicht nur bei der Wohnungssuche geholfen werden. Es muss ihnen gezeigt werden, wie man ein Bankkonto eröffnet, wie man seinen Wohnsitz anmeldet, wie man Strom, Gas und Wasser abrechnet. Wer mit Kindern kommt, sucht einen passenden Kindergarten oder eine Schule. Dabei hilft das darauf spezialisierte Unternehmen, das wiederum Mitarbeiter beschäftigt, die perfekt Rumänisch sprechen.

 

Mit hiesigen Arbeitern hätten Sie weniger Aufwand…

Gocksch: Ein deutscher Arbeitnehmer schuftet nicht mehr in der Nacht in einem kühlen, feuchten Zerlegebetrieb. Das ist wirklich harte Arbeit, ein Handwerk, das man erst einmal lernen muss. Die Arbeitsagentur hat es längst aufgegeben, mir Bewerber zu schicken. Unter den rumänischen Werkvertragsarbeitern gibt es etliche, die das zwei, drei Jahre machen, gut verdienen und dann wieder nach Hause gehen. Ich würde in Rumänien gar keine neuen Kräfte finden. Auch das nimmt mir die deutsche Vertragsfirma ab.

 

Gut verdienen?

Gocksch: Oh ja. Die rumänischen Mitarbeiter verdienen das gleiche Geld wie ihre deutschen Kollegen. Das Gehalt liegt deutlich über dem Mindestlohn – sonst würde ich gar keine Leute mehr für diese Arbeit finden.

 

Dann müssten Sie doch froh sein, dass die Beschäftigung zu Dumpinglöhnen über ausländische Werkvertragsunternehmen aufhört und die Konzerne endlich die gleichen Lasten tragen wie Ihr Schlachthof…

Gocksch: Das bin ich ja auch. Allerdings soll ja nicht nur die Arbeit mit ausländischen Werkvertragsfirmen verboten werden, sondern Werkverträge generell. Das würde nicht nur transparent und sauber arbeitende deutsche Werkvertragsfirmen treffen, sondern die gesamte Zeitarbeitsbranche. Deren Verleih von Arbeitskräften beruht auf Werkverträgen. Mit einem Verbot müsste ich also nicht nur sämtliche Arbeiten übernehmen, die mir mein Werkvertragspartner derzeit abnimmt. Ich müsste auch auf viele Arbeitskräfte im Sommer verzichten.

 

Warum das denn?

Gocksch: Weil die vielen Aushilfskräfte, die uns in den Sommermonaten in unseren Filialen zur Hand gehen, von Zeitarbeitsfirmen kommen und auf Werkvertragsbasis arbeiten. Das gesamte Jahr über kann ich sie gar nicht beschäftigen. Also müsste ich auf sie verzichten.

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