Nach dem Berufsverbot in der Corona-Krise arbeiten einige illegal weiter – Hilfe von der Beratungsstelle Theodora in Herford
Prostituierte schulen um

Herford (WB). Während die Prostituierten in Österreich oder in den Niederlanden nach dem Lockdown wieder ihrer Arbeit nachgehen dürfen, bleiben die Bordelle in Deutschland weiter dicht. Wann sie wieder öffnen können, ist ungewiss.

Donnerstag, 09.07.2020, 06:00 Uhr
Nach dem Berufsverbot wissen viele Prostituierte nicht, wie sie ihren Lebensunterhalt verdienen sollen. Unterstützt werden sie von der Beratungsstelle Theodora. Foto: dpa
Nach dem Berufsverbot wissen viele Prostituierte nicht, wie sie ihren Lebensunterhalt verdienen sollen. Unterstützt werden sie von der Beratungsstelle Theodora. Foto: dpa

„Einige Frauen machen wohl illegal weiter. Das sagt mir zwar niemand so offen, denn für viele ist es der einzige Weg, um Geld zu verdienen – nicht nur für den eigenen Unterhalt, sondern auch für ihre Familie zu Hause“, sagt Petya Bozhkova von Theodora, Prostituierten- und Ausstiegsberatung für Mädchen und junge Frauen.

Illegale Arbeit gefährlich

Die illegale Arbeit sei nicht nur wegen der möglichen Ansteckung mit dem Coronavirus für die Prostituierten eine Gefahr. „Wenn die Frauen zu Männern ins Auto steigen oder mit ihnen nach Hause gehen, weiß niemand, wo sie sind“, meint Petya Bozhkova. Würden sie dann vergewaltigt oder geschlagen, hätten die Sexarbeiterinnen Angst, das zu melden und zur Polizei zu gehen. „Schließlich ist die Dienstleistung im Moment verboten“, so die Beraterin.

Das Moonlight ist seit März geschlossen. Inhaber Salahattin Koc betreibt zwei weitere Bordelle. Ende das Berufsverbot für Prostituierte nicht bald, bange er um seine berufliche Existenz.

Das Moonlight ist seit März geschlossen. Inhaber Salahattin Koc betreibt zwei weitere Bordelle. Ende das Berufsverbot für Prostituierte nicht bald, bange er um seine berufliche Existenz. Foto: Winde

Das bestätigt auch Salahattin Koc, Betreiber des Bordells Moonlight an der Lübbecker Straße. Auch er habe gehört, dass einige Frauen illegal arbeiteten. Und das sei schon gefährlich. „Ich bin seit 20 Jahren in dem Geschäft. Die Gäste verhalten sich den Frauen gegenüber ganz anders, wenn sie wissen, dass diese unter Schutz stehen – wie das bei meinen Häusern der Fall ist“, sagt Koc.

Sorge um Existenz

Den Parkplatz des Moonlights hat er mit Flatterband abgesperrt. Trotzdem sind immer wieder Frauen nach dem Berufsverbot zu ihm gekommen und hätten ihn um Hilfe gebeten oder nach Räumen gefragt. „Aber die Prostitution ist derzeit verboten, das Risiko zu groß. Ich habe sie wegschicken müssen“, sagt Koc, der insgesamt drei Etablissements leitet.

Während in Holland im Rotlichtmilieu wieder gearbeitet werden dürfe, gebe es hier immer noch kein Signal, wann und unter welchen Auflagen es weitergehen kann. „Ich habe Soforthilfe für drei Monate bekommen, die Kosten für meine drei Häuser bleiben.“ Gehe es nicht bald weiter, bange er um seine beruflich Existenz. Koc: „Ich gehe dann pleite.“

Als Erdbeerpflückerinnen tätig

Seit dem Lockdown im März hat Theodora viel zu tun. Zwar sind einige der Prostituierten in ihre Heimat zurück gereist – die meisten kommen aus Rumänien, Bulgarien oder Ungarn –, andere aber haben sich an die Beratungsstelle gewandt. „Wir helfen den Frauen bei Anträgen für das Jobcenter oder beim Schreiben von Bewerbungen“, erklärt Bozhkova. Drei Rumäninnen hätten so einen Job bei einem Obstbauern bekommen und pflücken derzeit Erdbeeren auf dem Feld. Für andere habe man nach Aushilfsjobs beispielsweise in Supermärkten geschaut.

Frauen, die in Deutschland nicht angemeldet seien, hätten keinen Anspruch auf Sozialleistungen. Viele seien nicht krankenversichert und bereits von Armut betroffen. „Ganz prekär war die Lage bei zwei Prostituierten, die sehr kurzfristig den Club verlassen mussten und von Obdachlosigkeit bedroht waren. Wir konnten sie rechtzeitig in einer Notunterkunft unterbringen und kümmern uns weiter um sie“, sagt Petya Bozhkova. Seit Anfang des Jahres betreut Theodora 75 Frauen intensiv, im vergangenen Jahr hat sich die Beratungsstelle um insgesamt 108 Frauen gekümmert.

Corona-Soforthilfe

Ob Prostituierte auch von der staatlichen Corona-Soforthilfe profitieren können, sei zunächst nicht ganz klar gewesen. Als das Berufsverbot losging, habe sie für einige Frauen versucht, die Unterstützung zu beantragen. Doch weil die meisten kein Gewerbe angemeldet hätten, sei dies nicht möglich gewesen. Das Gewerbe wäre Voraussetzung gewesen.

Einmalzahlungen bei Notlage

Für Prostituierte in besonderer Notlage hat der Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen einen Fonds ins Leben gerufen. „Davon haben 18 unserer Klientinnen profitieren können. Es gab eine Einmalzahlung“, so Petya Bozhkova.

Sie und ihr Team arbeiten trotz Corona normal, beraten nicht nur am Telefon, sondern besuchen unter Einhaltung der Hygieneregeln ihre Klientinnen.

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