Klinikum-Hygieniker hält Durchführung eines Weihnachtsmarktes in Herford für unverantwortlich
„Das wäre dann wie bei Tönnies“

Herford (WB). Mit deutlichen Worten hat Dr. Johannes Baltzer die Planungen eines Weihnachtsmarktes in Herford kritisiert. „Ich habe angesichts des Infektionsgeschehens keinerlei Verständnis dafür“, sagt der Chef-Hygieniker am Klinikum.

Mittwoch, 28.10.2020, 05:20 Uhr
Wird in diesem Jahr auf dem Neuen Markt weihnachtlich gefeiert? Foto: Moritz Winde
Wird in diesem Jahr auf dem Neuen Markt weihnachtlich gefeiert? Foto: Moritz Winde

Der 64-Jährige zeigt sich verwundert darüber, dass der bunte Trubel nicht schon abgesagt worden ist. „Diese Entscheidung hätte längst getroffen werden müssen. Sogar die Organisatoren des berühmten Christkindlmarktes in Nürnberg haben dies begriffen.“ Reihenweise haben in den vergangenen Wochen Städte ihren adventlichen Budenzauber gecancelt – zuletzt unter anderem auch Münster.

Dr. Johannes Baltzer hält diese Maßnahme mit Verweis auf die rasant steigenden Corona-Zahlen für alternativlos. „Selbst das beste Sicherheits- und Hygienekonzept würde keinen vernünftigen Schutz bedeuten.“

Im Gegenteil: Auf einem Weihnachtsmarkt würde das Virus beste Voraussetzungen haben, um sich zu verbreiten. Schon jetzt ist der Kreis Herford mit einem Inzidenzwert von 144 Negativ-Spitzenreiter in Ostwestfalen-Lippe. Und das Ende der Talfahrt scheint noch nicht erreicht zu sein.

Verständnis für Schausteller-Sorgen

Der Mediziner vergleicht die Situation auf einem Weihnachtsmarkt mit der beim Fleischkonzern Tönnies, dessen Werk in Rheda-Wiedenbrück im Frühjahr zum Hotspot wurde. Hunderte Mitarbeiter des Zerlegebetriebes wurden damals positiv auf Covid 19 getestet.

„Auch auf dem Weihnachtsmarkt steht man in der Regel dicht beieinander, es herrschen niedrige Temperaturen und wer Bratwurst isst oder Glühwein trinkt hat keine Maske auf. Wenn man sich dann noch etwas lauter unterhält, ist doch klar, dass die Aerosole nur so umherfliegen.“

Gleichzeitig hat Dr. Johannes Baltzer großes Verständnis für die existenziellen Sorgen der Schausteller. Der Leiter der Krankenhaushygiene-Abteilung sieht hier die Politik in der Verantwortung. „Es die Aufgabe der Politiker, dass diese Menschen nicht ins Bodenlose abrutschen.“ So tief aber die Einschnitte auch sind: Wichtig sei, dass Schulen, Kitas und somit die Wirtschaft weiterliefen.

Die Stadt Herford teilte am Dienstag mit, dass vor dem 1. November keine Entscheidung in Sachen Weihnachtslicht und Außengastronomie fällt. Man warte auf die Vorgaben des Landes in der neuen Corona-Schutzverordnung , die zum 1. November in Kraft tritt.

Kommentar von Moritz Winde

Populär ist eine Absage des Weihnachtsmarktes sicher nicht: Allerdings kann dies nicht der Maßstab sein. Volksvertreter müssen gerade in Krisenzeiten Verantwortung übernehmen.

Es ist irritierend, dass weder Landrat noch Bürgermeister klare Kante in dieser Debatte zeigen. Stattdessen soll Armin Laschet eine landesweite Entscheidung verkünden. Nach dem Motto: Soll der Ministerpräsident doch der Buh-Mann sein.

Angesichts des dramatischen Infektionsgeschehens wäre ein Budenzauber geradezu fahrlässig. Das wissen auch die Behörden vor Ort.

Dr. Johannes Baltzer leitet die Abteilung Krankenhaushygiene am Klinikum Herford.

Dr. Johannes Baltzer leitet die Abteilung Krankenhaushygiene am Klinikum Herford.

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