Mehrere Ärzte sahen misshandelten Säugling vor seinem Tod
Könnte Baby noch leben?

Herford/Oerlinghausen (WB). Ärzte des Klinikums Herford und einer lippischer Kinderarztpraxis müssen mit Ermittlungsverfahren rechnen. Nach Informationen dieser Zeitung prüft die Staatsanwaltschaft Detmold, ob die Mediziner Verletzungen eines Säuglings hätten melden müssen. Der kleine Junge soll von seinem Vater über Monate misshandelt worden sein und war schließlich im März im Alter von drei Monaten gestorben.

Montag, 13.07.2020, 05:00 Uhr aktualisiert: 13.07.2020, 07:40 Uhr
Auch im Klinikum Herford wurde das Baby behandelt. Foto: Althoff
Auch im Klinikum Herford wurde das Baby behandelt. Foto: Althoff

Das Baby kam am 15. Dezember 2019 zur Welt und lebte bei seinen Eltern in Oerlinghausen. Die Mutter machte damals eine Ausbildung, der Vater war arbeitslos.

Der Mutter, die tagsüber nicht im Haus war, fielen immer wieder Hämatome an ihrem Säugling auf. Sie fürchtete, das Baby könne eine Blutgerinnungsstörung haben, und brachte den Jungen zu unterschiedlichen Kinderärzten. Der Verdacht einer Krankheit bestätigte sich nicht. Allerdings sollen die Blutergüsse an Stellen gewesen sein, an denen sich ein Baby nicht selbst verletzten kann. Trotzdem sollen die Ärzte nichts unternommen haben.

Mit Oberarmbruch ins Krankenhaus

Im Februar kam der Junge mit einem Oberarmbruch ins Klinikum Herford. Der Vater behauptete, mit dem Baby auf dem Arm über den Teppich gestolpert zu sein und dabei den Arm des Kindes kräftig umschlossen zu haben. Dabei habe es „knack” gemacht. Die Ärzte gaben sich mit dieser Erklärung zufrieden. Ein rechtsmedizinisches Gutachten nach dem Tod des Säuglings ergab allerdings, dass der Arm auch gedreht worden sein muss und dass solche Verletzungen oft Folgen von Misshandlungen sind.

Die schwersten und letztlich tödlichen Verletzungen erlitt der Säugling am 12. März. Der Vater gab an, sich mit dem Baby auf dem Arm mit Schwung aufs Sofa gesetzt zu haben. Dabei sei das Kind mit dem Kopf gegen die dahinterliegende Fensterbank geschlagen. Diesmal kam der Junge in die Kinderklinik Bielefeld-Bethel, und dort schöpften die Ärzte Verdacht. Sie riefen die Polizei, die den Vater am 13. März festnahm. Einen Tag später starb der Säugling im Krankenhaus.

Rechtsmediziner machten als Todesursache ein Schütteltrauma aus, zudem fanden sie Spuren stumpfer Gewalt an mehreren Stellen des Körpers. Und sie entdeckten zwei schon vor längerer Zeit gebrochene Rippen.

Der Vater, der in Untersuchungshaft sitzt, bestreitet, seinem Kind etwas angetan zu haben. Ein mögliches Motiv konnten Kripo und Staatsanwaltschaft bisher nicht ausmachen. Sie fanden aber heraus, dass es für das Baby eine Unfallversicherung gab, die bei Tod und Verletzungen zahlen sollte. Den angeblichen Unfall mit dem Armbruch soll der Vater bereits bei der Versicherung eingereicht haben.

Kompetenzzentrum Kinderschutz in Köln

Eine gesetzliche Pflicht für Ärzte, Kindesmisshandlungen zu melden, gibt es nicht. Befürchtet ein Arzt allerdings, dass es zu weiteren Taten kommen könnte, und er unternimmt nichts, könnte er sich einer fahrlässigen Körperverletzung oder Tötung durch Unterlassen strafbar machen. Dazu müsste der Arzt aber zunächst einmal wissen, ob die bisher bekannten Verletzungen überhaupt auf Misshandlungen beruhen.

Helfen soll ihm dabei das vor einem Jahr eingerichtete Kompetenzzentrum Kinderschutz im Gesundheitswesen (KKG) in Köln, das von der Rechtsmedizinerin Prof. Dr. Sibylle Banaschak geleitet und vom Land NRW gefördert wird. Ärzte können in einem geschützten Internetportal kostenlos anonymisierte Falldarstellungen und Fotos hochladen und sich von Experten der Rechtsmedizin Köln beraten lassen.

Im ersten Jahr des Bestehens habe es etwa 400 Anfragen von Ärzten zum Thema Kindesmisshandlung gegeben, sagt Prof. Sibylle Banaschak. Fast alle Anfragen seien von Kinderärzten und Kinderchirurgen gekommen, die in Kliniken arbeiteten. „Und in fast 90 Prozent der Fälle hat sich der Verdacht der Ärzte, dass einem Kind Gewalt angetan wurde, bestätigt.”

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