„Lobo“ lebt schon 40 Jahre auf der Straße – Seit einer Woche ist er in Herford
Der „einsame Wolf“ möchte duschen

Herford (WB). Er trinkt keinen Alkohol, lässt die Finger von Drogen und schnorrt die Leute nicht an: Und doch ist die Straße sein Zuhause – und zwar seit mehr als 40 Jahren. Seit einer Woche campiert „Lobo“, der „einsame Wolf“, in der Unterführung zum Bahnhof. Weshalb tut er sich das an?

Mittwoch, 23.09.2020, 06:00 Uhr aktualisiert: 23.09.2020, 09:54 Uhr
„Hallo Herford“: Lobo und Hund „Kampfkrümel“ haben ihr Quartier in der Unterführung zum Bahnhof aufgeschlagen. Der gesamte Hausstand des 63-Jährigen passt in einige Tüten. Weil er Arthrose im Endstadium hat, ist der gebürtige Kölner auf den Rollator angewiesen. Seinen echten Namen verrät er nicht. Foto: Moritz Winde
„Hallo Herford“: Lobo und Hund „Kampfkrümel“ haben ihr Quartier in der Unterführung zum Bahnhof aufgeschlagen. Der gesamte Hausstand des 63-Jährigen passt in einige Tüten. Weil er Arthrose im Endstadium hat, ist der gebürtige Kölner auf den Rollator angewiesen. Seinen echten Namen verrät er nicht. Foto: Moritz Winde

„Es ist das Gefühl von Freiheit. Ein Leben in einer Wohnung kann ich mir gar nicht mehr vorstellen. Da würde ich wohl Platzangst bekommen“, sagt der 63-Jährige, dessen gesamtes Hab und Gut in ein paar Tüten passt. Die Zeit mit einem eigenen Dach über dem Kopf liegt lange zurück. Der gelernte Maurer erzählt, er sei im Alter von 22 Jahren vom Gerüst gefallen, habe sich schwer verletzt – und dann Job und Firmenwohnung verloren.

Ein Hund namens „Kampfkrümel“

Immer mal wieder habe er die Hilfsangebote der Kommunen in Anspruch genommen – allerdings meist mit schlechten Erfahrungen. „90 Prozent der Obdachlosen sind drogen- und oder alkoholabhängig. Da gibt es immer Stress. Deshalb bleibe ich lieber für mich.“

Ohnehin könne er besser mit Tieren als mit Menschen – keinen festen Wohnsitz zu haben, mache eben auch einsam. „Kampfkrümel“ weicht ihm daher auch nicht von seiner Seite. Der neunjährige Jack-Russel-Parson-Mix ist nicht nur bester Freund, sondern auch Schmusetier. „Wenn’s zu kalt wird, kuscheln wir gemeinsam in der Höhle“, sagt der Mann mit dem Rauschebart. Mit „Höhle“ meint Lobo die Doppel-Isomatte sowie die zwei Schlafsäcke, die den beiden als Nachtquartier dienen.

In vier Jahrzehnten habe er gelernt, Wind, Wetter und Temperaturen zu trotzen. Dennoch sei es natürlich hart, wenn die Eiseskälte in die Knochen krieche, zumal der gebürtige Kölner nicht mehr der Jüngste und nicht mehr der Fitteste ist. Gebrochene Schulter, Arthrose im Endstadium, Herzschrittmacher: Die körperlichen Strapazen machen dem Stadtstreicher mehr und mehr zu schaffen. Er hat einen Schwerbehindertenausweis, Grad 50 Prozent.

Aus Bielefeld vertrieben

Um so wichtiger sei es, einen guten Ort zum Rasten zu finden, meint Lobo, der meist nie länger als ein paar Wochen in einer Stadt bleibt. Es sei denn, er werde weggescheucht, so wie vor einigen Tagen vom Bielefelder Ordnungsamt. In der benachbarten Hansestadt dagegen seien die Behörden verständnisvoller: „Sie haben kein Problem, wenn ich noch etwas hier bleibe. Ich sammele auch meinen Müll auf und wechsele täglich die Seite, damit die Kehrmaschine Platz hat.“

Auch die meisten Herforder begegneten ihm freundlich, sagt der 63-Jährige und schiebt sich eine Weintraube in den Mund. Das Obst habe er am Morgen von einer netten Dame geschenkt bekommen. Kurz darauf radelt Elsbachrestaraunt-Chef Marc Höhne vorbei und lädt den Obdachlosen zum Mittagessen ein. „Damit du was Warmes im Bauch hast.“ Lobo freut sich über so viel Nächstenliebe.

Nur mit der Hygiene ist das eine komplizierte Sache – gerade in Corona-Zeiten: Er habe seit Dortmund nicht mehr geduscht. Sein Aufenthalt in der BVB-Stadt liegt schon vier Wochen zurück. Und auch seine Kleidung müsste mal dringend gewaschen werden. Doch mit Sicherheit gibt es Herforder, die dem „einsamen Wolf“ diese Wünsche erfüllen werden, bevor er seine Sachen packt und weiterzieht. Nach Herford aber will er wieder kommen. „Ist echt schön hier!“

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